ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2015Arzneimittel: Bitte Wissensdefizit beseitigen
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Das Wissensdefizit des Autors besteht darin, dass er Frau Maier nicht kennt. Sie ist sozialkompetente, wohlvernetzte Kaffeekränzchenteilnehmerin im Sprengel und schwärmt vom Medikament XY, über das ihre zahlreichen Freundinnen so viel Gutes (weil teuer) berichten. Nun kann Kollege Schulze, frisch fortgebildet bezüglich Zusatznutzen neuer Arzneimittel, Frau Maier die Begeisterung bestenfalls kurzzeitig wegargumentieren. Denn: Die nächsten Kaffeekränzchen sind terminiert, Zeit gibts dort mehr, als Kollege Schulze je zur Verfügung haben wird. Und so bleibt Frau Maier alleine mit der von Kollegen Schulze vertretenen Ansicht. Sie wird mürbe, verunsichert – und machts wie ihre Freundinnen: Sie geht zu deren Hausarzt. Und Kollege Schulze hat eine Patientin weniger.

Vor Jahrzehnten in meinen Anfangsjahren liefen mir Patienten kompanieweise weg aus solchen Gründen. Just bei einer Fortbildung „rationelle Pharmakotherapie“ . . . gestand mir ein Kollege (mittlerweile lange in Rente), dass aus genau solchen Gründen viele meiner Patienten bei ihm gelandet seien. Dieses Geständnis war fair, vielleicht dem Mitleid mit einem Unerfahrenen geschuldet. Auch die Kassen kommentierten Anfragen meiner Patienten zu verweigerter Wunschmedikation (Originalton): „Wechseln Sie doch den Arzt!“

Was habe ich heiße Luft, Zeit und Patientensympathie verbrannt beim Wechselversuch hin zu Ramipril und Candesartan. Dagegen lief der Wechsel weg von Telmisartan wie geschmiert, ich war der Retter in der Medikamentennot. Hintergründe bekannt? Falls nein: Bitte Wissensdefizit beseitigen.

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Und nun ist der Niedergelassene in der Regel Selbstständiger. So hat er wenig gemein mit . . . angestellten Kassenvertretern, Politikern, Sozialrichtern. Aber sehr viel gemein mit allen sonstigen Selbstständigen der deutschen Volkswirtschaft. Für die gilt der (von Ulla Schmidt propagierte) Wettbewerb: Wer die Wünsche des Kunden bedient, führt. Und so geht Kollege Schulze als Kasseninteressenvertreter jämmerlich in die Pleite. Und seine nun nicht mehr begeisternden Weiterbildungsinhalte gleich mit. Am „Markt“ bleiben die Wissensdefizitären, die Schlauen.

Wann sehen all die klugen Ratgeber und Wissensdefizitauffüller endlich, wo der Hase im Pfeffer liegt? Wann machen sie ihre Hausaufgaben und nehmen zur Kenntnis, dass der Niedergelassene es satt hat, sich von allen Ecken sagen lassen zu sollen, was er zu tun hat? Entweder wird der Niedergelassene fairerweise dem Wettbewerb entzogen – das heißt: Die Medizin wird verstaatlicht. Oder aber die Kassen machen das, wozu sie da sind: Mit dem Patienten, ihrem Versicherten, die Frage klären, was die Kasse zahlt und was nicht. Seit Jahrzehnten wird dieser Verantwortungsmüll lastwagenweise vor den Praxistüren abgekippt: Doktor friss das! Dein Beruf ist einer der schönsten! . . .

Dr. Alexander Ulbrich, 70599 Stuttgart

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