SUPPLEMENT: Perspektiven der Kardiologie

Telemedizin: Im Alltag angekommen?

Dtsch Arztebl 2015; 112(12): [24]; DOI: 10.3238/PersKardio.2015.03.20.06

Schultz, Martin; Carius-Düssel, Christine; Gilis-Januszewski, Joanna

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Obwohl die telemedizinische Betreuung von Patienten viel Potenzial bietet, sind bei niedergelassenen Ärzten zahlreiche Ängste damit verbunden.

Foto: BodyTel GmbH
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Ein telemedizinischer Patientenalltag: „Vera K. beginnt ihren Tag mit dem inzwischen gewohnten Programm. Nach dem Toilettengang stellt sich die 73-jährige Rentnerin auf ihre Körperwaage, kleidet sich an, setzt sich auf einen Küchenstuhl, wartet etwas Zeit ab und misst ihren Blutdruck mit dem Gerät, welches sie vor vier Monaten zusammen mit der Körperwaage vom telemedizinischen Zentrum zugeschickt bekam.“

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Vera K. leidet an einer chronischen systolischen und diastolischen Linksherzinsuffizienz kombiniert mit einer bisher nicht behandelten arteriellen Hypertonie.

„Als der Hausarzt Frau K. vor einiger Zeit aufgrund akuter Beschwerden mit unklarer Luftnotsymptomatik in ein Krankenhaus einwies, wurde nach kardiodiagnostischer Abklärung der aktuellen Beschwerden und Neueinstellung der medikamentösen Therapie dem Hausarzt die Aufnahme der Patientin in ein telemedizinisches Betreuungsprogramm für Herzinsuffizienzpatienten vorgeschlagen. Der Hausarzt - durch ein Begleitschreiben über das Telemedizinprogramm informiert - besprach mit der Patientin diese neue Form der Betreuung und schrieb sie mit ihrem Einverständnis am Telemedizinzentrum in das Programm ein. Die relevanten Befunde wurden hierbei vom Hausarzt mit an das Zentrum übermittelt.“

Die Vergütung der telemedizinischen Betreuung erfolgt im Rahmen eines bestehenden Vertrags des Telemedizinzentrums mit der Krankenkasse der Patientin.

„Vera K. erwartet heute um 10.45 Uhr den Anruf eines telemedizinischen Betreuers vom Telemedizinzentrum. Es ist eines der monatlich stattfindenden Telefonate, welches zur Besprechung des aktuellen Befindens, der übermittelten Messwerte und gegebenenfalls geänderten Medikamente durchgeführt wird. Vor zwei Wochen erhielt die Patientin bereits einen Zwischenanruf vom Telemedizinzentrum, da sich ihre übermittelten Blutdruckwerte über mehrere Tage oberhalb des festgelegten Messwertebereichs befanden. Im Gespräch mit der Patientin und nach Rücksprache mit dem Hausarzt konnte der diensthabende Kardiologe im Telemedizinzentrum durch Anpassung der Medikation (zum Beispiel Diuretika, ACE-Hemmer oder Kalziumantagonisten) eine Verbesserung der Blutdruckwerte bewirken.“

Telemedizin etabliert sich zunehmend im kardiologischen Alltag. Sie besteht in der Regel aus dem Telemonitoring von Vitalparametern, wie zum Beispiel Blutdruck, Herzfrequenz, Gewicht und dem Sauerstoffpartialdruck des Blutes. Hinzu kommen die Beurteilung von 1-Kanal- oder 12-Kanal-Elektrokardiogrammen bei Herzrhythmusstörung und kardiovaskulären Erkrankungen sowie die Überwachung von Übertragungsdaten aus Schrittmacher-, ICD- oder CRT-D-Implantaten.

Typischerweise werden die Patienten in einem Betreuungsprogramm im Umgang mit ihrer Erkrankung geschult. Dabei werden Telefonate durchgeführt, die den Patienten befähigen, seine Krankheit besser einzuschätzen, sein Selbstmanagement zu verbessern und mehr Eigenverantwortung zu übernehmen (1). Infolge eines gesteigerten Patienten-Empowerments konnte diesbezüglich eine Anhebung der Compliance und der Adhärenz gezeigt werden (2).

Inzwischen wurde in zahlreichen Studien die Wirksamkeit von Telemedizin für bestimmte Patientengruppen nachgewiesen. Wesentliche Erfolgsfaktoren, die der telemedizinischen Betreuung zugeschrieben werden, sind die Reduktion der Mortalität, die Erhöhung der Lebensqualität und die Reduktion der Hospitalisierungsrate (37). Diese Erfolge können nur durch eine zwischen Hausarzt, Kardiologe, Telemedizinzentrum und Klinik abgestimmte medizinische Betreuung erreicht werden.

Obwohl die telemedizinische Betreuung viel Potenzial bietet, sind bei Niedergelassenen zahlreiche Ängste damit verbunden. Die folgende Übersicht beschreibt häufig genannte Gründe für die Ablehnung telemedizinischer Programme (8):

Kommunikationswege in Telemonitoring-Programmen
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Kommunikationswege in Telemonitoring-Programmen
  • Arzt-Patienten-Beziehung: Die vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung wird durch den weiteren Akteur „Telemedizinzentrum“ gestört.
  • Verwaltungsaufwand: Mit der telemedizinischen Betreuung einzelner Patienten steigt der Verwaltungsaufwand in der Praxis.
  • Investitionskosten: Um mit dem Telemedizinzentrum zusammenarbeiten zu können, sind hohe Investitionen in IT-Systeme, die eine sichere Datenübertragung ermöglichen, notwendig sowie Schulungen des Personals, damit es mit den neuen technischen Lösungen umzugehen vermag.
  • Kontrolle: Telemedizinische Programme kontrollieren und überwachen sowohl den Patienten als auch den betreuenden Hausarzt/niedergelassenen Arzt (9).

Die Ablehnungsgründe sind verständlich. In Untersuchungen konnte jedoch gezeigt werden, dass die Arzt-Patienten-Beziehung zwischen niedergelassenem Arzt und seinen Patienten aus Sicht der Patienten durch Telemedizin nicht negativ und in bestimmten Konstellationen sogar positiv beeinflusst wird (10)*. Die Teilnahme der Patienten an telemedizinischen Programmen stellt nicht unbedingt Anforderungen an die technische Infrastruktur der Praxen. Vielmehr ist es Aufgabe der telemedizinischen Zentren, die Infrastruktur, die Datensicherheit sowie den Informationsfluss zum Hausarzt sicherzustellen.

Telemedizin kann keineswegs die ärztliche Versorgung durch den niedergelassenen Arzt ersetzen, vielmehr soll sie diese ergänzen und unterstützen. In der Regel sind die Programme fest an die Betreuung durch den niedergelassenen Arzt geknüpft, der regelmäßig persönlichen Kontakt zum Patienten pflegt (11). Ohne die niedergelassenen Ärzte kann Telemedizin nicht erfolgreich sein. Den betreuenden Telemedizinzentren kommt hierbei die verantwortungsvolle Aufgabe zu, das Verhältnis zu den niedergelassenen Ärzten sensibel zu gestalten (12).

Von Telemedizinzentren werden folgende Vorteile für die niedergelassenen Ärzte beschrieben (13):

  • Entlastung der niedergelassenen Ärzte

‒   höhere Therapie-Compliance durch Monitoring und Betreuung der Patienten in ihrem häuslichen Umfeld

‒   Optimierung der Therapie

  • Bereitstellung verlässlicher aggregierter Befunddaten und einer damit einhergehenden, höheren Diagnosesicherheit
  • Höhere Patientenzufriedenheit
  • Bindung der Patienten an die Praxis

Um diese Vorteile für Hausärzte und niedergelassene Kardiologen greifbarer zu machen, ist es wichtig, den intensiven Austausch zwischen betreuendem Telemedizinzentrum und Hausarzt/Kardiologe von Beginn an in den telemedizinischen Programmen zu etablieren (Abbildung 1).

Die Kooperation kann durch verschiedene Maßnahmen gestärkt werden:

  • Informationsveranstaltungen für Hausärzte und niedergelassene Ärzte zu den telemedizinischen Programmen und deren spezifischen Nutzen für Patienten
  • Gemeinsame Konzeption der Programme mit Hausärzten und niedergelassenen Ärzten
  • Regelmäßiger Informationsaustausch zu Patienten (in Form von Arztbriefen, Fax, Telefonaten) zwischen den am Betreuungsprozess Beteiligten. Der Austausch sollte beim Auftreten von besonderen Ereignissen sowie regelmäßig (zum Beispiel monatlich oder quartalsweise) erfolgen.

Resume: Die Telemedizin stellt einen weiteren Schritt in der Entwicklung der modernen Medizin dar. Der Einsatz bereits verfügbarer Technologien in Kombination mit innovativen Service-Angeboten hat das Potenzial, den Herausforderungen des demografischen Wandels mit dem einhergehenden Ärztemangel geeignet zu begegnen und gleichzeitig Patienten aktiver mit in ihre medizinische Versorgung einzubeziehen.

DOI: 10.3238/PersKardio.2015.03.20.06

Dr. med. Martin Schultz

Christine Carius-Düssel

Dr. med. Joanna Gilis-Januszewski

Institut für angewandte Telemedizin (IFAT) des Herz- und Diabeteszentrums Nordrhein-Westfalen

Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1215

* In dieser Untersuchung wurden nur sehr wenige niedergelassene Ärzte befragt. Die Einschätzung zum Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient aus Sicht der niedergelassenen Ärzte müsste weitergehend erforscht werden.

1.
Friedenberger M, et al.: Innovative Telemedizinlösungen für Asthmatiker, in Telemedizinführer Deutschland, Jäckel, Editor. 2009: Bad Nauheim. 56–9.
2.
Prescher S, et al.: Will telemonitoring be adopted by patients with chronic heart failure?. Dtsch Med Wochenschr 2014; 139: 829–34 MEDLINE
3.
Kielblock B, et al.: Impact of telemetric management on overall treatment costs and mortality rate among patients with chronic heart failure. Dtsch Med Wochenschr 2007; 132: 417–22 CrossRef MEDLINE
4.
Köhler F, et al.: Impact of remote telemedical management on mortality and hospitalizations in ambulatory patients with chronic heart failure: the telemedical interventional monitoring in heart failure study. Circulation 2011; 123: 1873–80 CrossRef MEDLINE
5.
Müller A, et al.: Telemedical support in patients with chronic heart failure: experience from different projects in Germany. Int J Telemed Appl 2010; Article ID 181806, 11 Seiten CrossRef MEDLINE PubMed Central
6.
Rähse G: Wissenschaftliche Studie: AOK-Herzprogramm zeigt positive Effekte. 2014, AOK Nordost.
7.
Zippel-Schultz B, et al.: Bedarf und Nutzen eines regionalen Telemedizin-Versorgungskonzeptes für Patienten mit Herzinsuffizienz- und Herzrhythmusstörungen: Ergebnisse des Projektes E.He.R. in Telemed 2014, 19. Nationales Forum für Gesundheitstelematik und Telemedizin. 2014, Berlin.
8.
Allensbach IfD: Der Einsatz von Telematik und Telemedizin im Gesundheitswesen. 2010, Institut für Demoskopie Allensbach: 47.
9.
Reiß B: Exkurs: Wissen schafft Vertrauen in Fortschritt, in Telemedizin: Wege zum Erfolg. Management von Innovationen im Gesundheitswesen, Budych K, et al.: Editors 2013, Kohlhammer: 111.
10.
Kluska D: Versorgung aus der Ferne: Die Arzt-Patient-Beziehung unter den Bedingungen der Telemedizin. 2012.
11.
Köhler F, et al.: Telemonitoring bei internistischen Erkrankungen, in Telemedizinische Methoden in der Patientenversorgung: Anwendungsspektrum, Chancen, Risiken; Bartmann F-J, Blettner M, Heuschmann PU, Editors. 2012, Deutscher Ärzte-Verlag: 181.
12.
Goss F, et al.: Praktische Telemedizin in Kardiologie und Hypertensiologie. Thieme 2009: 216.
13.
Zippel-Schultz B, Frauke W, Steinbach S: E.He.R. Etablierung eines Versorgungskonzeptes für Patienten mit Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen in Rheinland-Pfalz. 2014: www.eher-telemedizin.de/aktuelles/veranstaltungen/starke-wirtschaft-starke-regionen.
14.
Budych K, et al.: Telemedizin: Wege zum Erfolg. Management von Innovationen im Gesundheitswesen. 2013: Kohlhammer. 168.
Kommunikationswege in Telemonitoring-Programmen
Grafik
Kommunikationswege in Telemonitoring-Programmen
1.Friedenberger M, et al.: Innovative Telemedizinlösungen für Asthmatiker, in Telemedizinführer Deutschland, Jäckel, Editor. 2009: Bad Nauheim. 56–9.
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6.Rähse G: Wissenschaftliche Studie: AOK-Herzprogramm zeigt positive Effekte. 2014, AOK Nordost.
7.Zippel-Schultz B, et al.: Bedarf und Nutzen eines regionalen Telemedizin-Versorgungskonzeptes für Patienten mit Herzinsuffizienz- und Herzrhythmusstörungen: Ergebnisse des Projektes E.He.R. in Telemed 2014, 19. Nationales Forum für Gesundheitstelematik und Telemedizin. 2014, Berlin.
8.Allensbach IfD: Der Einsatz von Telematik und Telemedizin im Gesundheitswesen. 2010, Institut für Demoskopie Allensbach: 47.
9.Reiß B: Exkurs: Wissen schafft Vertrauen in Fortschritt, in Telemedizin: Wege zum Erfolg. Management von Innovationen im Gesundheitswesen, Budych K, et al.: Editors 2013, Kohlhammer: 111.
10.Kluska D: Versorgung aus der Ferne: Die Arzt-Patient-Beziehung unter den Bedingungen der Telemedizin. 2012.
11.Köhler F, et al.: Telemonitoring bei internistischen Erkrankungen, in Telemedizinische Methoden in der Patientenversorgung: Anwendungsspektrum, Chancen, Risiken; Bartmann F-J, Blettner M, Heuschmann PU, Editors. 2012, Deutscher Ärzte-Verlag: 181.
12.Goss F, et al.: Praktische Telemedizin in Kardiologie und Hypertensiologie. Thieme 2009: 216.
13.Zippel-Schultz B, Frauke W, Steinbach S: E.He.R. Etablierung eines Versorgungskonzeptes für Patienten mit Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen in Rheinland-Pfalz. 2014: www.eher-telemedizin.de/aktuelles/veranstaltungen/starke-wirtschaft-starke-regionen.
14.Budych K, et al.: Telemedizin: Wege zum Erfolg. Management von Innovationen im Gesundheitswesen. 2013: Kohlhammer. 168.

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