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SUPPLEMENT: PRAXiS

Aktienmarkt: „Stelle dich nicht gegen die Zentralbank“

Dtsch Arztebl 2015; 112(10): [28]

Fischer, Leo

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Foto: Fotolia/weerapat1003
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Die Fondsmanager begrüßen die geldpolitische Entscheidung der Europäischen Zentralbank, in großem Stil Staatsanleihen zu kaufen. Zumindest das erste Halbjahr 2015 dürfte im Zeichen der Aktien stehen.

Die deutsche Fondsbranche erlebte 2014 ein Rekordjahr – unter anderem dank der hohen Mittelzuflüsse bei den Mischfonds. Diese Fonds, die in Aktien und festverzinsliche Wertpapiere investieren dürfen, waren in der Vergangenheit bei den Fondsmanagern nicht so beliebt, weil das Chancen-/Risikoprofil dieser Fondsgattung nicht so eindeutig festzulegen ist wie bei reinen Renten- oder Aktienfonds. Doch derzeit zeigen die Mischfonds ihre lange verkannten Vorteile: „Investmentfonds haben wie kein anderes Produkt die Möglichkeit, renditestarke Anlagen, wie Aktien, mit anderen Anlageklassen, wie Anleihen, zu mischen und damit entsprechend dem Risikoprofil des Anlegers in die Kapitalmärkte zu investieren“, sagt Holger Naumann, Präsident des deutschen Fondsverbands BVI.

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In Mischfonds investierten die Anleger 2014 die Rekordsumme von netto 22,7 Milliarden Euro; mehr als die Hälfte davon floss in ausgewogene Fonds, also solchen, die zu gleichen Teilen in Anleihen und Aktien anlegen. Das Vermögen der Mischfonds erhöhte sich über das Jahr von 144 Milliarden Euro auf 176 Milliarden Euro. Die meisten Gelder verwalten unter den Publikumsfonds aber die Aktienfonds, die auf ein Fondsvermögen von 278 Milliarden Euro (Ende 2013: 266 Milliarden Euro) kommen. Auch für 2015 erwartet die Branche eine Fortsetzung des positiven Trends für Aktien- und Mischfonds. Rentenfonds, die viele Jahre die Favoriten der deutschen Anleger waren, bieten angesichts der niedrigen Zinsen weniger gute Perspektiven, sind derzeit aber auch gefragt. Gegen Rentenfonds spricht, dass die laufenden Erträge vergleichsweise gering sind, und sollte es zu einem Anstieg der Zinsen kommen, der allerdings nicht abzusehen ist, drohen Kursverluste.

Im Augenblick spricht jedenfalls mehr für Aktien als für Anleihen, aber auf die Möglichkeit, die Risiken durch Beimischung von Anleihen zu dämpfen, sollte man nicht verzichten. Niedrige Zinsen und hohe Liquidität waren schon seit jeher Schmierstoff für den Börsenmotor, also für Aktien. Gerade erreichte der Deutsche Aktienindex (DAX) mit mehr als 11 000 Punkten einen neuen Rekord. Aber angesichts der unruhigen politischen Lage (Ukraine, Griechenland) muss der Anleger auch mit Rückschlägen rechnen.

Neue Anregungen erhielt die Kursfantasie im Januar durch die Bekanntgabe des Anleiherückkaufprogramms der Europäischen Zentralbank (EZB). Notenbankchef Mario Draghi hatte den Ankauf von Staatsanleihen und anderen Bonds im Volumen von Tausend Milliarden Euro angekündigt. Damit sollen der Abrutsch der Wirtschaft in die Deflation verhindert und die Inflation beschleunigt werden. Die hohe Liquidität und die niedrigen Zinsen sollen die Wirtschaft ankurbeln und zu einer höheren Inflationsrate führen. Die Anleger sollen aus den bislang risikolosen Anleihen herausgehen und in Assetklassen mit höherem Risiko (und damit höheren Renditen), also Aktien, investieren. Wer also in Aktien investiert, befindet sich im Einklang mit den Absichten der EZB und beachtet eine wichtige Börsenregel: Stelle Dich bei Deinen Investitionsentscheidungen nie gegen die Zentralbank. Mehr denn je befinden sich die Geld- und Kapitalmärkte in der Hand der Notenbanken.

Ein Nebeneffekt der durch die Zentralbank ausgelösten Geldflut ist die Schwächung des Euros, die die Exporte aus dem Euroraum ausweiten dürfte. Auch dieser Effekt ist beabsichtigt, auch wenn dies nicht offen zugegeben wird, um vor allem in den USA keine Gegenmaßnahmen auszulösen. Ebenfalls exportfördernd ist die Aufwertung des Schweizer Frankens, die sich nach der Kursfreigabe der schweizerischen Währung durch die Notenbank der Eidgenossen an den Devisenmärkten ergeben hat. Seit September 2011 hatte die Schweiz den Eurokurs bei 1,20 Franken festgezurrt. Unter dieses Niveau sollte der Euro nicht fallen, um den Export der Schweiz nicht zu gefährden (60 Prozent der Schweizer Ausfuhren gehen in den Euroraum). Schon bei 1,20 Franken je Euro stöhnte die Exportwirtschaft der Schweiz unter dem teuren Franken. Derzeit schwankt der Kurs um 1,05 Euro.

Im Euroraum könnte es zu einem exportgetriebenen Konjunkturaufschwung kommen, der zu weiter steigenden Kursen an den Aktienmärkten führen dürfte. Die rekordniedrigen Zinsen könnten die Banken endlich zu einer aktiveren Kreditvergabe anregen. Schließlich wirkt auch der Einbruch des Ölpreises wie ein riesiges Konjunkturprogramm und stärkt die Nachfrage der Konsumenten. Im Januar 2015 fielen dank des billigen Öls die Verbraucherpreise gegenüber dem Vormonat um ein Prozent, es ist der erste Rückgang seit mehr als fünf Jahren. Die EZB strebt eine Inflationsrate von knapp zwei Prozent an, bei diesem Niveau sei immer noch Preisstabilität gewahrt. Ein Abrutschen in die Deflation soll verhindert werden.

Gleichwohl könnte sich die Schlussfolgerung, dass man heute in Zeiten expansiver Geldpolitik mit niedrig bewerteten Unternehmen nichts falsch machen kann, als riskant erweisen, meint Didier Saint-Georges, Mitglied des Investmentkomitees der Fondsgesellschaft Carmignac Gestion in einem Interview mit der Fondsberatungsgesellschaft Morningstar. Denn niedrig bewertet seien heute vor allem zyklische Titel. Wenn sich die weltweite Konjunktur nicht so positiv entwickelt, wie das derzeit erwartet wird, dann seien diese konjunktursensitiven Unternehmen zu Recht günstig bewertet. Der Fondsmanager bevorzugt solide, stetig wachsende Unternehmen aus dem Konsum- und Pharmabereich in Europa sowie in den USA Technologieaktien, die relativ unabhängig von der Konjunkturentwicklung seien. Schließlich könne sich die Aufwertung des US-Dollars (aufgrund der Abwertung des Euros) dämpfend auf die US-Konjunktur auswirken. Darin liegt eine Gefahr für die Konjunkturentwicklung in Europa. Denn die US-Notenbank könnte ihrerseits die Geldschleusen öffnen, wenn der US-Dollar sich allzu stark aufwertet.

Das Konsumvertrauen in Deutschland ist derzeit sehr hoch. Der GfK-Konsumklima-Index, der die Konsumneigung der Privathaushalte misst, hat im Februar einen Wert von 9,3 Punkten erreicht und damit einen Rekordstand seit 13 Jahren. Zum Vergleich: Im Januar 2014 lag der Index erst bei sieben Punkten. Vor allem die niedrigen Öl- und Benzinpreise haben die Kauflaune der Verbraucher positiv beeinflusst. Der Einzelhandel dürfte auch im laufenden Jahr profitieren, glaubt die Deutsche Bank. Die Analysten rechnen mit einem Anstieg der Konsumausgaben in Deutschland im laufenden Jahr um drei Prozent. Aber die richtigen Konsumtitel herauszupicken ist nicht einfach. Auf Fonds zu setzen, die in Konsumwerte investieren, ist auch nicht zielführend, weil die Branche zu heterogen ist, um sie treffend in einem Fonds nachbilden zu können. Der weltweit zweitgrößte Konsumgüterkonzern Unilever ist auch schon fast ein Konsumfonds. Allerdings musste Unilever 2014 eine Umsatzeinbuße um 2,7 Prozent hinnehmen, vor allem in China gab es einen Rückgang der Verkaufserlöse. Unilever macht inzwischen mehr als die Hälfte seines Umsatzes in den Schwellenländern. Zu Unilever zählen die Dove-Seife, Domestos, Knorr, Langnese-Eis und Lipton-Eistee.

Pharmaaktien haben ein hervorragendes Jahr 2014 hinter sich. Auch für das laufende Jahr besteht viel Wachstumsfantasie. Die Zahl der Patentabläufe, die in den letzten Jahren die Branche belastet hat, scheint nachzulassen. Intensiv forscht die Branche nach neuen Krebsmedikamenten. Ein Wachstumsmarkt bleibt die Biotechnologie, weil diese auch in China, Indien und Brasilien immer mehr Anhänger findet. Zudem sind Biotechfirmen Übernahmeziele der großen Pharmafirmen, doch auch hier fahren die Anleger mit Fondslösungen besser, es sei denn, sie hätten sich sehr gute Fachkenntnisse der Branche erworben. Mediziner legen gern direkt in Biotech- und auch Pharmaaktien an.

Der konservative Anleger wird indes auf absehbare Zeit gut mit Mischfonds fahren und mit Aktienfonds, die breit gestreut auf Standardwerte setzen. Langfristige Vergleiche zeigen freilich, dass der größere Anlagespielraum, den Mischfonds den Fondsmanagern bieten, nicht zu einer überlegenen Performance gegenüber Rentenfonds oder Aktienfonds genutzt werden konnte. Stockpicking oder auch Anleihepicking ist offenbar leichter, als rechtzeitig von Aktien in Anleihen oder umgekehrt zu wechseln. Das Timing ist die schwierigste Entscheidung bei der Geldanlage. Das gilt nicht nur für Anleihen und Aktien, sondern für fast alle Assetklassen. Dr. Leo Fischer

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