ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2015Von schräg unten: Sanfte Medizin

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Sanfte Medizin

Böhmeke, Thomas

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Weil es ja sonst niemand tut, muss ich uns an dieser Stelle mal ausdrücklich loben. Was haben wir, insbesondere in den letzten Dekaden, nicht alles dafür getan, um unseren Schutzbefohlenen die Überwindung von Krankheit und Siechtum, von Schmerz und Leid so erträglich wie nur möglich zu gestalten. Berührungsfreie Diagnostik, minimal-invasive Prozeduren, nebenwirkungsarme Medikamente machen gesundheitliche Katastrophen zu Malaisen. Demgegenüber übten sich unsere Vorfahren im Mittelalter in beeindruckenden, respekteinflößenden Methoden: Gegen Fieber half das Blut aus dem aufgeschnittenen Ohr einer schwarzen Katze, das man auf ein Stück Brot laufen ließ und dann aß. Vielleicht ein Vorläufer der Immuntherapie, retrospektiv zwar schwer zu begründen, machte aber bei den Patienten sicher großen Eindruck. Bei Wurmbefall half die Asche verbrannter Schuhsohlen, auf dass sich die Würmer ekelten und den befallenen Darm fluchtartig verließen. So sprangen unsere Vorfahren mit ihren Kranken um. Kurzum: Je widerlicher und abstoßender eine Medizin war, umso mehr versprach sie zu helfen, was sich auf die Betroffenen sicher disziplinierend auswirkte. Und heutzutage? In dem Bestreben, medizinische Prozeduren so angenehm wie möglich zu gestalten, ist bei unseren Schutzbefohlenen weithin der Eindruck entstanden, gesundheitliche Schäden seien nichts weiter als eine ärgerliche Reifenpanne, eine passagere Unannehmlichkeit. Was bedauerlicherweise unsere Patienten davon abhält, mehr in ihre Gesundheit zu investieren. Wie auch heute in meiner Sprechstunde. Ein Patient kommt aus der Klinik zurück, ich hatte ihn vor einigen Tagen mit drohendem Vorderwandinfarkt in die Klinik transportieren lassen, er wurde umgehend dilatiert, die Vorderwand wurde gerettet. Zwecks Nachlese und Vorbeugung sitzt er nun vor mir, ich rekapituliere seine Risikofaktoren und ermahne ihn, mit dem Rauchen aufzuhören. „Wieso sollte ich das? Schließlich ist doch alles wieder in Ordnung!“ Ich werde nachdrücklich. Die koronare Herzerkrankung ist eine chronisch-progressive Erkrankung, die häufig mit Granaten um sich wirft, eine hat er schon überlebt, will er das ein zweites Mal riskieren? „Jetzt tun Sie doch nicht so, als sei das etwas Besonderes gewesen!“ War es aber. Hätte sich die Engstelle in seiner vorderen Herzkranzarterie verschlossen, hätte er das mit dem Leben bezahlen können. „Hätte, hätte. Ist doch repariert! Da kann ich auch weiter rauchen!“ Nochmal: Er sollte, um das Fortschreiten dieser Erkrankung zu verhindern, möglichst damit aufhören. „Jetzt hören Sie mal auf, irgendwelche Märchen zu erzählen. Ich habe einen Bluterguss in der Leiste, kriege ich darauf Schmerzensgeld?“

Was waren noch mal die Allheilmittel unser Vorfahren? Getrocknete Hirnschale, geröstete Kröten, Wolfsherzen und Wieselblut? Wir müssen uns wieder auf unsere Wurzeln besinnen.

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Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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