ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2015Glukosekontrolle: Messen ohne zu stechen

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Glukosekontrolle: Messen ohne zu stechen

Fath, Roland

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Mit einem Sensor am Oberarm können Diabetiker ohne Nadeln ihren Glukosegehalt im Subkutanfettgewebe messen. Das soll zu mehr Lebensqualität führen. Die herkömmliche kontinuierliche Blutzuckermessung wird damit aber nicht ersetzt.

Mit einem neuartigen Glukosesensor können insulin-pflichtige Diabetiker beim Selbstmanagement ihrer Erkrankung auf das routinemäßige Stechen in die Fingerkuppe zur Blutzuckermessung verzichten. Der Sensor am Oberarm misst den Glukosegehalt in der Interstitialflüssigkeit des Unterhautfettgewebes; ein Scan mit dem Lesegerät zeigt den Wert an.

FreeStyle Libre® heißt das Flash-Glukose-Messsystem, das seit Ende Oktober für erwachsene Diabetiker verfügbar ist und direkt bei Abbott im Online-Shop bestellt werden kann. Es soll keine Alternative zu Geräten für die kontinuierliche Glukosemessung sein, betonte Dr. med. Thorsten Berg, Medical Director von Abbott Diabetes Care. Stattdessen soll es dem insulinpflichtigen Diabetiker die Blutzuckermessung erleichtern und dadurch mehr Lebensqualität und Privatsphäre verschaffen.

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Der Sensor misst den Glukosegehalt im Subkutanfettgewebe über 14 Tage mit anhaltend hoher Genauigkeit, ohne dass eine Kalibrierung nötig ist, berichtete Dr. Udo Hoss vom US-Headquarter des Unternehmens in Alameda/Kalifornien, wo das Messsystem entwickelt wurde. Es ist ein Drei-Elektroden-System, bei dem der Glukosegehalt über eine enzymatische Glukoseoxidation und ein daraus resultierendes Stromsignal gemessen wird. Die Messwerte stimmen mit einer Zeitverzögerung von etwa fünf Minuten gut mit dem Glukosegehalt im Kapillarblut überein, so Hoss. In der Evaluationsstudie bei 72 Probanden betrug die mittlere absolute Abweichung der mit dem neuen Messsystem über 14 Tage ermittelten Werte 11,4 Prozent im Vergleich zur herkömmlichen Blutzuckermessung.

Der Sensor muss nach circa 14 Tagen gewechselt werden

Der Sensor von der Größe etwa eines Zwei-Euro-Stücks wird mit einem Applikator fest auf den Oberarm aufgedrückt und stellt dabei Kontakt zum Subkutanfettgewebe her. Ein Pflaster auf der Unterseite sorgt für stabilen Halt auf der Haut. Der Sensor wird aktiviert und ist in 60 Minuten betriebsbereit für eine kontinuierliche Glukosemessung über 14 Tage. Dann muss er gewechselt werden. Sensor und Pflaster sind wasserfest, man kann auch 30 Minuten baden oder in die Sauna gehen, sagte Berg.

Für die Anzeige des Glukosewertes muss der Patient mit dem Lesegerät, ein Touchscreen im Smartphone-Format, in kurzem Abstand den Sensor scannen – das geht auch durch die Kleidung hindurch. Das Gerät zeigt dann den aktuellen Glukosewert und über einen Pfeil (rasch oder mäßig steigend beziehungsweise fallend) den Glukosetrend an, ermittelt durch die Messung der letzten 15 Minuten. Als dritte Information wird auf dem Display der Glukoseverlauf über bis zu acht Stunden als Kurve angezeigt. Für ein komplettes 24-Stunden-Blutzucker-Profil wären also drei Messungen im Abstand von jeweils acht Stunden erforderlich.

Die ersten Nutzer des Systems schätzen außer dem Verzicht auf das Stechen vor allem die angezeigten Zusatzformationen, berichtete Dr. med. Jens Kröger, Internist in einer diabetologischen Schwerpunktpraxis in Hamburg. „Ich kann durch die Messung abends bereits den Verlauf für die Nacht abschätzen und entsprechend reagieren“, sagte Hannelore Koller, Typ-1-Diabetikerin.

Derzeit verhandelt das Unternehmen Abbott mit den Kassen über eine Erstattung des Lesegerätes und der Sensoren, die jeweils rund 60 Euro kosten. Der Preis einer herkömmlichen Blutzuckermessung mit Teststreifen und Lanzetten sei bei Patienten mit intensivierter Insulintherapie nicht viel anders, hieß es.

Roland Fath

Launch-Pressekonferenz „Neue Freiheit für Menschen mit Diabetes”, in Hamburg, Veranstalter: Abbott Diabetes Care

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