ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2015Nationalsozialismus: Eine Jungmädel-Karriere

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Nationalsozialismus: Eine Jungmädel-Karriere

Moser, Tilmann

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Die nach der Flucht aus Schlesien in die USA emigrierte Autorin war ein Hitler und seine Ideologie glühend verehrendes Jungmädel. 1944 machte sie sogar noch eine Ausbildung zur BDM-Führerin. Abgeschnitten in einem NS-Internat von allen warnenden Informationen war sie Schulung und Indoktrination hilflos ausgeliefert und kämpfte emotional noch immer für den versprochenen Endsieg. Der erlebte spät durchschaute Verrat von allen dominierenden Gestalten traf sie vernichtend und zerstörte dauerhaft viel mögliches Vertrauen in die Politik. Der naive Glaube an die große Verheißung und seine stufenweise Entzauberung wird zu Herzen gehend eindringlich dargestellt.

Die Erinnerungen waren tief vergraben, und die Autorin beschreibt schlüssig, nach wie viel sozialen Anreizen erst der Zugang allmählich möglich wurde. Dann aber staunt man, was das Gedächtnis alles aufbewahrt hatte, und wie viel sprachlich genau reproduzierbar wurde. Dazu verhalf die Tatsache, dass sie ihre amerikanische Germanistik-Studentin an dem Prozess teilnehmen ließ, die keine allzu tiefen Anforderungen an auch ein theoretisch durchdrungenes Material zu stellen schien.

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Außerdem half die englische Sprache zu einer besseren Distanzierung vom Erlebten. So erscheint der Stoff, 2009 in den USA erstmals publiziert in einem eingängigen Erzählton, auf Deutsch in einer fast naiven Erzählweise, ohne viel theoretischen Kommentar und ohne viel fundierte Grundkenntnisse der geistigen Voraussetzungen. Dafür umso anschaulicher eingebettet in eine zerrissene Familiengeschichte. Glänzend die Schilderung der Atmosphäre bei den beiden Schulungsetappen der Ausbildung zur BDM-Führerin in den letzten drei Kriegsjahren bei dem zuletzt bereits bevorstehenden Herannahen der Front. Sie schämt sich noch nachträglich über das Ausmaß der Verblendung und des Fanatismus.

Ein gravierender Mangel: Das Buch erscheint sozusagen zu spät, es gibt inzwischen viele authentische Berichte von Frauen mit ähnlichem Schicksal. Vor zwei Jahrzehnte wäre der Text eine ideale Verständigungsmöglichkeit zwischen betroffenen Großmüttern und neugierigen Enkelinnen gewesen, bei gemeinsamer Lektüre und Verarbeitung. Dafür ist es zu spät. Trotzdem ist das Buch geeignet als Schullektüre und Begleittext bei den letzten verdienstvollen Auftritten von Augenzeuginnen in Schulen, und insofern gehört das Buch in alle Schulbibliotheken. Tilmann Moser

Ursula Mahlendorf: Führers begeisterte Töchter. Helmer, Sulzbach 2015, 414 Seiten, kartoniert, 29,95 Euro

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