ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2015Von schräg unten: Wartegeld

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Wartegeld

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Bedächtig haben die Bäume ihre letzten trockenen Blätter abgeschüttelt, behutsam türmen sich die Schneeflocken auf den braunen Ästen, um vom Windstoß zu einem zart zerstäubenden Schleier von tanzenden Kristallen verwandelt zu werden, der sich seidengleich über den schlafenden Boden legt, um das letzte, welk darnieder liegende Grün mit strahlendem Weiß zu umhüllen. Ach, Winter könnte so romantisch und friedlich sein, wenn, ja wenn nicht plötzlich die frechen Neffen meine Bude stürmen würden.

„Onkel Thomas, wie lange müssen wir eigentlich auf einen Termin bei dir warten?“ Ihr? Gar nicht. Ihr überfallt mich einfach, unverfroren, wir ihr nun mal seid. „So so, unverfroren nennst du uns. Weißt du eigentlich, was wir über dich gelesen haben?“ Mit schwant nichts Gutes. „Genau! Du lässt deine armen Patienten auf einen Termin Monate warten, und dann hältst du die Kralle auf, um Knete zu kassieren, dass sie früher drankommen!“ Das stimmt doch überhaupt nicht! Wenn ein Patient ein akutes Problem hat, ruft der Hausarzt an, und er kommt sofort dran! „Aha! Dann macht ihr also halbe-halbe, dein Kollege rafft den Zaster und hinterher teilt ihr es!“ Das ist eine bösartige Unterstellung! „Und dann sitzt ihr abends bei sündhaft teurem Rotwein und überlegt, ob ihr goldene Anker für eure Jachten im Mittelmeer bestellen sollt.“ Völliger Blödsinn! „Mit den Jachten schippert ihr über den Ozean zu den Cayman-Inseln, um die Millionen in der Bank zu versenken!“ Ich schmeiß’ euch gleich raus! „Von den Zinsen kauft ihr dann Fußballvereine und lasst es mit den Spielerfrauen richtig krachen!“ Was für ein hirnverbrannter Quatsch!

Habt ihr eigentlich schon mal ins Deutsche Ärzteblatt geguckt? In wie vielen Anzeigen händeringend nach Ärzten gesucht wird? Dass überall in den Kliniken Assistenzarztstellen frei sind? Dass auf dem Land die Praxen leer stehen? Wenn nur ein Fünkchen Wahrheit an dem sein sollte, was ihr gerade absondert, könnten wir uns vor Ärzten nicht mehr retten! „Ach, Onkel Thomas, das ist doch nur eine künstliche Verknappung.“ Es reicht, raus mit euch! „Beruhige dich, Onkel Thomas. Wir wollten dich nur mal auf den Arm nehmen, weil du dich immer so schön aufregst. Ach, was wir dich immer schon mal fragen wollten: Wann wirst du eigentlich richtiger Doktor?“ Was soll das schon wieder?! Ich habe die Facharztausbildung, bin promoviert und ein Vierteljahrhundert in der ambulanten Versorgung tätig, also: Was wollt ihr? „Wir wollen wissen: Wann hast du eigentlich mal richtig Kohle?“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote