ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2015Selbsterfahrung und Psychotherapie: Bewusstheit über subjektive Realitätserfahrung

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Selbsterfahrung und Psychotherapie: Bewusstheit über subjektive Realitätserfahrung

Mösler, Thomas; Poppek, Sandra

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Psychotherapeuten brauchen Selbsterfahrung, weil ihr Handwerkszeug die eigene Psyche ist. Ein Überblick zum Stand der Selbsterfahrung in der Verhaltenstherapie.

Foto: Fotolia/Alexander Raths
Foto: Fotolia/Alexander Raths

Selbsterfahrung hat sich in den vergangenen 20 Jahren als fester Bestandteil der Verhaltenstherapie-Ausbildung etabliert und ist inzwischen auch stark von den unterschiedlichsten psychotherapeutischen Verfahren beeinflusst. Im Gegensatz zum Theorieteil der Ausbildung, in welchem Kenntnisse über spezifische Störungsbilder, Therapiemethoden sowie deren Eignung und Wirksamkeit vermittelt werden, zielt verhaltenstherapeutische Selbsterfahrung auf „die Verbesserung der Gestaltung der therapeutischen Beziehung und den Erwerb selbstreflexiver Fähigkeiten“ (1) ab. Selbsterfahrung wird von den Teilnehmern als wesentlicher Bestandteil des Erwerbs von verschiedenen, persönlichen Kompetenzen erlebt (2) und zählt „zu den besonders zufriedenstellenden und als wichtig erlebten Ausbildungselementen“ (3).

Selbsterfahrung soll durch die systematische Auseinandersetzung mit dem eigenen Erleben und Verhalten die therapeutische Kompetenz der Ausbildungsteilnehmer fördern. Diese Auseinandersetzung geschieht durch die Bewusstmachung und Auflösung „unbewusster oder verdrängter oder dem angestrebten Beruf nicht angemessener Seiten der eigenen Person, des eigenen Selbst“ (1). Im Fokus stehen dabei die Einflüsse der Biografien der Ausbildungsteilnehmer auf ihre Durchführung von Therapien (4). Neben dem Erkennen eigener „blinder Flecken“ soll die psychotherapeutische Beziehungs- und Interaktionskompetenz durch den Erwerb und die Kultivierung therapieförderlicher Selbstanteile und Ressourcen gestärkt werden.

Neben der „Reduzierung eigener Schwächen“ dient die Selbsterfahrung dem „Aufbau der eigenen Stärken“ oder auch der Entfaltung der Therapeutenpersönlichkeit. Eine stabile und vertrauensvolle Arbeitsbeziehung mit dem Patienten zählt zu den wichtigsten Prädiktoren für die Wirksamkeit therapeutischer Maßnahmen (4, 5).

Interaktionelle Kompetenzen

Der Aufbau einer tragenden Therapeut-Patient-Beziehung setzt eine Reihe persönlicher und interaktioneller Kompetenzen voraus, die im Rahmen eines Universitätsstudiums nur unzureichend vermittelt werden können (6). Dabei spielt das regelmäßige Feedback in der Gruppenselbsterfahrung durch die anderen Teilnehmer und den Selbsterfahrungsleiter eine wichtige Rolle. In regelmäßig stattfindenden Feedback-Runden werden Selbstwahrnehmung, Interaktionsfähigkeit und Konfliktumgang sowie die Außenwirkung geprüft. Die angehenden Therapeuten können dabei ihre eigenen Signalmuster und deren Nebenwirkungen direkt erfahren.

Es wird zusätzlich vermittelt, wie Therapiemethoden gezielter eingesetzt, kritische Therapiepunkte beziehungsweise Konfliktsituationen souverän gemeistert und für einen produktiven Fortgang der Behandlung genutzt werden können.

Sich selbst zu erfahren, auch in Grenzsituationen, versprechen heute viele verschiedene Aktivitäten: Die Angebote reichen von Abenteuerurlaub mit Extremsport, Fasten und Yoga bis zu zielgerichteten Managertrainings. Bei dem wichtigen Baustein in der Ausbildung von Psychologen, Pädagogen und Medizinern auf ihrem Weg zum Psychotherapeuten reichen die Angebote von in ihrer Wirkung fraglichen, offenen Gruppen mit wechselnden Anleitern und Teilnehmern bis hin zu speziellen Angeboten zur Vorbereitung auf den angestrebten Beruf, bei denen es ganz speziell um die nachhaltige Reduktion oder sogar Auflösung von Verletzlichkeit geht. Diese nachhaltige Auflösung ist zum Beispiel beim Bungee-Jumping und anderen Freizeitaktivitäten nicht gegeben. Sie erfordert ein vertrauenswürdiges Setting – also gleichbleibende Teilnehmer – und eine auf den Gruppenverlauf bezogen gleichbleibende, speziell hierfür versierte Gruppenleitung.

Die unterschiedlichen Ausrichtungen von Selbsterfahrung in der Ausbildung zum Psychotherapeuten lassen sich auf drei Hauptfaktoren für eine gelungene Therapeuten-Patienten-Beziehung reduzieren:

1. Verletzlichkeit: Sie soll so gering wie möglich sein; im Modus der Verletzlichkeit und der damit verbundenen dysfunktionalen und maladaptiven Emotionen wird in der Regel „alles“ überzogen negativ gesehen und die Gefahr, in unbewusste, automatisierte Reaktionsmuster zu verfallen, steigt an.

2. Offenheit beziehungsweise Toleranz: Sie soll so hoch wie möglich sein und wird durch hohe persönliche Verletzlichkeit negativ beeinflusst.

3. Fähigkeit zur Empathie: Sie soll ebenfalls sehr hoch sein, um das Einfühlungsvermögen in das Gegenüber so stark wie möglich zu erweitern. Eine einfühlsame Haltung ist bei uns Menschen keine stabile Eigenschaft. So ist eine gute Voraussetzung für die Entwicklung von Mitgefühl zum Beispiel, wenn wir gut (auch im Sinne einer Burn-out-Prophylaxe) für uns selber sorgen.

Ein Beispiel: Eine selbsterfahrene Psychotherapeutin, die zum Beispiel durch einen alkoholkranken Patienten an ihren alkoholkranken Vater erinnert wird und bei der in diesem Zusammenhang ihre früheren Ohnmachts- und Abwehrgefühle aktualisiert werden, sollte als erstes diesen Geisteszustand, der durch die Erinnerung an den Vater auftritt, erkennen. Oft machen wir uns ja nicht wirklich klar, wie wir uns fühlen, sondern nur wie wir denken, dass wir uns fühlen.

In der Selbsterfahrung benutzt man zum Beispiel das Körpergefühl, die kinästhetische Wahrnehmung also, um in sich selbst hinein zu spüren, und damit innere Unruhe, Verspannungen und dysfunktionale Emotionen frühzeitig zu erkennen. Man spricht in diesem Zusammenhang sogar vom Körpersinn als Seismograf. Ein Seismograf ist ein Gerät zur Messung kleinster Erschütterungen. Das ist auch nötig, um zu vermeiden, dass man sich „etwas vormacht“, im Sinne eines nicht zutreffenden Selbstkonzeptes wie „Die Probleme mit meinem Vater habe ich längst abgehakt“.

In einem zweiten Schritt übt man Vorgehensweisen, um den erkannten dysfunktionalen Zustand zeitnah so zu verändern, dass die eigene Psyche, welche den Rahmen für die Anwendung psychotherapeutischer Interventionen darstellt, wieder optimal ausgerichtet wird. Mit der Abnahme der persönlichen Verletzlichkeit nehmen auch die damit verbundenen dysfunktionalen Emotionen zunehmend ab, was ein wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Therapeuten-Patienten-Beziehung ist.

Im Zusammenhang mit diesen Inhalten und der Kultivierung der entsprechenden Sichtweisen wird von den Selbsterfahrungsteilnehmern erkannt, dass alle Bewusstseinszustände modifizierbar sind. Die Ausbildungsteilnehmer erkennen, dass sie ihren Emotionen, Sichtweisen und den damit zusammenhängenden leidhaften Erfahrungen nicht hilflos ausgeliefert sind und dies auch ihren Patienten vermitteln können.

„Werkzeuge“ anbieten

Die Aufgabe der Selbsterfahrungsleiter ist dabei, für jedes Gruppenmitglied ausreichend „Werkzeuge“ zur Auflösung von dysfunktionalen Sichtweisen und Emotionen zur Verfügung zu stellen. Dabei sind natürlich auch die Leiter keine völlig unverletzlichen Persönlichkeiten, sondern werden ihrerseits mit ihren latenten „wunden Punkten“ konfrontiert. Allerdings sollten Selbsterfahrungsleiter in der Lage sein, die bei ihnen selbst berührten Verletzlichkeiten durch die Anwendung von wirksamen Methoden zur Affektregulation aufzulösen.

Das, was wir am meisten in unserem Leben schätzen, ist oft durch Konflikte entstanden. Aus negativen Erlebnissen können durch die Selbsterfahrung nützliche Erkenntnisse erreicht werden. So sind aus Psychotherapeuten, die im Rahmen ihrer Ausbildung ihre eigenen Probleme bearbeitet haben, meist sehr gute Spezialisten für diesen ganz konkreten Problembereich geworden und haben ihren Kollegen damit einiges voraus.

PD Dr. med. Thomas Mösler,

Dr. med. Sandra Poppek

IVS – Institut für Verhaltenstherapie,
Verhaltensmedizin und Sexuologie, Nürnberg, www.ivs-nuernberg.de, moesler.poppek@
praxis-moesler.de

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