ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2015Körpertherapie: Nutzen und Ethik
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Es geht bei den von Tilmann Moser beschriebenen Fallkonstellationen ja gerade nicht um genuin „analytische Vorgehensweisen“, wie Susanne Ruppert schreibt. Die erklärenden und prozessbeschreibenden Passagen in dem Aufsatz gründen zwar auf psychoanalytischer Theorie, die beschriebenen „Vorgehensweisen“ sind aber gerade nicht Bestandteil klassischer Psychoanalyse (PA), sondern stammen aus ihrer neueren Verbindung mit der Körperpsychotherapie (KPT). Einer der wichtigsten Gründerväter der heutigen Körpertherapie, Wilhelm Reich, war zwar ursprünglich Psychoanalytiker, ist jedoch bereits zu Freuds Zeiten aus der Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen worden, wodurch die KPT ihre eigene Entwicklung nahm. In den Anfangszeiten der PA zu Zeiten Freuds kam es im psychoanalytischen Umfeld wohl öfters zu Verirrungen und Verwirrungen sexueller Art zwischen Psychotherapeuten und Patienten, die zu der in diesem Zusammenhang sehr berechtigten und lange aufrecht gehaltenen strengen Regel der Abstinenz führten, was aber nicht für die KPT galt. Erst in den letzten etwa 25 Jahren ist die Abstinenzregel der PA langsam zumindest teilweise gelockert worden, indem manche Psychoanalytiker begannen, körperpsychotherapeutische Interventionen und/oder Sichtweisen in ihre Arbeit mit auf zu nehmen, was ich persönlich sehr begrüße. Dass sexuelle Aktivität – auch bei großer Nähe – zwischen Patient und Therapeut absolut nicht akzeptabel ist, sollte mittlerweile allen klar sein.

„Verliebtheit in der Psychotherapie“ ist eines der vielen „hochsensiblen Themen“ (Susanne Ruppert), die auftauchen können, wenn man sie nicht von vornherein abblockt, beziehungsweise ihnen Raum gibt/auf sie reagiert, wenn sie auftauchen. Sowohl der PA als auch der KPT liegt die Auffassung zugrunde, dass Psychotherapie zu großen Teilen „Beziehungsarbeit“ ist, was Tilmann Moser in seinem Aufsatz ja in meiner Wahrnehmung auch beschreibt. In der klassischen Verhaltenstherapie (VT) hingegen wird eher postuliert, dass Beziehungen bei der Psychotherapie keine große Rolle spielen. Froh bin ich darüber, dass es in der heutigen VT auch andere Meinungen und Strömungen gibt, die zum Beispiel „Beziehung“ oder „Kontakt“ (ein analytisches und biosynthetisches, also körpertherapeutisches Konzept) oder „Achtsamkeit“ in ihr Repertoire und ihre Vorgehensweisen aufnehmen. Beziehung, Nähe, Kontakt sind – nicht nur aber auch – körperlich gemeint: Konzepte, vor deren Umsetzung man als Therapeut keine Angst haben muss, wenn man weiß, wo die eigenen Grenzen sind und gelernt hat, die persönlichen Grenzen der Patienten wahrzunehmen und zu respektieren. (. . .)

Im Gegensatz zu Susanne Ruppert möchte ich mich als Psychotherapeut sehr wohl „mit gemeint sehen“ im sensiblen körpertherapeutischen Umgang mit „hochsensiblen Themen“ im Sinne von Mosers Aufsatz. Der Körper als basale Grundlage unseres irdischen Seins hilft uns dabei, wenn wir ihn aufmerksam, vorsichtig und respektvoll einbeziehen.

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Dipl.-Psych. Harald Trnka, Psychologischer Psychotherapeut, Institut für Körperarbeit in der Psychotherapie (ifkip), 61169 Friedberg

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