ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2015Zukunft des Sozialstaates: Mehr Medizin wagen

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Zukunft des Sozialstaates: Mehr Medizin wagen

Emami, Pedram

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Die Medicin ist eine sociale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts, als Medicin im Grossen“, wird der Arzt und Politiker Rudolf Virchow gerne zitiert. In der Tat hat die Medizin immer eine prägende Rolle in den Diskussionen um die Zukunft des Sozialstaates gespielt. Andererseits üben aber auch Politik und Wirtschaft einen erheblichen Einfluss auf die Medizin aus. So waren die Veränderungen der Krankenhauslandschaft in diesem Jahrtausend politisch getrieben und ökonomischer Natur. Immer mehr merkantile Elemente sollen Einzug in das Gesundheitswesen finden; der Wandel des Krankenhauses zu einem gewöhnlichen Betrieb wird von dem Glauben vorangetrieben, dass wirtschaftlich fokussiertes Denken im Gesundheitswesen zu Kostensenkung und zu Qualitätsverbesserung führt.

Derweil stellt sich dieser Irrglaube als Ursache für eine Entwicklung heraus, im Zuge derer – bei im Übrigen weiterhin steigenden Ausgaben – eine Diskussion über die Berechtigung von Indikationen, steigenden Eingriffszahlen und Qualitätsaspekten entstanden ist. In einem solchen System fungiert die Ökonomie eben nicht als Mittel zum Zweck, sondern droht zum Selbstzweck zu werden – und dies in einem Umfeld, in dem es um sovielmehr geht als um Wertschöpfung, Gewinnbestreben und Leistungszahlen.

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Als natürliche Folge dieser ökonomisch orientierten Entwicklung im Gesundheitswesen hat auch die Ärzteschaft einen Wandel vollzogen: Sie hat das Diktum der Ökonomie nicht nur toleriert, sondern sich ihr ungewollt und unbewusst unterworfen, als sie sich durch Protest und Demonstration von Verdi loslöste und für mehr Arbeitnehmerrechte stark machte. Dabei ging es längst nicht ausschließlich um altruistische Belange wie Patientenwohl und Gemeinwesen. Vielmehr suchten angestellte Ärzte die Emanzipation, um nicht länger auf Arbeitnehmerrechte verzichten zu müssen; war es doch in der Vergangenheit ausgerechnet das Pflichtbewusstsein gegenüber dem Patienten, das immer wieder zur Erpressung der Ärzteschaft missbraucht wurde. Als Folge hieraus bekannte sich die Ärzteschaft im Krankenhaus erstmals und eindeutig zum Dasein als Arbeitnehmer. Waren sie bis dahin die inhaltlich führenden Köpfe und das Verwaltungs- und das Rechnungswesen stützende Elemente zum Funktionserhalt im Krankenhaus, so bestimmten fortan letztere die Geschicke des Krankenhauses.

Mit der Betonung der gewerkschaftlichen Funktion des Marburger Bundes (MB) bekannten sich nun nicht nur die Ärzte, sondern auch ihre Standesvertreter dazu, Bestandteile eines „modernen“ Unternehmens zu sein. Diese Veränderung der Selbstwahrnehmung als Arbeitnehmer gipfelte schließlich in der Inanspruchnahme des Streikrechts zur Durchsetzung besserer Arbeitsbedingungen, aber auch finanzieller Interessen und Wünsche; wobei Ersteres zwar primär dem Arzt, aber mittelbar natürlich auch dem Patienten zugutekam und -kommt.

Die Gefahr einer ausschließlich gewerkschaftlichen Orientierung des MB besteht jedoch darin, dass die aktive und gestaltende Rolle als Meinungsbildner im Gesundheitswesen endgültig gegen eine passive „Angestelltenposition“ aufgeben wird. Wir sollten vielmehr noch einen Schritt weiter gehen und uns nicht nur individuell als Ärztinnen und Ärzte, sondern auch als Interessenvertretung mit der Frage auseinandersetzen, in welcher Form weitere Veränderungen unserer Aufgaben als Verband zu definieren sind.

Voraussetzung dafür ist aber die Erkenntnis um die Bedeutung der Sprache und der Spielarten der Ökonomie: Es ist unsere Pflicht, sie zu lernen, sie zu verstehen und sie vollends zu beherrschen, um dann bewusst und sachkundig im Sinne des Patienten wie auch des Beitragszahlers nicht nur Strukturen des Krankenhauses, sondern auch des Gesundheitssystems insgesamt mitzugestalten. Wir sollten uns dabei endgültig von der von Angst und Skepsis geprägten Verweigerungshaltung der letzten Dekaden lösen und erkennen, dass dieselbe Sprache zu sprechen, noch lange nicht bedeutet, dieselben Ziele zu verfolgen.

Ganz entscheidend ist dabei aber auch das Bekenntnis zur Medizin über das rein ärztliche hinaus als Bekenntnis zum Sozialen und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten ökonomischer Unsicherheit und des allgemeinen Gefühls von sozialer Ungerechtigkeit und Zukunftsangst. Ein wesentlicher Aspekt ist hier die aktive Anregung eines breiten gesellschaftlichen Diskurses darüber, was die Bevölkerung vom Gesundheitswesen erwartet: Welche Aufgaben werden verlangt? Welcher Umfang an Leistungen wird vorausgesetzt? Und welche Rolle spielt das Gesundheitswesen im Kontext des sozialen Gefüges?

Wir Ärzte haben uns ab 2005 gehäutet, emanzipiert und die Verantwortung für uns selbst übernommen. Es ist Zeit, uns noch deutlicher und klarer darüber hinaus auch zu unserer wichtigen Rolle in der Gesellschaft zu bekennen und endlich für einen sinnvollen Umgang mit Ressourcen zu sorgen. Um es klar zu sagen: Es gab genug Ökonomie und Politik in der Medizin, jetzt ist es Zeit für mehr Medizin in der Ökonomie und in der Politik: Es ist an der Zeit, Virchow beim Wort zu nehmen.

Dr. med. Pedram Emami, MBA, Vorstand der Ärztekammer Hamburg

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