ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2015Interview mit Prof. Dr. med. Johannes Pantel, Leiter Altersmedizin, Goethe-Universität Frankfurt/Main: Kreative Therapie

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Johannes Pantel, Leiter Altersmedizin, Goethe-Universität Frankfurt/Main: Kreative Therapie

Schuchart, Sabine

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Im Frankfurter Städel Museum entdecken Demenzkranke und ihre Angehörigen bei Führungen und Malkursen verschüttete Fähigkeiten. Eine wissenschaftliche Pilotstudie untersucht die Auswirkungen der aktiven und interaktiven Beschäftigung mit Kunst auf den Krankheitsverlauf.

Neue Ansätze im Umgang mit Demenz: Kunstvermittler sprechen mit Artemis-Teilnehmern über Bilder und deren Wirkung. Foto: Arthur Schall, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Neue Ansätze im Umgang mit Demenz: Kunstvermittler sprechen mit Artemis-Teilnehmern über Bilder und deren Wirkung. Foto: Arthur Schall, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Wie ist das Artemis-Projekt entstanden?

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Pantel: Bei einem Kongress 2012 in Vancouver wurde über Kunstführungen für Demenzkranke am New Yorker Museum of Modern Art berichtet. Ein interessanter Ansatz, den meine Mitarbeiter und ich für Deutschland aufgegriffen, modifiziert und erweitert haben: Unsere Studie beinhaltet auch einen Werkanteil. Nach der Kunstführung malen oder modellieren die Demenzkranken und ihre Angehörigen im Städel-Atelier. Vor allem aber: Wir begleiten das Projekt mit hohem wissenschaftlichen Qualitätsanspruch und führen eine kontrollierte randomisierte Studie durch. Über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren beobachten wir 120 Projektteilnehmer, jeweils 60 Demenzkranke und 60 Angehörige.

Worin liegt das therapeutische Potenzial von Kunst für Demenz-Kranke?

Pantel: Wenn die Worte fehlen und das Gedächtnis nachlässt, hilft Menschen mit leichter und mittelschwerer Demenz oft die nonverbale Kommunikation. Das ist für die Musiktherapie nachgewiesen. Welchen Beitrag künstlerisch-visuelle Ansätze leisten können, ist dagegen kaum erforscht. Wir erwarten, dass kommunikative Fähigkeiten angeregt und verstärkt werden, dass Wohlbefinden und Lebensqualität aufrechterhalten und die Beziehungen innerhalb der Familie gefördert und stabilisiert werden.

Wie erfolgt die Kunstvermittlung?

Pantel: Eine wichtige Rolle spielen die Kunstpädagogen und Kunsthistoriker des Städel Museums, die begeistert bei dem Projekt mitmachen und von uns im Umgang mit Demenz geschult wurden. Sie führen die Besuchergruppen und arbeiten mit ihnen im Atelier.

Wie messen Sie die Ergebnisse?

Pantel: Wir arbeiten mit kombinierten psychologischen Testverfahren, mit denen wir Vorher-Nachher-Vergleiche anstellen und den Projektverlauf begleiten. Bei der Verlaufsbeobachtung helfen uns Videoanalysen der Werkstattarbeit und regelmäßige Befragungen der Teilnehmer. Insgesamt zielen wir auf drei Wirkebenen ab: die affektiv-emotionale, die nonverbal-kognitive und die Beziehungsebene.

Was zeigt sich jetzt schon in der Praxis?

Pantel: Wie gut das Projekt ankommt! Die Teilnehmer durchlaufen immerhin jede Woche eine einstündige Kunstführung und sind danach selbst kreativ. Gerade die Atelierarbeit eines Demenzkranken mit etwa seinem Ehepartner führt zu beeindruckenden Ergebnissen. Es entstehen nicht nur schöne Bilder. Wir sehen auch eine völlig neue Unbeschwertheit in den manchmal konfliktreichen, symbiotischen Beziehungen.

Das Interview führte Sabine Schuchart.

Kunst und Demenz: Das Artemis-Projekt

ARTEMIS (ART Encounters: a Museum Intervention Study) ist die erste umfassende wissenschaftliche Untersuchung in Deutschland, wie Kunst auf Menschen mit Demenz wirkt. Die von der Familie Schambach Stiftung geförderte Pilotstudie wird in Frankfurt vom Arbeitsbereich Altersmedizin der Goethe-Universität zusammen mit dem Städel Museum durchgeführt. Von Oktober 2014 bis März 2016 analysieren die Forscher, welchen Einfluss Museumsbesuche und künstlerische Praxis auf Wohlbefinden und Kommunikation von Menschen mit leichter und mittelschwerer Demenz haben. Tests und streng vertrauliche Videoanalysen dokumentieren die Ergebnisse. Es sind noch Projektplätze zu vergeben.

Projektleitung: Prof. Dr. med. Johannes Pantel, Institut für Allgemeinmedizin, Arbeitsbereich Altersmedizin, Schwerpunkt Psychogeriatrie
und klinische Gerontologie, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main;
www.allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de
E-Mail: pantel@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de

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