ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2015Gain-Of-Function: H5N1-Forschung wieder gestoppt

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Gain-Of-Function: H5N1-Forschung wieder gestoppt

Grunert, Dustin

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Die Erforschung veränderter Influenzaviren ist in den letzten Jahren von vielen Rückschlägen überschattet worden. Sicherheitsbedenken stehen wissenschaftlichen Grundlagenstudien immer wieder im Weg.

Dem Virologen Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam wurde in den letzten Jahren vieles vorgeworfen. Seine Forschung sei keine seriöse Wissenschaft, vielmehr erzeuge er in seinen Labors „Killerviren“ und „potenzielle Biowaffen“. Fouchiers Arbeit fällt unter „Dual Use Research of Concern“ (DURC): Forschung, die zwar zum Wohl bestimmt ist, jedoch auch missbraucht werden könnte. Grundsätzlich betreibt er „Gain-of-Function“-(GOF-)-Forschung – er verleiht Viren neue Funktionen.

Wissenschaftlicher Disput über das Für und Wider

Der Virologe und sein Team hatten 2012 hochpathogene Influenzaviren vom Typ H5N1 („Vogelgrippevirus“) genetisch so verändert, dass sie im Tiermodell (Frettchen) dann per Tröpfcheninfektion übertragen werden konnten. Derartige Untersuchungen haben zum Ziel, den Einfluss von Mutationen auf die Infektionsswege der Erreger zu ergründen. Daraufhin entbrach eine heftige Debatte in der internationalen Wissenschaftsgemeinde. Die einen sagten, solche Arbeiten seien zu gefährlich, könnten Pandemien auslösen und sogar von „Bioterroristen“ genutzt werden. Die andere Seite verwies darauf, dass die Veränderungen der Viren in der Natur ohnehin geschehen und man mit der Forschung nur das Verständnis vertiefe und so mögliche Pandemien überhaupt erst zu stoppen vermag.

Aus Sorge, dass die Beschreibung der molekularbiologischen Manipulationen in den bevorstehenden Publikationen möglicherweise eine „Bauanleitung“ für Terroristen sein könnte, hatte das US-National Science Advisory Board for Biosecurity damals „Science“ und „Nature“ aufgefordert, auf die Veröffentlichung von Detailergebnissen zu verzichten. Schließlich entschieden sich 40 Wissenschaftler dafür, alle Experimente mit der neuen Variante des H5N1-Erregers zunächst für nur 60 Tage, dann für ein Jahr auf Eis zu legen. Nach Ende des freiwilligen Moratoriums wurde die Forschung 2013 wieder fortgesetzt.

Nun also ein erneuter Rückschlag. Fouchier darf die GOF an den Grippeviren offiziell bis Ende 2015 nicht fortsetzen. Seit dem 17. Oktober 2014 stoppt ihn ein Moratorium des Weißen Hauses. „Das ist natürlich sehr frustrierend“, sagte Fouchier beim 25. Kongress der Gesellschaft der Virologie (GfV) in Bochum. „Frustrierend vor allem für die Doktoranden und Postdocs.“

Die GfV wie auch andere internationale Wissenschaftler hält weitere Forschungsarbeiten zur Übertragbarkeit von H5N1-Viren nach wie vor für notwendig: „Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn und der gesellschaftliche Nutzen solcher Untersuchungen überwiegen das Gefahrenrisiko bei Einhaltung entsprechender Sicherheitsvorkehrungen“, erklärte GfV-Präsident Prof. Dr. med. Thomas Mertens.

Fouchier ist von dem Moratorium des Weißen Hauses betroffen, weil er bei den amerikanischen National Institutes of Health (NIH) unter Vertrag steht. Die Behörde hatte den renommierten Influenzaforscher bewusst angeworben, um die brisante Forschung durchzuführen. „Wenn die finanzielle Unterstützung ein ‚grant‘ wäre, hätten sie meine Arbeit nicht stoppen können. Jetzt aber muss ich bis Ende des Jahres abwarten, ob die US-Regierung den Bann tatsächlich aufhebt“, erläuterte Fouchier in Bochum. „Falls die USA aber entscheiden sollten, dass die Sperre weiter besteht, dann werde ich sicherlich mit Geldern der EU weiterforschen.“

Virusmutationen ereignen sich in der Natur ständig

In der Zwischenzeit befasst sich Fouchier mit einer Virusepidemie in der Nordsee. Circa 2 000 Seerobben verendeten dort Ende 2014 an dem Vogelgrippevirus H10N7, das bereits einige Merkmale enthält wie die von Fouchier erzeugten Viren. „Dieses Beispiel verdeutlicht den Unsinn des Moratoriums. Während wir keine molekularbiologische Forschung zum Schutz der öffentlichen Gesundheit verfolgen dürfen, induziert die Natur stetig Mutationen an Viren – mit ungewissem Ausgang für den Menschen. Ich bin der Überzeugung, dass das H5N1-Virus letztlich nicht gefährlicher als die Virusmutationen ist, die derzeit spontan entstehen.“

Zudem hätten Virologen seit mehr als hundert Jahren mit gefährlichen Pathogenen gearbeitet und noch nie eine Pandemie verursacht.

Dustin Grunert

Forschungssicherheit

Der „Gemeinsame Ausschuss zum Umgang mit Sicherheitsrelevanter Forschung“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat die Arbeit aufgenommen. Er soll sicherstellen, dass die Wissenschaft ihre Verantwortung im Umgang mit sicherheitsrelevanter Forschung im Spannungsfeld zwischen Wissenschaftsfreiheit, und der Gefahr, dass Forschungsergebnisse zu schädlichen Zwecken missbraucht werden können, adäquat wahrnimmt.

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