ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2015Anti-Impf-Ideologie: Spezifisch deutsch?

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Anti-Impf-Ideologie: Spezifisch deutsch?

Voß, Burkhard

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Dr. med. Burkhard Voß, Neurologe
Dr. med. Burkhard Voß, Neurologe

Die Deutschen sind ein bisschen kompliziert“, sagt Michael Rotert, Vorstandschef des Verbands der deutschen Internetwirtschaft. Die Deutschen neigten zu hysterischen Ängsten, sagte Altkanzler Helmut Schmidt. Schon Heinrich Heine schaute den Deutschen tief in die Seele, als er sagte: „Franzosen und Russen gehört das Land, das Meer gehört den Briten, wir aber besitzen im Luftreich des Traums die Herrschaft unbestritten“.

Deutschland im Wolkenkuckucksheim erträumt sich die Welt, wie sie sein sollte, und bemerkt gar nicht, wie sie tatsächlich ist. Das spiegelt sich gut im Neurotizismus-Index wider. Unter Neurotizismus versteht man eine Verminderung der psychischen Belastbarkeit, die bei den Betroffenen bei hohen Anforderungen zu neurotischen Symptomen führt, zum Beispiel Ängsten, Depressionen, hypochondrischen Befürchtungen oder hysterischen Verhaltensweisen. In den Neurotizismus-Index fließen übrigens auch Daten über Suizid und Suchterkrankungen ein. Neben Japan, Italien und Österreich liegt Deutschland beim Neurotizismus-Index ziemlich weit vorn.

Auch in der Sprache als einer Funktion des Denkens, zeigen sich die Charakteristika der deutschen Seele. Die Begriffe Angst und Weltschmerz haben es in die englische Sprache geschafft und stehen dort für eine unbegründete diffuse Furcht und „Leiden an der Welt“. Aber auch die Großschreibung des Substantivischen, die es so nur in Deutschland gibt, kann durchaus auf den Hang der Deutschen zur Genauigkeit, zum präzisen Erfassen des Wesentlichen hindeuten. Bis zum Faustischen ist es dann nicht mehr allzu weit. Vieles wörtlich nehmen, sich allen Idealen unterordnen, das Ganze verbunden mit einer gewissen inneren Unruhe und dem Bedürfnis, etwas Großes zu bewirken. Die Erhöhung des Ideals und die damit einhergehende Realitätsverweigerung haben in der deutschen Geistesgeschichte eine lange Tradition, angefangen in der Romantik, der Gegenbewegung zur Aufklärung, der Abwendung von den Naturwissenschaften. Gemessen daran sind die Impfgegner die Essenz des deutschen Wesens.

Über die Skurrilitäten und Schrullen einer Nation kann man sich köstlich amüsieren. Und ob die Anti-Impf-Ideologie ein deutsches Spezifikum ist, bleibt letztlich psychohistorische Spekulation. Überhaupt nicht spekulativ ist der Tod eines anderthalbjährigen Jungen, der beim Ausbruch der Masern in Berlin der Infektion erlag. Ein Gesetz zur Pflichtimpfung wird diskutiert. Das ruft natürlich die Empörung der Achtsamkeitsapostel hervor, die reflexartig empfehlen, auch die Menschen, die ideologisch verbohrte Impfgegner sind, dort abzuholen, wo sie stehen. Doch das wird nicht gelingen. Denn den Anti-Impf-Ideologen stört selbstverständlich auch nicht, dass eine Ende der 1990er Jahre vorgelegte Studie, die Autismus als Nebenwirkung einer Impfung ergeben hatte, schlichtweg gefälscht war; dass gravierende Nebenwirkungen durch Impfungen nahezu eine Rarität sind; oder dass laut Schätzung der WHO im Jahr 2000 ungefähr 50 Prozent der 1,7 Millionen durch Impfung vermeidbaren Todesfälle bei Kindern durch Masern verursacht waren. Es ist die Frage, wie viele Maserntote es noch geben muss, bis das Impfgesetz beschlossen wird. Eine Toleranz für Impfgegner wäre die denkbar schlechteste Option. Hier kann der Klügere nicht nachgeben, denn schon viel zu oft haben sich die Unbelehrbaren durchgesetzt.

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