ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2015Smart Health: Apps als Innovationstreiber

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Smart Health: Apps als Innovationstreiber

Krüger-Brand, Heike E.

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Assistierende Technologien und Apps werden zunehmend für die Gesundheitsvorsorge genutzt. Treibende Kräfte entwickeln sich dabei aus dem unregulierten Markt.

Obwohl schon Hunderte Millionen Euro in die Erforschung und Entwicklung ambienter assistiver Technologien (AAL) geflossen sind, ist ein Marktdurchbruch noch längst nicht erreicht. Hohe Produktpreise, wenig Kaufinteresse, wenig unternehmerisches Interesse konstatierte Dr.-Ing. Reiner Wichert, Leiter der Fraunhofer-Allianz Ambient Assisted Living, Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung, beim Workshop der Bitkom-Akademie zu „Smart Health“ in Köln. Gemeinsame Geschäftsmodelle fehlten, Privacy und Datenschutz gelten als Hemmschuhe. Nur der „Nutzen“ bringe Anwender dazu, auf Privatheit zu verzichten, wie sich am Beispiel von Payback demonstrieren lasse. Da Einzellösungen wie etwa der mobile Serviceroboter, das Aktivitätsmonitoring oder das assistive Badezimmer immer mit dem Problem der Integration behaftet seien, zeichne sich ein Trend zu übergreifenden Plattformen und Gesamtlösungen ab. Dabei ist der Übergang von komfortorientiert-unterstützenden zu medizinischen Anwendungen fließend, die technologische Basis weitgehend die gleiche. „AAL muss allen Altersgruppen nutzen, also diskriminierungsfrei sein, und allen Spaß machen“, betonte Wichert. Eine Vermarktung mit Bezug auf „alt“ und „krank“ müsse scheitern.

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In die gleiche Kerbe schlug Bernhard Calmer, Cerner Health Services GmbH. „Die Menschen wollen gesund altern und fragen: Was kann mich dabei unterstützen, dieses Ziel zu erreichen?“ Statt Spezialtechnik für Alte sei „coole“ Technologie wie Wearables gefragt. Dabei sei der Vergleich mit anderen wichtig nach dem Motto: „Ich veröffentliche meine Joggingwerte und Vitaldaten in Facebook, weil ich in der Peergroup mitspielen will“, erläuterte Calmer. Das sei der Wirkmechanismus, um Motivation beim Einzelnen zu erzeugen. Der Hebel, um AAL breit umzusetzen, sei, Nutzen und Motivation intrinsisch zu erzeugen. Der Patient übernimmt Calmer zufolge dabei eine neue Rolle: „IT dient als Schlüssel zur Selbstbestimmung und Selbstverantwortung.“ Die Prävention erhält dabei eine zentrale Rolle und führt zu einem neuen Verständnis von Versorgung (Beispiel: Bonizahlungen von Versicherungen für Gesundheitsdaten). Dabei erweise sich der unregulierte Markt für E-Health als Innovationstreiber und Motor für disruptive Entwicklungen, argumentierte Calmer.

„Technik und Versorgungsprozesse denken wir in Deutschland getrennt“, monierte Melanie Tap-rogge, Deutsche Telekom. Vernetztes Denken fehle. Sie verwies als Gegenmodell auf das Projekt Telehealth Ostsachsen, in dem die CCS GmbH, eine Tochter des Universitätsklinikums Dresden, und die Telekom-Tochter T-Systems International als Projektträger eine offene, barrierefreie und interdisziplinäre IT-Plattform für die medizinische Versorgung der Bevölkerung aufbauen (www.telehealth-ostsachsen.de). Telecoaching, Telestroke, Telepathologie sind die drei Pilotanwendungen, mit denen das Netz in Betrieb gehen soll.

„Ich veröffentliche meine Joggingwerte und Vitaldaten in Facebook, weil ich in der Peergroup mitspielen will.“ Bernhard Calmer, Cerner Health Services GmbH
„Ich veröffentliche meine Joggingwerte und Vitaldaten in Facebook, weil ich in der Peergroup mitspielen will.“ Bernhard Calmer, Cerner Health Services GmbH

„Es gibt gute und schlechte Health-Apps. Man darf sich nicht blind auf Apps verlassen“, betonte Dr. med. Christiane Groß, Vorsitzende des E-Health-Ausschusses der Ärztekammer Nordrhein und des Ärztlichen Beirates NRW. Apps könnten generell den Zugang zu Informationen erleichtern und durch eine einfachere Kommunikation zwischen Arzt und Patient auch dazu beitragen, die Versorgung zu verbessern. Ärzte seien jedoch noch skeptisch. „Wenn Apps den Arzt ersetzen, Diagnosen stellen oder Therapieempfehlungen geben, dann sind wir nicht mehr dabei“, erklärte Groß mit Blick auf Anwendungen wie die Melanom-Diagnose per App. „Auch den Datenschutz sehen wir als Risiko.“ Die Preisgabe von Gesundheitsdaten etwa in Facebook berge die Gefahr des gläsernen Menschen auf freiwilliger Basis. Ärzten und Patienten sollte die Bewertung von Apps zum Beispiel durch Definition von Qualitätskriterien erleichtert werden.

Wenn der Patient mit seinen Gesundheitsdaten aus dem Smart-phone zum Arzt kommt, sind allerdings Mechanismen nötig, wie damit umzugehen ist, so das mehrheitliche Votum in der Diskussion. Ärzte sollten in die Lage versetzt werden, gestaltend und nicht nur abwehrend mit diesen Prozessen umzugehen.

Während heute drei Gesundheitsdatenpools nebeneinander existieren – die Daten für den Austausch der Professionals zum Beispiel über die elektronische Fallakte, strukturierte Daten für Big-Data-Anwendungen etwa im Rahmen der personalisierten Medizin und das unstrukturierte Datenmaterial der privaten Nutzer – könnten künftig die Grenzen zwischen diesen Welten verschwimmen. Auch der dritte Pool wird dann, entsprechende Analyse- und Datenschutzwerkzeuge vorausgesetzt, für eine bessere medizinische Versorgung genutzt.

Heike E. Krüger-Brand

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