ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2015Medizingeschichte: Antacida „wider den Sodt“

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Medizingeschichte: Antacida „wider den Sodt“

Lang, Ursula; Anagnostou, Sabine

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Natronschaum, Koralle, Krebsaugen oder Mondmilch – in der Vergangenheit gab es vielerlei Bemühungen, bei Sodbrennen die Magensäure zu neutralisieren.

Fotos: Pharmazie-Historisches Museum Basel
Fotos: Pharmazie-Historisches Museum Basel

Wenn Ärzte Sodbrennen, „heartburn“, „acid indigestion“, Refluxösophagitis oder „Gastroesophageal Reflux Disease“ (GERD) diagnostizieren, kommen heute zumeist Protonenpumpeninhibitoren zur Therapie der säurebedingten Beschwerden zum Einsatz (1). Viele Leidgeplagte greifen in der Selbstmedikation auch auf Antacida zurück, die Magensäure neutralisieren und rasche Erleichterung bringen. Verwendung finden zunehmend Schichtgitter-Ant-acida mit Aluminium- und Magnesium-Hydroxiden, die ein definiertes Säurebindungsvermögen aufweisen.

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Lohnend ist ein Blick in historische medizinisch-pharmazeutische Schriften; auch die Generationen vor uns beschrieben Krankheitsbilder, die mit Sodbrennen, Gastritis oder vielleicht auch einer Reflux-ösophagitis erklärbar sind, auch wenn die Menschen vermutlich im Allgemeinen eine weniger hektische Lebensweise pflegten und in geringerem Ausmaß Noxen, wie Zigaretten und Alkohol, konsumierten. Dafür waren sie aber anderen, oft lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt, die mitunter vermutlich zu stressbedingten körperlichen Reaktionen führten, die Ärzte mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln lindern wollten.

Krebssteine oder Krebsaugen – nach heutigem Verständnis Gastrolithe, kalkige Mineralablagerungen im Inneren von Krebstieren
Krebssteine oder Krebsaugen – nach heutigem Verständnis Gastrolithe, kalkige Mineralablagerungen im Inneren von Krebstieren

Aus Sicht der Medizingeschichte wäre für Gastroenterologen eine Reise nach Ägypten in das Natrontal „Wadi ’n-Natrun“ zwischen Kairo und Alexandria ein Weg zu den Anfängen der symptomatischen Gastritistherapie, denn hier gewann man schon sehr früh aus alkalischen Seen „Natron“, eine Mineralienmischung aus auskristallisiertem Natriumcarbonat, Natriumhydrogencarbonat und etwas Natriumchlorid. Ägyptische Priester verwendeten „Natron“ oder „ntrj“ zur Dehydrierung von Leichen, was etwa 70 Tage dauerte, bevor sie zur endgültigen Einbalsamierung, Mumifizierung und Bestattung übergingen (2). Auch das Mineral Trona, ein wasserhaltiges Natriumhydrogencarbonat, hat seine ethymologischen Wurzeln im Wort Natron oder „ntrj“.

Ärzte der Antike nutzten das alkalische Mineral zur symptomatischen Behandlung der „pyrosis“, dem „Brennen“ des Magens, dem Sodbrennen. Der griechische Arzt Pedanius Dioskurides (1. Jahrhundert) empfahl im fünften Buch seines berühmten pharmakologischen Werkes „De Materia Medica“ „νιτρον“ (nitron) und „αφρός νιτρον“ (aphrosnitron) beziehungsweise Natron (lateinisch: nitrum) und den leicht zerreiblichen, blättrig-krustigen Natronschaum (lateinisch: spuma nitri) als Heilmittel, die mit „außerordentlicher Wirkung das Leibschneiden besänftigen“ (3).

Auch dem Perlmutt wurde heilende Wirkung zugeschrieben.
Auch dem Perlmutt wurde heilende Wirkung zugeschrieben.

Jahrhundertelang war man sich über die Natur des geheimnisvollen „Nitron der Alten“ im Unklaren, da unterschiedliche Bezeichnungen und Trivialnamen und vor allem fehlende chemische Kenntnisse die eindeutige Zuordnung und Benennung von Mineralien sehr erschwerten. Verwirrung und Verwechslungen entstanden im Laufe der Geschichte, als man begann, Salpetersalze als „nitrum“ zu bezeichnen (4). „Mauersalpeter“ (Calciumnitrat) zeigt sich als weiße Auflagerung auf Wänden, wenn Ammoniumnitrat, beispielsweise aus Fäkalgruben oder Tierdung, durch feuchte Mauern dringt und mit dem Kalk aus dem Mörtel reagiert. Dass dieses „nitrum“ gegen das „Leibschneiden“ nicht half, könnte Ursache dafür sein, dass die medizinische Verwendung von Natriumcarbonaten, die man als Waschlauge und zur Glasherstellung benötigte, zunächst fast in Vergessenheit geriet.

Absorbentia ab der Barockzeit

„Vielmals geschiehets/sonderlich so man starcken Wein getrunken/daß einen der Sodt brennet. Wer darvor gesichert seyn will/der hüte sich vor starckem Getränck/hitzigen Speisen/ Gemüthsbewegungen/sonderlich vor Unwillen/Zorn und Zancken/dadurch die Gall leichtlich erreget wird.“

Zerriebene Koralle sollte gegen das Sodbrennen helfen. Fotos: Pharmaziemuseum Brixen
Zerriebene Koralle sollte gegen das Sodbrennen helfen. Fotos: Pharmaziemuseum Brixen

Dies schrieb im Jahr 1663 der in Memmingen geborene und tätige Stadtphysikus Christoph Schorer (1618–1671) in einem kleinen Reisebüchlein und riet damit zu moderater Lebensweise und Ausgeglichenheit. Als Arzneien gegen das Sodbrennen empfahl Christoph Schorer die Einnahme verschiedener Magenpulver mit „creta alba“ (weißer Kreide), „bolus armenicus“ oder präparierten „margaritae praeparatae“ (gepulverte Perlen) (5). Als „Absorbentia“ verwendete man außer Perlen noch weitere Drogen aus dem Tierreich, beispielsweise „mater perlarum“ (Perlmutt) fein zerriebene „coralli“ (Korallen), sowie gepulverte „lapides cancrorum“ oder „oculi cancrorum“ (Krebssteine oder Krebsaugen) (6). Krebssteine oder Krebsaugen sind nach heutigem Verständnis Gastrolithe, kalkige Mineralablagerungen im Inneren von Krebstieren, die als Zwischenspeicher für den Calcium-Stoffwechsel dienen. Sowohl weiße Kreideaufschlämmungen als auch die erwähnten gepulverten Animalia linderten Sodbrennen aufgrund ihres hohen Anteils an Calciumcarbonat.

Wirkgrundlage der geheimnisvollen „Mondmilch“ oder „Bergmilch“, die 1741 die „Pharmacopoea Wirtenbergica“ unter „Lac lunae“ als Adsorbens aufführte, war ebenfalls Calciumcarbonat, entstanden durch Reaktion kohlensäurehaltiger Wässer mit Kalkgesteinen. Mondmilch ist im Gegensatz zu den harten Tropfsteinen eine wasserhaltige, viskose, poröse Calcitablagerung, die weiß und milchig trüb in Wasser auflösbar ist. Über die im „Mondmilchloch“ im Pilatusmassiv der Schweiz gefundene „zarte, schneeweisse, schwammichte und luftigte Erde“ schrieb 1746 der Schweizer Professor Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733):

„daß dieses Minerale in der Arzneykunst grosse Dienste in Verbesserung und der Dämmung der im Leibe liegenden Säure leisten könne, […] daß die Mond-Milch in dem Magensod dienet, dessen Ursache gemeiniglich von scharf-etzenden, gallicht-sauren Feuchtigkeiten herrührte.“ (7).

Aus den Ausführungen Christoph Schorers und Johann Jacob Scheuchzers geht hervor, dass im 17. und 18. Jahrhundert die hippokratische Medizin noch fest als humoralpathologisches Krankheitskonzept verankert war. Krankheiten führte man auf eine ungesunde und nicht ausgewogene Lebensweise sowie auf ein Ungleichgewicht der Körpersäfte Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle zurück. Magenprobleme, die mit einem bitter-brennenden Aufstoßen vergesellschaftet waren, interpretierte man als Übermaß an gelber Galle und ein daraus entstehendes aufbrausendes, im wahrsten Sinne des Wortes „cholerisches“ Temperament.

Die wissenschaftliche Entwicklung der Chemie ebnete den Weg zur synthetischen Herstellung verschiedener Alkalicarbonate. Im Jahr 1827 brachte der Apotheker August Wilhelm Bullrich (1802–1859) erstmals Natriumhydrogencarbonat als „Bullrich-Salz“ auf den Markt und warb mit eingängigen Reklameversen wie „Hast Du Kummer mit dem Magen, sollst Du stets nach Bullrich fragen“ für seine Marke (8). Bald war die Gabe von Sodawasser, kohlensaurem Natrium (Natriumcarbonat) und doppeltkohlensaurem Natrium (Natriumhydrogencarbonat) für Mediziner und Professoren wie Felix Niemeyer (1820–1871) bei akutem und chronischem „Magenkatarrh“ ein bevorzugtes Arzneimittel. Niemeyer empfahl gegen chronischen Magenkatarrh zusätzlich bereits die Anwendung von Wismuth- oder Silbernitraten (9). Die Therapie mit Metallsalzen könnte als empirische Eradikationstherapie interpretiert werden, wenn auch noch ohne Kenntniss der Existenz von Helicobacter pylori.

„Tums for the Tummy“ heißt es dagegen seit 1930 in den USA. Der Wirkstoff von Tums antacid ist Calciumcarbonat, das heute noch in Kaugummi- oder Bonbonform verschiedener Geschmacksrichtungen sehr erfolgreich vermarktet wird.

Die Fortschritte, die in den vergangenen Jahrzehnten erzielt wurden, um eine Refluxösophagitis oder Ulcus-Erkrankung zu behandeln, sind enorm. Immer noch erfreuen sich jedoch säureneutralisierende Antacida wie Bullrich Salz und Kaiser Natron, die Natriumhydrogencarbonat als Wirkstoff nutzen, trotz der Gefahren einer Natriumretention, Gasentwicklung oder Säure-Rebound, hoher Beliebtheit in der Selbstmedikation des Sodbrennens.

Möchten Patienten auf natürliche Weise Sodbrennen lindern, können sie alternativ auf Löss-Heilerden zurückgreifen. In Löss-Heilerde ist ein relativ hoher Anteil von etwa 20 Prozent an fein verteiltem Calciumcarbonat enthalten, das sicherlich maßgeblich zur Wirkung der Heilerde als Antacidum beiträgt. Die Tektosilkate und Tonminerale, aus denen Löss überwiegend besteht, weisen aufgrund ihrer Gitter- und Schichtstruktur eine sehr große innere Oberfläche auf und können Verdauungsgase und entstehende Kohlensäure adsorbieren, so dass die Einnahme von Löss-Erde als nebenwirkungsarmes, säurebindendes Antacidum durchaus auch heute noch zu erwägen ist.

Oft sinnvolle Behandlung

Es ist bemerkenswert, dass auch die Geschichte der medizinischen Anwendung von mineralischen Ant-acida deutlich zeigt, dass die auf Empirik, genauer Beobachtung und überlegten Rückschlüssen beruhende Therapie der Ärzte vergangener Jahrhunderte in vielen Fällen für die damalige Zeit als sinnvoll und rational einzustufen ist, auch wenn ihre theoretischen Begründungen vor dem Hintergrund der galenischen Qualitäten- und Humoralpathologie heute nur schwer zu verstehen und interpretieren sind.

Dr. rer. nat. Ursula Lang

L.Ursula@t-online.de

Prof. Dr. rer. nat. Sabine Anagnostou

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1115 oder über QR-Code

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