ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2015Von schräg unten: Danke

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Danke

Dtsch Arztebl 2015; 112(12): [64]

Böhmeke, Thomas

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An dieser Stelle, also ganz von schräg unten, gilt es einmal das förmlich aus dem deutschen Sprachschatz verschwundene „Danke!“ auszusprechen. Ein Wort, das ob seiner Fremdheit, seiner Exotik, in seinem Ausdruck der Empathie so rar ist wie ein neues Antibiotikum zur Bekämpfung der MRSA oder ein neues Medikament zur Hepatitistherapie, das Tagestherapiekosten von 100 Euro nicht überschreitet. Dabei ist dies kurze Wort, dessen Lautbildung nur eines winzigen Bruchteils des exspiratorischen Atemvolumens bedarf, äußerst wirkungsvoll, kann es doch Schluchten menschlichen Unverständnisses überwinden, gar Kontinente pangäatisch zusammenschweißen. Daher – weil es sonst kein Anderer macht – will ich mich darin üben. Ich sage an dieser Stelle ganz tapfer „Danke!“ zu all den Politikern und Prominenten, die im Zuge investigativer Maßnahmen ihren Doktortitel verloren haben. Was mir wiederum ausgesprochen leid für sie tut, zumal ich nämlich der Nutznießer bin. Weil ich nämlich festgestellt habe, dass bei Anrede meiner Person zunehmend der Doktortitel weggelassen wird. Wahrscheinlich geschieht dies aus purer Höflichkeit, wollen die mich in Anrede Stellenden nicht damit brüskieren, dass ich womöglich auch einer von denen bin, die sich wissenschaftliche Meriten durch Textstellenklau erschwindelt haben. Egal, ob in der Autowerkstatt, im Computerladen, im Musikgeschäft: Ich bin nur noch Herr Böhmeke. Das finde ich prima, weil ich in der Vergangenheit immer wieder festgestellt habe, dass sich Verkäufer nach Kenntnis der Promotion meiner Person immer dazu angespornt sahen, die Preise zu heben, Rabatte fallen zu lassen, Rechnungen aufzumotzen. Dahinter steckt, so meine Vermutung, ein äußerst löbliches Motiv, nämlich die Sorge um die soziale Gerechtigkeit. Weil wir Ärzte ja ohnehin viel zu viel verdienen und ebenjene Verkäufer sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollen, die Schere zwischen Arm und Reich mal ein bisschen zu schließen. Somit bin ich voller Hoffnung, dass ich mit Verlustierung des Doktortitels in der Anrede auch endlich in den Genuss normaler Preise, korrekter Quittungen kommen darf. Mit diesen Gedanken eile ich frohgemut zu meinem Computerdealer, bei dem ich meinen PC kurieren lassen wollte, 29 Euro sollte das kosten, hat er gemeint, dann sei er wieder rasant. „Hallo Herr Böhmeke!“ begrüßt mich der Inhaber betont freundlich, „wir haben Ihren PC nachgeguckt, da waren einige defekte Dateien, die haben wir repariert, macht 189 Euro!“ Mist. Das „Danke!“ kassiere ich wieder ein. Wenn schon bei mir abkassiert wird, dann bitte mit Doktortitel.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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