ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2015Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie: Der Beruf wird nicht abgeschafft

POLITIK: Kommentar

Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie: Der Beruf wird nicht abgeschafft

Singer, Werner

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Werner Singer, stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten e. V. (VAKJP)
Werner Singer, stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugend­lichen­psycho­therapeuten e. V. (VAKJP)

Der Beschluss des 25. Deutschen Psychotherapeutentages (DPT) – das Votum für eine Direktausbildung – wurde zumindest von Teilen der Profession mit Erleichterung aufgenommen. Es verbindet sich damit doch die Hoffnung, dass die bisher ungelösten Probleme der Ausbildung einer tragfähigen und sinnvollen Lösung zugeführt werden könnten, die den Beruf „Psychotherapeut“ als akademischen Heilberuf auch für die Versorgungsanforderungen der Zukunft ausrichten wird.

Auf der anderen Seite bleiben Fragen offen hinsichtlich der Finanzierung, der Integration eines breiten wissenschaftlichen Kanons sowie der theoretischen und praktischen Ausgestaltung eines Psychotherapiestudiums an Hochschulen und Universitäten. Hierzu gehören vor
allem für den Beruf des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) die Sorge um die ausreichende Berücksichtigung pädagogischer Studieninhalte ebenso wie Fragen nach dem Stellenwert der praktischen Ausbildungsanteile und der Selbsterfahrung innerhalb des Studiums. Nicht zuletzt bleiben auch der Zeitpunkt der Approbation und die Entscheidung für einen Beruf „Psychotherapeut“ Gegenstand der Diskussion, die bisweilen in der irritierenden, unter Kollegen und Ausbildungskandidaten Ängste schürenden Aussage gipfelt, der KJP-Beruf werde „abgeschafft“.

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Bereits 2006 wurde vom DPT in einer ersten Resolution die Anpassung des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) an die veränderten Studienabschlüsse im Rahmen des Bologna-Prozesses gefordert, um den Status der Psychotherapeuten als eigenständigen akademischen Heilberuf auch für die Zukunft zu sichern. Es ist allgemein bekannt, dass das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) bis heute eine gesetzliche Festschreibung der Zugangsberufe auf Masterniveau nicht vorgenommen hat und möglicherweise bis zu einer umfassenden Reform nicht vornehmen wird. Die nachfolgende Entscheidung des 16. DPT für einen Beruf „Psychotherapeut“ folgt dem Vorschlag des Forschungsgutachtens, gleiche akademische Grundvoraussetzungen für Psychologische Psychotherapeuten (PP) und KJP zu schaffen. Neben der Aufhebung der bisher bestehenden berufsrechtlichen Ungleichheit und Ungerechtigkeit zwischen KJP und PP entspricht dieser Vorschlag dem ordnungspolitischen Bedarf nach Anpassung der Strukturen an andere akademische Heilberufe in Deutschland und Europa. Es bleiben jedoch Verunsicherungen, Ängste vor Identitätsverlust und Befürchtungen, die aktuellen Reformentscheidungen führten lediglich zu einer statusrechtlichen Gleichsetzung der Psychotherapie mit der Medizin. Dabei gehe insbesondere die bisherige hohe Qualifikation der KJP verloren.

Die Entscheidung des 25. DPT stellt zunächst den Beginn eines Entwicklungsprozesses dar und bietet die Chance, unseren Beruf und unsere Stellung innerhalb des Versorgungssystems mit den politisch Verantwortlichen aktiv zu gestalten und Modelle zu entwickeln, die eine qualitativ hochwertige Ausbildung auch in Zukunft garantieren. Der Beruf Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut ist eben kein Lehrberuf, der bei einem Meister erlernt und gleichsam wie ein Handwerk ausgeübt werden kann. Vielmehr bedarf er einer fundierten wissenschaftlichen Grundausbildung, die in einer ersten Qualifizierungsphase ein Studium auf Masterniveau mit Staatsexamen und altersunabhängiger Approbation vorsieht. In der darauf folgenden Weiterbildung soll die vertiefte Qualifizierung mit einem Verfahrensbezug und einem Altersschwerpunkt an spezialisierten Ausbildungsinstituten stattfinden, wie dies auch bisher der Fall war und ist. Von der Abschaffung des KJP-Berufes, wie sie seit längerem von kritischen Stimmen proklamiert wird, kann bei differenzierter Betrachtung also überhaupt keine Rede sein. Der Logik der Kritiker folgend werden korrekterweise beide psychotherapeutischen Heilberufe, also der Beruf des PP und der des KJP „abgeschafft“ und durch einen Beruf „Psychotherapeut“ ersetzt, in dem sich die Absolventen eines Studiengangs in Verfahren und Altersschwerpunkt weiterqualifizieren. Die deutliche Mehrheitsentscheidung des DPT kann vor dem Hintergrund verstanden werden, dass auf der Grundlage eines differenzierten Berufsbildes und eines ebensolchen Kompetenzprofils, in das psychologische, (sozial)pädagogische und andere wissenschaftlich relevante Inhalte eingeflossen sind, eine versachlichte Diskussion innerhalb der Profession befördert wurde. Die Abkopplung der KJP vom Beschluss des DPT, um damit ein postgraduales Ausbildungsmodell zu erhalten und sogar eigene Kammern für KJP zu installieren, wäre nicht nur unrealistisch und populistisch, sondern für den Fortbestand des Psychotherapeutenberufes als akademischer Heilberuf unsinnig und gefährlich.

Die Delegierten des DPT haben mit ihrem Votum dem Vorstand der Bundeskammer den Auftrag erteilt, mit den politisch Verantwortlichen in Verhandlungen zur Novellierung des PsychThG zu treten. Alle Interessensgruppen der Profession sind deshalb dazu aufgerufen, die politischen Willensentscheidungen zum Anlass zu nehmen, konstruktiv an der weiteren Entwicklung und der inhaltlichen Konkretisierung dieses Prozesses mitzuwirken. Plakative und Ängste schürende Äußerungen erscheinen dabei nicht hilfreich.

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