ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2015Interprofessionelles Lernen: Zusammenwirken der Gesundheitsberufe

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Interprofessionelles Lernen: Zusammenwirken der Gesundheitsberufe

Dtsch Arztebl 2015; 112(13): A-564 / B-480 / C-468

Gerst, Thomas

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Die medizinische und insbesondere die demografische Entwicklung führen dazu, dass abgestimmte Betreuungs- und Behandlungskonzepte unverzichtbar werden. Mit interprofessionellen Lernangeboten kann das Zusammenwirken in der Gesundheitsversorgung verbessert werden.

In gemeinsamen Modulen für alle Gesundheitsberufe könnte interprofessionelles Handeln gelernt werden. Foto: Fotolia/kasto
In gemeinsamen Modulen für alle Gesundheitsberufe könnte interprofessionelles Handeln gelernt werden. Foto: Fotolia/kasto

Dass die ersten zarten Ansätze interprofessionellen Lernens in der Aus- und Fortbildung von Gesundheitsberufen weiterverfolgt und tunlichst verstärkt werden sollten – darüber waren sich die Teilnehmer der Fachberufekonferenz bei der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) einig. Die Vertreter von mehr als 40 Mitgliedsverbänden befassten sich am 18. März in Berlin mit der Frage, wie auf diesem Weg die Zusammenarbeit zwischen den Professionen zum Wohle der Patienten verbessert werden könnte. Denn das steht für die meisten an der medizinischen Versorgung Beteiligten inzwischen außer Frage: Die medizinische und insbesondere die demografische Entwicklung führen dazu, dass abgestimmte Betreuungs- und Behandlungskonzepte unverzichtbar werden. Inwieweit in der Folge auch bestehende hierarchische Strukturen durchbrochen werden müssen, stand bei der Fachberufekonferenz nicht zur Diskussion.

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Interprofessionelle Bildung schon vor Beginn der beruflichen Laufbahn stellt für die Teilnehmer der Fachberufekonferenz eine der wesentlichen Voraussetzungen dar, um eine angemessene medizinische Versorgung der zunehmenden Zahl multimorbider, chronisch kranker, älterer und pflegebedürftiger Patienten in Zukunft umsetzen zu können. Die Kommunikation in multiprofessionellen Teams oder bei der Fallbegleitung von Patienten mit komplexen Krankheitsbildern und ihren Angehörigen ließe sich in gemeinsamer Aus- und Fortbildung besser erlernen. Das koordinierte Zusammenwirken werde selbstverständlicher und effektiver, je früher es zum Beispiel bereits in der Ausbildung thematisiert undeingeübt werde. „Gemeinsames Lernen schärft das Bewusstsein für den Beitrag anderer Berufsgruppen in der Patientenbetreuung und -behandlung und trägt damit zu einer Verbesserung der Gesundheitsversorgung bei“, sagte dazu Dr. med. Max Kaplan, der Vorsitzende der Fachberufekonferenz und Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer.

Erlerntes stimmte nicht mit tatsächlichem Bedarf überein

Einige konkrete Beispiele veranschaulichten, wie künftig eine breitere interprofessionelle Ausbildung aussehen könnte. So berichtete Dr. sc. hum. Cornelia Mahler über den Studiengang Interprofessionelle Gesundheitsversorgung (IPG), einen ausbildungsintegrierenden Studiengang an der Abteilung für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg. Mahler nannte als Grund für die Einrichtung des Studiengangs, dass „zuvor das Erlernte nicht mehr mit dem tatsächlichen Bedarf übereingestimmt“ habe. „Alle Gesundheitsberufe haben in ihren Silos nebeneinanderher gelernt.“

Parallel zu einer fünfsemestrigen regulären Ausbildung in einem medizinischen Fachberuf (Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege, Hebammenwesen, Logopädie et cetera) werden in Heidelberg Inhalte der medizinischen Fakultät angeboten. In den folgenden drei Semestern wird das Studium an der medizinischen Fakultät intensiviert. Damit Schüler und Studenten der Gesundheitsberufe lernen, im Berufsalltag zusammenzuarbeiten, gibt es gemeinsame Lehrveranstaltungen der Studiengänge Humanmedizin und IPG – beispielsweise zu den Themen Team- und Fehlerkommunikation, Versorgungsforschung, Health Care English. Ziel ist die Förderung von Kompetenzen zur Zusammenarbeit, das gegenseitige Kennenlernen von Arbeitsbedingungen und die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses für die spätere berufliche Tätigkeit.

Positive Erfahrungen mit dem Studiengang Logopädie

An der Medizinischen Fakultät geht es für die IPG-Studierenden zudem beispielsweise um die folgenden Themen: wissenschaftliches Arbeiten in den Gesundheitsberufen, evidenzbasierte Versorgung auf Grundlage der Gesundheitswissenschaften, Qualitätsförderung, Gesundheitsversorgung von Menschen in verschiedenen Lebensphasen, Patientenunterstützung oder Informations- und Kommunikationstechnologien im Gesundheitswesen. Studiengangskoordinatorin Mahler verschweigt nicht, dass eine stärkere Verzahnung von Humanmedizin und Gesundheitsfachberufen in der Ausbildung schwierig umzusetzen sei. Dies sei derzeit aber eher auf organisatorische Probleme als auf inhaltliche Fragen zurückzuführen.

Als ein weiteres Beispiel für eine Verzahnung der Ausbildung der Gesundheitsberufe wurde auf der Fachberufekonferenz der Bachelorstudiengang „Logopädie“ an der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen vorgestellt. Seit dem Jahr 2011 werden hier Logopäden in einem primärqualifizierenden Studiengang ausgebildet, die ersten Abschlüsse stehen kurz bevor. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation dieses Modellprojekts sollen im Juni vorgestellt werden.

Insofern ist es noch zu früh für eine Bewertung, wie sich die verzahnte Ausbildung in der Praxis der Patientenversorgung auswirken wird; allerdings berichtete Prof. Dr. med. Christopher Bohr, Leiter der Abteilung Phoniatrie und Pädaudiologie an der HNO-Klinik, von den bisherigen positiven Erfahrungen mit dem Studiengang. Interprofessionelle Ausbildung finde gerade auch dann statt, wenn die angehenden Logopäden zur praktischen Ausbildung in die Kliniken kämen, hier insbesondere in die Phoniatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Stroke Unit und Geriatrie. Zu den medizinischen Grundlagenfächern des Studiengangs gehörten die Phoniatrie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Pädiatrie und Kieferorthopädie, die Aphasiologie und Neurologie. Dozenten der Logopädie unterrichteten umgekehrt allerdings auch Medizinstudierende im 9. Semester zu den Themen Dysphagie und Laryngektomie. Zu den Themen Medizinethik und medizinische Statistik gebe es in Erlangen gemeinsame Veranstaltungen der Logopäden mit Medizinern, in der Audiologie mit Medizintechnikern, in der Geriatrie mit Gerontopsychologen und in der Gesundheitsökonomie mit Nürnberger Betriebswirtschaftlern.

Von einer kleineren interprofessionellen Bildungsmaßnahme an der Charité – Universitätsmedizin Berlin berichtete auf der Fachberufekonferenz Kathrin Reichel. Sie betreut das Projekt „Interprofessionelles Peer-Teaching in den Gesundheitsberufen“. Hier sollen Studierende der Medizin, Ergotherapie, Physiotherapie und Pflege in gemeinsamen Tutorien miteinander und voreinander lernen mit dem Ziel, über eine verbesserte Zusammenarbeit die Versorgungsqualität zu erhöhen. So gibt es beispielsweise ein Tutorium „Open Skills Lab – Zeig, was du kannst“, in dem sich die verschiedenen Gesundheitsberufe untereinander mit den jeweiligen berufstypischen praktischen Fertigkeiten vertraut machen.

Komplexe Anforderungen nur miteinander zu bewältigen

Auf die Bedeutung von Interprofessionalität als eines übergreifenden Ausbildungsgrundsatzes verwies Prof. Dr. med. Hans-Jochen Heinze, Vorsitzender des Medizinausschusses im Wissenschaftsrat. Gerade angesichts der Herausforderungen in der medizinischen Versorgung – Zunahme chronischer Erkrankungen, Multimorbidität, Pflegebedürftigkeit – müssten die Gesundheitsfachberufe und die Humanmedizin in die Lage versetzt werden, diesen komplexen Herausforderungen im Team zu begegnen. Die 2014 veröffentlichten Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Weiterentwicklung des Medizinstudiums befürworten eine zehn- bis 20-prozentige Akademisierungsquote der Pflege- und Therapieberufe. Angesichts komplexer Aufgaben müssten diese in die Lage versetzt werden, ihr Handeln auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse reflektieren zu können. Heinze empfiehlt eine Anbindung an die medizinischen Hochschulen, da nur hier die Einheit von klinischer Forschung und Lehre gewährleistet sei. In gemeinsamen Modulen für alle Gesundheitsberufe könnte interprofessionelles Handeln gelernt werden.

Thomas Gerst

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