ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2015Körperbilder – Rembrandt (1606–1669): Öffentliche Anatomiestunde

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder – Rembrandt (1606–1669): Öffentliche Anatomiestunde

Dtsch Arztebl 2015; 112(11): [64]

Schuchart, Sabine

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Aus heutiger Sicht waren es gespenstische Szenen, die sich Ende Januar 1656 in Amsterdam auf Einladung der Wundärzte- und Chirurgen-Gilde abspielten. Am 28. Januar war der 23-jährige Schneider Joris Fonteijn, besser bekannt als „Zwarte Jan“, ein „vom rechten Weg abgekommener Dieb“, hingerichtet worden. Unter den staunenden Blicken von Standeskollegen und zahlenden Gästen demonstrierte der Vorsitzende der Gilde, Dr. Joan Deyman, an dem Toten in drei Sitzungen seine Sektionskünste. Rembrandt machte Skizzen von der Leichenzerstückelung – als Vorstudien für ein Ölbild. Für ihn war es ein heikler Auftrag, hatte er doch mehr als zwei Jahrzehnte zuvor Deymans Vorgänger Tulp bei einer öffentlichen Anatomiestunde eindrucksvoll porträtiert und durfte den Nachfolger keinesfalls weniger bedeutend oder kunstfertig auftreten lassen.

Rembrandt Harmensz. van Rijn: „Anatomische Vorlesung des Dr. Deyman“, 1656, Öl auf Leinwand (Fragment), 100 × 134 cm: 24 Jahre nach seiner viel bewunderten „Anatomischen Vor - lesung des Dr. Nicolaes Tulp“ malte Rembrandt ein überwältigendes zweites Porträt einer öffentlichen Leichensektion. Auf dem erhaltenen Fragment – ein Teil des Gemäldes wurde 1723 bei einem Brand zerstört – sind nur noch Oberkörper und Hände des Arztes erkennbar. Er seziert das Gehirn des Toten, der vor ihm aufgebahrt liegt, während sein Assistent einen Teil der Schädeldecke in der Hand hält. Foto: Amsterdam Museum, Amsterdam
Rembrandt Harmensz. van Rijn: „Anatomische Vorlesung des Dr. Deyman“, 1656, Öl auf Leinwand (Fragment), 100 × 134 cm: 24 Jahre nach seiner viel bewunderten „Anatomischen Vor - lesung des Dr. Nicolaes Tulp“ malte Rembrandt ein überwältigendes zweites Porträt einer öffentlichen Leichensektion. Auf dem erhaltenen Fragment – ein Teil des Gemäldes wurde 1723 bei einem Brand zerstört – sind nur noch Oberkörper und Hände des Arztes erkennbar. Er seziert das Gehirn des Toten, der vor ihm aufgebahrt liegt, während sein Assistent einen Teil der Schädeldecke in der Hand hält. Foto: Amsterdam Museum, Amsterdam

So erklärt sich die dramatische Bildperspektive: Mit dem extrem verkürzten Körper des Toten, der mit seinen schmutzigen Fußsohlen in den Bildraum des Betrachters ragt, griff Rembrandt ein berühmtes, von Andrea Mantegna und anderen zur Darstellung des toten Christus verwendetes Format auf. Aus einer Skizze, die derzeit mit dem Gemälde in einer großartigen Rembrandt-Schau im Amsterdamer Rijksmuseum ausgestellt ist, geht die ursprüngliche Komposition hervor: Auf der zweieinhalb mal drei Meter großen Leinwand waren der Leichnam und Deyman auf der Mittelachse und zu ihren Seiten je vier Doktoren angeordnet. Umso schockierender wirken die leere Bauchhöhle und das freigelegte Gehirn des sehr naturalistisch gemalten Toten auf dem noch existierenden Bildfragment. Deyman hatte zuerst Magen und Darm entnommen, und entfernt nun die äußerste Hirnhaut und die Hirnsichel. Von 1690 bis 1841 schmückte das erschütternde Bild das Haus der Chirurgenzunft und gehört heute der Stadt Amsterdam.

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Für die Gilde war die Sektion coram publico ein sehr einträglicher Event, und auch Rembrand profitierte in seiner von Geldsorgen geprägten späten Schaffensphase von dem lukrativen Auftrag. Vor dem Konkurs kurz danach bewahrte er ihn aber nicht. Sabine Schuchart

Ausstellung: „Late Rembrandt“

Rijksmuseum, Museumstraat 1, Amsterdam;

www.rijksmuseum.nl;

tgl. 9–17 Uhr;

bis 17. Mai 2015

1. „Der späte Rembrandt“, Katalog zur Ausstellung, geb. Ausgabe,
304 Seiten, Hirmer 2014; 45 Euro

2. Nils Büttner: „Rembrandt. Licht und Schatten: Eine Biographie“,
264 Seiten, Reclam 2014; 24,95 Euro

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