ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2015Spitzenverband Fachärzte Deutschlands: Eintracht als Herausforderung

POLITIK: Kommentar

Spitzenverband Fachärzte Deutschlands: Eintracht als Herausforderung

Dtsch Arztebl 2015; 112(11): A-450 / B-387 / C-379

Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Ein Dach für alle fachärztlichen Berufsverbände bieten, eine starke Interessenvertretung für sie bei der Politik auf bundesdeutscher wie europäischer Ebene sein – das strebten der Spitzenverband der Fachärzte Deutschlands (Spifa) und die Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände (GFB) durch eine Fusion an. Monatelang verhandelten sie, Ende November kündigten sie eine nahe Einigung an: Der Spifa werde seine Satzung ändern, um den Verbänden in der GFB die Fusion zu erleichtern, hieß es.

Dass ein durchsetzungsstarker Dachverband gebraucht werde, machten beide Organisationen klar: „Die Sektorengrenzen lösen sich in der Versorgungsrealität unseres Gesundheitswesens zunehmend auf. Außerdem werden die Fachärzte in der Gesetzgebung kaum noch als relevante Gruppe wahrgenommen. Dem werden wir entschlossen und aktiv entgegenwirken.“

Anzeige

Bis dahin dauert es aber wohl noch. Hieß es im Januar, Satzungsänderungen würden den Zusammenschluss befördern, so stellten Spifa-Vertreter gerade klar, man habe Änderungen vorgenommen und könne weitere diskutieren – aber nur mit Mitgliedern. „Wer keine Lust hat, bleibt eben außen vor“, war zu hören.

Kurz zuvor hatte sich die Arbeitsgemeinschaft der ärztlichen Methodenfächer (AGMF) fürs Erste gegen einen Beitritt ausgesprochen und für den Verbleib in der GFB. Man halte zwar einen gemeinsamen Dachverband aller für sinnvoll, „allerdings müssten alle Mitglieder auch mit angemessenen Rechten ausgestattet sein“, so die AGMF. Das können ihre Mitglieder in der Spifa-Satzung nicht erkennen.

Sie monieren, dass „einer großen Zahl selbstständiger, freier fachärztlicher Berufsverbände ein eigenes Stimmrecht verwehrt“ werde. Unterzeichnet haben die Stellungnahme die Berufsverbände Deutscher Pathologen, Deutscher Laborärzte, Deutscher Nuklearmediziner, Deutscher Neuroradiologen, Deutscher Radiologen und der Ärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Doch auch von anderer Seite hört man diese Kritik.

Die komplizierte Satzung sieht unter anderem vor, Berufsverbände und Arbeitsthemen vier Ausschüssen zuzuordnen. Einer soll die methodendefinierten Fächer abbilden, einer den Bereich Psychotherapie im weitesten Sinn, einer die fachärztliche Grundversorgung inklusive der Schnittstellen zum hausärztlichen Versorgungsbereich und einer die Europathemen.

Kleine Verbände wie die der AGMF hätten als Teil eines Ausschusses nur wenig Gewicht bei Abstimmungen. Auch darf der Spifa-Vorstand für die nächsten Jahren die Ausschussvorsitzenden ernennen. Und was manchen Geschäftsführer eines Verbands ärgern dürfte: Nur Ärzte dürfen Ausschüssen vorstehen, abstimmen und die Mitgliederversammlungen besuchen.

Statt einer großen Fusion bestimmen derzeit Einzelentscheidungen das Geschehen. Zuletzt hat der Spifa den NAV-Virchow-Bund sowie den Berufsverband Niedergelassener Gynäkologischer Onkologen in Deutschland als assoziierte Mitglieder aufgenommen. Der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) will im April förmlich beschließen, die GFB zugunsten des Spifa zu verlassen. Kurz vor diesem Schritt steht offenbar auch der Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC).

Spifa-Ehrenpräsident Dr. med. Andreas Köhler hatte im Januar mit Hinweis auf den Deutschen Hausärzteverband (HÄV) für eine Fusion geworben: „Wir brauchen einen mindestens genau so großen Verband auf der Facharztseite.“ Das sehen vermutlich viele Fachärzte so. Doch das Vorhaben ist schwer umzusetzen, und das hat nicht nur mit persönlichen Eitelkeiten und Streit um Geld und Macht bei Spifa und GFB zu tun, wie manche meinen.

Der HÄV hatte es einfacher, sich zu formieren. Dort mussten sich weder zwei Dachverbände noch zig Fachgebiete zusammenraufen. Auch trugen die Versorgungs- und Nachwuchsprobleme in der Allgemeinmedizin erheblich dazu bei, dass er auf politischer Ebene an Gewicht gewann. Interne Debatten, wie zum Beispiel die um Add-On-Hausarztverträge gemeinsam mit den Kassenärztlichen Vereinigungen, bekam der HÄV in den Griff. Und unterschiedliche Befindlichkeiten zwischen Mitgliedern, die im ambulanten Bereich tätig sind, und solchen, die im stationären Sektor arbeiten, gibt es bei den Hausärzten nicht.

Ganz anders die Lage bei den fachärztlichen Verbänden: Es gibt große und kleine, patientennahe und -ferne, solche mit vielen Mitgliedern aus dem stationären Bereich und solche mit wenigen. Damit nicht genug: Wie sollen sie einheitliche fachärztliche Positionen finden und vertreten, wenn es in der Berufspolitik noch derart viele Differenzen wegen des Wettbewerbs von ambulanter und stationärer Versorgung gibt? Spifa-Ehrenpräsident Köhler hat es kürzlich deutlich formuliert: Wie man sich die fachärztliche Versorgungsstruktur der Zukunft vorstelle, was deren Grundversorger mit hochspezialisierten Fachärzten verbinde – darüber gebe es keinen Diskussionsprozess. Und deshalb keine abgestimmten gemeinsamen Positionen, ist zu ergänzen. Solange das so bleibt, wird es ein Dachverband, der alle Fachärzte repräsentieren will, weiter schwer haben.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen:

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige