ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2015Traumatisierte Flüchtlinge und Asylbewerber: Hilfe für Opfer von Kriegsgewalt

THEMEN DER ZEIT

Traumatisierte Flüchtlinge und Asylbewerber: Hilfe für Opfer von Kriegsgewalt

Dtsch Arztebl 2015; 112(14): A-620 / B-530 / C-515

Bühring, Petra

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Menschen mit Traumafolgestörungen werden in Deutschland nicht ausreichend versorgt. Vor allem trifft das auf die stark zunehmende Zahl an Flüchtlingen zu.

Trotz gut evaluierter Behandlungsmöglichkeiten werden Menschen mit Traumafolgestörungen in Deutschland nicht ausreichend versorgt. Dieses Fazit zieht Dr. med. Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde anlässlich des Hauptstadtsymposiums der Fachgesellschaft am 18. März in Berlin. Ganz wesentlich sei die Psychotherapie für die Behandlung Posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS), von der rund zwei Prozent oder 1,5 Millionen Erwachsene innerhalb eines Jahres betroffen seien. „Das Problem hier sind die langen Wartezeiten bei Psychotherapeuten. Einen Teil der Versorgung übernehmen zwar die Psychiatrischen Institutsambulanzen und auch die Traumaambulanzen, letztere stehen aber längst noch nicht flächendeckend zur Verfügung“, sagte Hauth.

Nicht jedes traumatische Ereignis führt mit gleicher Wahrscheinlichkeit zu PTBS. „So hat eine von Menschen verursachte Traumatisierung wie Vergewaltigung, Kriegshandlungen oder Folter deutlich schlimmere Auswirkungen als zufällige wie Naturkatastrophen oder Verkehrsunfälle“, erklärte Prof. Dr. Frank Jacobi, Berlin. Frauen seien häufiger betroffen, und ältere Menschen tendenziell eher als jüngere. Besonders gefährdet seien auch Menschen, die immer wieder Grenzsituationen ausgesetzt seien wie Polizisten, Feuerwehrmänner oder Soldaten.

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Bei Flüchtlingen und Asylbewerbern ist die Rate für PTBS im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung um das Zehnfache erhöht. Sie haben in ihrem Herkunftsland und auf dem Weg nach Deutschland häufig mehrfach traumatisierende Ereignisse durchlitten. „Dazu gehören Flucht und Vertreibung, der Verlust wichtiger Bezugspersonen durch Krieg, sexuelle und körperliche Gewalt bis hin zur Folter“, erklärte Dr. med. Meryam Schouler-Ocak, Berlin. Eine Studie aus dem Jahr 2008 stellte bei 40 Prozent der Asylbewerber eine PTBS fest (Gaebel et. al). Seitdem ist die Zahl der Flüchtlinge aufgrund andauernder Kriege stark gestiegen: 2014 wurden in Deutschland 202 834 Asylanträge gestellt, knapp 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien, Serbien, Eritrea, Afghanistan und Albanien.

Die Flüchtlinge werden in Deutschland weiteren Stressoren ausgesetzt, die das Risiko, psychisch zu erkranken, weiter steigen lassen: Unterbringung auf engem Raum in Sammelunterkünften, eingeschränkter Zugang zu Arbeit oder Ausbildung und Abhängigkeit von Sozialleistungen. Die Residenzpflicht und ein oftmals über Jahre andauernder unsicherer Aufenthaltsstatus tun ein Übriges. „Das Asylbewerberleistungsgesetz gewährt ein Recht auf Behandlung nur bei akuter Krankheit, somit bleibt traumatisierten Flüchtlingen der Zugang zur psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung weitgehend verwehrt“, bemängelte Schouler-Ocak. Die Möglichkeit zur Therapie sei von Einzelfallentscheidungen durch Amtsärzte abhängig.

Die Lücke füllen zurzeit psychosoziale Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer – 25 haben sich bundesweit zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen (www.baff-zentren.org). Eines davon ist das Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo) in Berlin, das Hilfe für schwer traumatisierte Opfer von Folter, Kriegsgewalt und Verfolgung anbietet. „Psychotherapie steht bei uns nicht an allererster Stelle“, sagte Dipl.-Psych. Maria Böttche vom bzfo. „Die Menschen brauchen neben traumaorientierter Therapie aufenthaltsrechtliche Beratung, medizinische Versorgung, Deutschkurse und vor allem Integration in die Gesellschaft.“ Unter dem Dach des „Zentrums Überleben“ erhalten Flüchtlinge all diese Hilfen. Dort werden jährlich rund 400 traumatisierte Kinder und Erwachsene versorgt, finanziert unter anderem aus Mitteln der Europäischen Union und über Spenden. Doch die Anfragen haben stark zugenommen. „Wir arbeiten weit über unsere Kapazitätsgrenzen hinaus“, sagte Böttche, „und die übrigen Zentren auch“. Wichtig seien für alle Zentren nachhaltige Finanzierungsmodelle. So könnten die Kosten der für die Behandlung unabdingbaren Dolmetscher zurzeit nur über das Sozialamt finanziert werden, so Böttche. Gefordert wird seit langem, unter anderem von der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, eine Übernahme der Dolmetscherkosten bei psychotherapeutischer Behandlung durch die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung.

Petra Bühring

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