ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2015Krankenkassen: Plus wird Minus

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Krankenkassen: Plus wird Minus

Dtsch Arztebl 2015; 112(12): A-495 / B-423 / C-411

Maibach-Nagel, Egbert

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Deutschlands gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) „steht auf solider Grundlage“. So wertet Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) die Finanzen der 123 gesetzlichen Krankenkassen, insbesondere wegen der rund 28 Milliarden Euro hohen Reserve zum Jahreswechsel 2014/2015. Dass die Versicherer in einem weiteren Jahr „brummender“ Konjunktur 1,2 Milliarden Euro mehr ausgegeben haben, als mit 204,1 Milliarden Euro insgesamt eingenommen wurde, verdanken die Versicherten dem wettbewerblichen Willen, Kunden zu binden. Einige Kassen zahlten Prämien, andere erweiterten ihr Angebot an freiwilligen Leistungen.

Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Der Blick hinter diesen Luxus offenbart aber auch anderes: Während beispielsweise die AOKen nach Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds Überschüsse ausweisen, zeigen andere Kassenarten – laut BMG „zu erheblichen Teilen“ wegen der Kundenbindungs-Geschenke – unterschiedlich hohe Defizite. Und: Der ab 2015 zu leistende Zusatzbeitrag beträgt im Schnitt 0,8 Prozent. Acht Krankenkassen liegen aber darüber – ein erster Gradmesser des gewollten Wettbewerbs.

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Dass die Versicherer selbst – trotz der aktuell guten Sachlage – mehr oder minder lamentierend auf die schwierige Zukunft verweisen, statt die Milliarden ins System zu stecken, erinnert eher an unternehmerische, denn rein verwaltende Prämissen. Apropos Verwaltung: Die erforderte im vergangenen Jahr laut BMG-Berechnung netto 9,97 Milliarden Euro an Ausgaben.

Die Einschätzung aus Sicht der Krankenversicherer: Die Finanzsituation ist – noch – stabil. Der Blick zurück reicht aber nicht, moniert beispielsweise der GKV-Spitzenverband. Man erwarte in den nächsten Jahren wegen steigender Ausgaben – für Ärzte, Kliniken und Medikamente – höhere Zusatzbeiträge. Aus Plus wird dann wieder Minus. Deswegen bleiben die 28 Milliarden vorerst beim Verwalter. Und kaum liegen die Zahlen auf dem Tisch, gibt es auch schon erste Mutmaßungen über das, was kommt: Die Teuerung soll – so beeilt sich die Bild-Zeitung, MdB Maria Klein-Schmeink von Bündnis 90/Die Grünen zu zitieren – ab 2016 bis zu 50 Euro im Monat ausmachen. Sicherlich: Was jetzt auf der hohen Kante liegt, ist angesichts der oft beschrienen künftigen demografischen Herausforderungen, aber auch wegen wachsender medizinischer Möglichkeiten, als Füllhorn für Bevorstehendes nicht ausreichend. Trotzdem ist das Einlagern für schlechte Zeiten fragwürdig: Das gesetzliche System baut auf Umlage, nicht auf Ansparen. Kapitalbildung war von jeher das Vorgehen der Privat-Konkurrenz im dualen System.

Die privaten Krankenversicherer, auf deren Demografie-Vorsorge-Sparen gesetzliche Versicherer wie auch Politiker ein begehrliches Auge werfen, haben ihr Rücklagensystem inzwischen auf mehr als 200 Milliarden Euro aufstocken können.

Das Plus kommt aber auch nicht mehr aus der Kranken-Vollversicherung, sondern aus dem Zulauf in die Pflegeversicherung. Die privaten Krankenvollversicherer kämpfen nicht erst seit heute mit rückläufigen Bestandszahlen. In diesem Jahr wird das mit konjunkturell bedingten Abgängen Selbstständiger in die GKV begründet. Ob sinnvoll oder nicht: Das Trauerspiel für das einzigartige duale System, das mancher Politiker allzu gern zur Einheitsversicherung planieren würde, geht – wenn auch sachte – weiter.

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