ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2015Postmortale Organspende: Der Hirntod ist die Zäsur

POLITIK

Postmortale Organspende: Der Hirntod ist die Zäsur

Dtsch Arztebl 2015; 112(10): A-393 / B-341 / C-333

Richter-Kuhlmann, Eva

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Trotz unterschiedlicher Ansichten darüber, ob der Hirntod ein sicheres Todeszeichen ist, hält der Deutsche Ethikrat den Hirntod ethisch und verfassungsrechtlich ausreichend für die Legitimität einer Organentnahme.

Der Deutsche Ethikrat – bestehend aus 26 Medizinern, Ethikern, Juristen, Theologen und Naturwissenschaftlern – ist sich einig: Nach der Feststellung des Hirntods bei einem Menschen können dessen Organe für eine postmortale Organspende entnommen werden, sofern er sich zuvor für eine solche Spende ausgesprochen hat. Allein ein Herz-Kreislauf-Stillstand genüge jedoch nicht als Entnahmekriterium.

Prof. Dr. med. Peter Scriba, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Bundes­ärzte­kammer, begrüßt das einstimmige Votum des Rates vom 24. Februar. Für Ärzte und Patienten sei dies ein positives und vertrauensbildendes Signal. Mit der 170 Seiten umfassenden Stellungnahme „Hirntod und Entscheidung zur Organspende“ habe der Rat eine „gründliche, sorgfältige und umfassende Arbeit“ vorgelegt, sagte der Arzt dem Deutschen Ärzteblatt.

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Hirntod wird nicht von allen mit dem Tod gleichgesetzt

In der Stellungnahme greift das Beratergremium der Politik nicht nur die Kontroverse über den Hirntod auf, sondern fordert zugleich Verbesserungen bei der Kommunikation rund um die Organspende und plädiert für eine gesetzliche Regelung zu organprotektiven Maßnahmen vor der Feststellung des Hirntods. Der Rat regt an, das Aufklärungsmaterial über eine mögliche Kollision von Patientenverfügung und Organspendeerklärung sowie über Art, Umfang und Zeitpunkt von organprotektiven Maßnahmen zu ergänzen. Drei Mitglieder des Deutschen Ethikrates lehnen allerdings in einem Sondervotum eine solche Regelung ab. „Der ärztliche Behandlungsauftrag konzentriert sich auf das Wohl des Patienten und nicht auf eine theoretische Möglichkeit zur Organspende“, erklärte der Transplantationsmediziner Prof. Dr. med. Eckhard Nagel. Eine Differenzierung in patientenorientierte gegenüber organprotektive Maßnahmen hält er für klinisch nicht relevant.

Trotz der Einigkeit über den möglichen Zeitpunkt für eine Organentnahme gibt es über die Definition des Todeszeitpunktes in dem Gremium unterschiedliche Ansichten: Die große Mehrheit des Ethikrates (19 Mitglieder) meint, dass der Hirntod ein sicheres Zeichen des Todes sei und dass nur toten Menschen Organe für eine postmortale Organspende entnommen werden dürften (Dead-Donor-Rule). „Der Hirntod ist das am besten begründete Kriterium für den Tod – das irreversible Ende der Einheit von Körper und Geist“, sagte der Verfassungsrechtler Prof. Dr. iur. Reinhard Merkel als Vertreter des Mehrheitsvotums.

Eine Minderheit von sieben Mitgliedern argumentiert dagegen, dass der Hirntod nicht gleichbedeutend mit dem Tod des Menschen sei, weil der menschliche Körper auch nach dem Ausfall der Hirnfunktionen noch gewisse Steuerungsfunktionen besitze. Dabei verweist die Gruppe auf Berichte über Reaktionen auf Schmerzreize und die Möglichkeit der Fortführung einer Schwangerschaft. Die Ethikratsvorsitzende, Prof. Dr. med. Christiane Woopen, die ebenfalls dieser Gruppe angehört, bezeichnete den Hirntod als „irreversibles Ganzhirnversagen“, das zwar nicht mit dem Tod des Menschen gleichzusetzen, jedoch ein Teil des Sterbeprozesses sei. In ihrem Minderheitenvotum weisen die Experten dem Hirntod dennoch die Rolle des notwendigen Entnahmekriteriums für Spenderorgane zu. „Der Hirntod kann als normative Zäsur gesehen werden“, erklärte Staatsrechtler Prof. Dr. iur. Wolfram Höfling. Eine Organentnahme bei Hirntod sei nicht als Tötung zu bezeichnen, weil der betreffende Mensch über keinerlei Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögen mehr verfüge und eine Weiterbehandlung nicht mehr sinnvoll sei.

Hirntod-Richtlinien werden derzeit novelliert

In seiner Stellungnahme appelliert der Rat zudem an die Bundes­ärzte­kammer, die Aus- und Fortbildung von Ärzten für die Hirntoddiagnostik zu intensivieren. Bereits jetzt ist es Voraussetzung für eine Organ- oder Gewebespende, dass zwei erfahrende Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod des Patienten feststellen. „Der Wissenschaftliche Beirat der Bundes­ärzte­kammer hat zudem gerade auf der Basis einer medizinisch-wissenschaftlichen Fachanhörung die Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes aus dem Jahr 1997 fortgeschrieben“, berichtete Scriba. Die vom Vorstand der Bundes­ärzte­kammer bereits beschlossene Neufassung liege vor dem Inkrafttreten dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium vor. Insbesondere seien die medizinischen Voraussetzungen vor der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls, die apparativen Untersuchungsmethoden und die Qualifikationsanforderungen an die beteiligten Ärztinnen und Ärzte präzisiert worden. „Im Sinne des Schaffens einer großen Transparenz halte ich es für hervorragend, dass der Verordnungsgeber den Richtlinien vor einer Umsetzung erst zustimmen muss“, betonte der Vorsitzende des Beirats.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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