ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2015Therapietreue: Unterstützung per Smartphone-App

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Therapietreue: Unterstützung per Smartphone-App

Steinert, Anika; Weddige, Julian

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Mangelnde Therapietreue ist ein großes, aber kein neues Problem. Die Charité rückt ihm nun per Smartphone zu Leibe. Ein Ansatz mit Potenzial für den Praxisalltag.

Foto: smartpatient
Foto: smartpatient

Jeder praktizierende Arzt kennt die Situation: Kaum hat der Patient die Praxis verlassen, wird die konsequente Medikamenteneinnahme zur Herausforderung – aller eindringlichen Worte zum Trotz. Die Konsequenzen sind fatal: 50 Prozent der Medikamente werden nicht verschreibungsgemäß eingenommen (1), alleine in Europa ist schlechte Adhärenz jährlich für 200 000 Todesfälle mitverantwortlich (2).

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Zwar informieren und kommunizieren viele Ärzte bereits adhärenzorientiert und schaffen so mit dem aufgeklärten Patienten eine wichtige Grundvoraussetzung für hohe Therapietreue, doch außerhalb der Praxis lauert der Alltag: Unregelmäßige Tagesabläufe, Motivationslöcher oder schlichtes Vergessen unterminieren auch beim vorbildlichsten Patienten die Adhärenz. Rund um die Uhr als Coach zur Verfügung zu stehen, ist für den Arzt nicht leistbar. Nun schickt sich das Smartphone an, diese Lücke zu schließen.

Bis vor Kurzem galt: Die Gruppe der – größtenteils älteren – chronisch Kranken nutzt bestenfalls vereinzelt Smartphones. Dass diese Ansicht überholt ist, zeigt nicht nur der Blick ins Wartezimmer: 2014 nutzte bereits die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ein Smartphone. Eine stark wachsende Verbreitung besonders bei älteren Bevölkerungsgruppen treibt dieses Wachstum weiter an (3): Knapp die Hälfte der Altersgruppe 50 bis 64 nutzte letztes Jahr bereits ein solches Gerät (4). In der Altersgruppe 65+ waren es 17 Prozent, nach lediglich sieben Prozent im Jahr 2013. Und: Jeder Nutzer verbringt am Tag mehr als zwei Stunden mit seinem Smartphone. Da scheint es naheliegend, diese hohe Aufmerksamkeit zu nutzen: Medikamenten-erinnerungen führen zu weniger verpassten Einnahmen. Die Vorteile gegenüber Zukunftstechnologien wie etwa sensorgespickten Pillen: Die Geräte sind in der Masse vorhanden, akzeptiert und vor allem einfach zu bedienen.

Pilotstudie mit älteren Patienten

Die technischen Bedürfnisse älterer Patientengruppen sind seit Langem ein Forschungsschwerpunkt an der Berliner Charité. Die in der Forschungsgruppe Geriatrie angesiedelte Arbeitsgruppe Alter & Technik ist die größte ihrer Art in Deutschland. Unter Leitung von Prof. Dr. med. Elisabeth Steinhagen-Thiessen initiierte diese im Frühjahr 2014 eine Pilotstudie zum digitalen Therapieassistenten für ältere Patienten. In der Münchner Firma smartpatient fand die Charité einen Technologiepartner (www.smartpatient.eu). Mit der App „MyTherapy“ brachte das Unternehmen eine auf die Bedürfnisse von häufig multimorbiden chronisch Kranken optimierte Lösung mit:

Die Anwendung erinnert, dokumentiert und motiviert, und das nicht nur bei der Einnahme von Medikamenten, sondern auch bei Vitalwerten und Symptomen. Über einen integrierten Gesundheitsbericht können Patienten ihrem Arzt schnell einen Überblick über den Therapiefortschritt geben. Durch die Einbindung in das Arzt-Patienten-Gespräch ist die App nicht nur ein „Medikamentenwecker“, sondern unterstützt die Patienten dauerhaft beim Übergang in einen gesünderen Lebenswandel. Für die Pilotstudie wurde die App an die spezifischen Anforderungen der Charité angepasst (Kasten).

Verbesserung der Adhärenz, gesteigertes Wohlbefinden

Die Auswertung der Pilotstudie bestätigt das Potenzial des Ansatzes: Die 30 Teilnehmer – allesamt multimorbide Patienten, 60 Jahre oder älter, größtenteils mit Diabetes und koronarer Herzkrankheit – bewerteten die Unterstützung durch die App sehr positiv. Mindestens so wichtig: Die Forscher um Studienleiter Marten Haesner konnten nicht nur eine statistisch signifikante Verbesserung der Adhärenz, sondern auch ein gesteigertes psychisches Wohlbefinden (gemessen nach SF-36) beobachten. Gemeinsam mit smartpatient sollen die Forschungsarbeiten jetzt auf einen längeren Beobachtungszeitraum und auf eine größere Fallzahl ausgedehnt werden.

Parallel setzt die Charité die MyTherapy-App in der Lipid-Ambulanz im Regelbetrieb ein, um den Zeiteinsatz im Praxisalltag weiter zu minimieren. Denn über das tatsächliche Potenzial entscheidet am Ende nicht nur die erzielte Verhaltensänderung beim Patienten, sondern auch die Akzeptanz in der vom zeitlich knappen Arztalltag bestimmten Ärzteschaft.

Anika Steinert, Julian Weddige

4 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Leiterin der Forschungsgruppe Geriatrie der Charité

Mit dem Handy die Adhärenz steigern – funktioniert das?

Steinhagen-Thiessen: Wir sind überzeugt, dass die Therapietreue durch Technik gesteigert werden kann. Eine Studie aus Großbritannien konnte bei der Nutzung einer Smartphone-App einen positiven Effekt bei der Asthmatherapie nachweisen. In einer Pilotstudie mit 30 Senioren konnten wir zeigen, dass die Medikamentenadhärenz durch die Nutzung der App „MyTherapy“ gesteigert werden konnte. Die Langzeitmotivation von Senioren zur Nutzung der App und damit zur Steigerung der Therapietreue wird in einer weiterführenden Studie untersucht.

Kommen ältere Patienten mit einer App wie „MyTherapy“ überhaupt zurecht?

Steinhagen-Thiessen: Es gibt immer mehr Senioren mit einer hohen Technikbereitschaft und einer hohen Affinität, neue technische Systeme zu erlernen. Der Zugang erfolgt häufig über die Kinder und Enkelkinder. Diese erklären Funktionen der neuen Technik und üben diese zusammen ein. Vor allem für ältere Menschen, die nicht mit der Technik aufgewachsen sind oder im Berufsleben damit konfrontiert wurden, sind Gebrauchsanleitungen, auf die immer häufiger vonseiten der Hersteller verzichtet wird, notwendig.

Wie verändert sich die Rolle des Arztes?

Steinhagen-Thiessen: Für den Arzt ist es dadurch leichter, einen umfangreichen Überblick auch über die einzelnen Besuchstermine hinaus von seinem Patienten zu bekommen. Der Arzt ist durch die Berichte der App nicht ausschließlich auf die subjektiven Angaben des Patienten angewiesen, sondern kann sich selbst ein Bild von der Einhaltung der verschriebenen Therapien machen und die Ergebnisse mit seinem Patienten diskutieren. Für den Arzt ist es somit leichter nachzuvollziehen, warum gegebenenfalls bestimmte Therapien nicht eingehalten wurden. Auf dieser Grundlage kann er zusammen mit dem Patienten einen für den Senior geeigneten und realistischen Therapieplan erstellen.

Funktioniert das auch im zeitknappen Praxisalltag?

Steinhagen-Thiessen: Dies funktioniert im Praxisalltag nur, wenn dem Arzt ein kurzer und auf die wichtigsten Daten begrenzter Bericht vorliegt. Aufgrund der zeitlichen Begrenzung müssen die wichtigsten Daten für den Arzt sofort erkennbar sein, ohne dass ein langes Studieren des Berichtes notwendig ist. Zudem müssen die Daten leicht abrufbar sein, so dass entweder der Senior selbst den Bericht zu Hause ausdrucken und seinem Arzt vorlegen kann oder die Daten von medizinischem Personal einfach abgerufen werden können. Die „MyTherapy“-App ermöglicht dem Arzt, eine komprimierte Ansicht der Werte des Patienten einzusehen, während der Senior selbst eine umfangreichere Übersicht seiner Daten abrufen kann. Ziel ist es, einen aufgeklärten und mitarbeitenden Patienten zu haben und somit die Compliance der Senioren zu erhöhen.

Funktionen des Assistenten

Ein Therapieassistent für den Patient . . .

  • Aufbereitung der Therapie als Aufgabenliste mit Medikamenten, Aktivitäten und Messungen
  • Erinnerungen sichern pünktliche Einnahme von Medikamenten
  • Dokumentation und Visualisierung von Einnahmen, Messwerten etc. im integrierten Gesundheitstagebuch

. . . und ein Therapieassistent für den Arzt

  • Verbesserung der Betreuung außerhalb der Praxis
  • Selbsterklärende Anwendung ohne Mehraufwand für den Praxisalltag
  • Bessere Transparenz für das Patientengespräch durch Gesundheitsbericht mit Adhärenz, Messwerten etc.
1.
http://whqlibdoc.who.int/publications/2003/9241545992.pdf
2.
http://abcproject.eu/index.php?page=publications
3.
www.emarketer.com/Article/Smartphones-All-Rage-Germany/1010942
4.
www.millwardbrown.com/adreaction/2014/report/Millward-Brown_AdReaction-2014_Global.pdf
1.http://whqlibdoc.who.int/publications/2003/9241545992.pdf
2.http://abcproject.eu/index.php?page=publications
3.www.emarketer.com/Article/Smartphones-All-Rage-Germany/1010942
4.www.millwardbrown.com/adreaction/2014/report/Millward-Brown_AdReaction-2014_Global.pdf

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