ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2015Antibiotika-Resistenzen: Das Problem ist hausgemacht

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Antibiotika-Resistenzen: Das Problem ist hausgemacht

Osterloh, Falk

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Falk Osterloh. Politischer Redakteur
Falk Osterloh. Politischer Redakteur

Die Gefahr ist real. Und sie ist groß. Täglich sterben Menschen auch in deutschen Krankenhäusern an den Folgen einer Infektion mit multiresistenten Bakterien. Meist sind es ältere, multimorbide Patienten, deren Immunsystem bereits stark geschwächt war. Doch ist es denkbar, dass in Kürze auch jüngere Menschen an multiresistenten Erregern sterben? Ja, das ist möglich. Und die Gesellschaft sollte sämtliche Anstrengungen bündeln, um ein solches Szenario zu verhindern. Wie kaum ein anderes ist das Problem der Antibiotika-Resistenzen zum Teil hausgemacht, denn über Jahrzehnte hat die Gesellschaft Antibiotika im Glauben an deren unerschöpfliche Allmacht nicht rational eingesetzt. Mehr als 1 450 Tonnen Antibiotika werden pro Jahr allein in der Veterinärmedizin verbraucht, in der Humanmedizin sind es etwa 700 bis 800 Tonnen.

Im medizinischen Alltag spielt das Anspruchsdenken mancher Patienten eine große Rolle. Welcher niedergelassene Arzt kennt nicht die Situation, in der ein „erkälteter“ Patient in seine Praxis kommt und um ein Antibiotikum bittet? Ob es sich dabei um eine bakterielle oder virale Infektion handelt, ist häufig nicht auf die Schnelle zu differenzieren. Daher verordnen Ärzte Antibiotika „empirisch“. Hinzu kommt die fehlende Compliance vieler Patienten, die den verordneten Wirkstoff vorzeitig absetzen, weil sie sich besser fühlen.

Gefährlich wird die Situation in den Krankenhäusern, denn hier liegen kranke Menschen dicht an dicht, so dass multiresistente Erreger schnell den Wirt wechseln können. Eine kompromisslose Reinigung und Desinfektion könnte Krankenhauskeime zwar abtöten, doch viele Kliniken stehen unter finanziellem Druck und halten die Empfehlungen nicht immer ein.

Die Politik hat mit verschiedenen Gesetzgebungsverfahren in den vergangenen Jahren versucht, den Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht einzudämmen und mehr Hygienebeauftragte in die Kliniken zu bringen. Auch die Ärzteschaft hat reagiert: Die Antibiotika-Verordnungszahlen gehen mittlerweile zurück. Dennoch: Im internationalen Vergleich liegen deutsche Kliniken in ihrer infektiologischen Expertise zurück. Schätzungen zufolge fehlen allein in Krankenhäusern mindestens 1 000 qualifizierte Fachkräfte.

Mit einem 10-Punkte-Plan zur Bekämpfung multiresistenter Keime legt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) nun nach. Dafür gibt es von verschiedenen Partnern im Gesundheitssystem primär Lob, aber auch Kritik: Die Regelung sei viel zu kompliziert und nicht ausreichend praktikabel, um eine Flächenwirkung zu erzielen, so die KV Hamburg. Zudem fehlten tragfähige Vorschläge für eine solide Finanzierung, sonst bliebe alles nur eine Willenserklärung, meint Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Der Präsident der Bundesärztekammer fordert Investitionen in Universitäten und Institute, so dass mehr Fachärzte für Hygiene, Virologen und Infektionsepidemiologen ihre Arbeit aufnehmen könnten. Und die Deutsche Krankenhausgesellschaft mahnt ein Investitionsförderprogramm an, das gezielt baulich-räumliche und medizintechnische Ausstattungen zur Infektionsprophylaxe ermöglicht.

Es scheint, als sei das Gefahrenpotenzial der multiresistenten Erreger auf vielen Ebenen erkannt worden. Für ihre Eindämmung aber müssen alle Beteiligten weiter ernsthaft an einem Strang ziehen.

Falk Osterloh
Politischer Redakteur

Kommentare

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 5. April 2015, 18:55

Multiresistenz ist nicht nur hausgemacht

Auch überwiegend juristisch sozialisierte Politiker sind Informations-, Beratungs- und Medizinbildungs-multiresistent: In Deutschland sterben pro Jahr populistisch zu hoch geschätzt 12.000 bis 15.000 Menschen in den Kliniken nicht nur, "weil sie sich dort mit einem multiresistenten Keim infizieren", sondern weil sie s e l b s t Träger multiresistenter Keime sein können, b e v o r sie die Klinik erreichen. Denn die Erde ist keine infektiologische Scheibe:

Als Vertreter einer hausärztlich-individualisierten Humanmedizin, wo in K l i n i k und Praxis bei 81 Millionen Bundesbürgern 700 bis 800 Tonnen Antibiotika pro Jahr indikationsgerecht eingesetzt werden, lasse ich mich mit den in der Veterinärmedizin offiziell eingesetzten 1.700 Tonnen Antibiotika pro Jahr n i c h t vergleichen. Z u s ä t z l i c h werden dort in Massentierhaltungen, Aufzuchtanlagen und Fischfarmen Antibiotika o h n e veterinärmedizinische Verordnung und/oder über Futtermittel eingespeist und verbleiben in der Fleisch- und Fisch-verarbeitenden Industrie. Dort werden multiresistente Keime vorselektiert.

Multi-resistente Keime kommen nicht aus heiterem Himmel und werden ausschließlich von unsachgemäß hantierenden, "unhygienischen" Krankenhaus- und Praxismitarbeitern auf arglose Patienten übertragen. Diese Keime kommen selbst auch irgendwo her. Sie werden zu einem relevanten Anteil von a u ß e n in Klinik und Praxisräume hinein getragen. Der englische Fachbegriff "communicable diseases" trifft es: Übertragbare Krankheiten, die durch interagierende, kommunizierende Personen übertragen werden.

Jeder Landwirt aus einem Tiermastbetrieb, jeder Krankenhausbesucher mit Straßenschmutz an den Schuhen, jeder Tierhalter, egal ob Hund, Katze, Maus, Pferd o. ä., jeder Klempner, Müllwerker und Entsorger, aber auch Lehrer, Erzieher und alle, die mit vielen Menschen beruflich oder privat zu tun haben, könnten Träger von potenziell multiresistenten Keimen sein. Sogar Menschen, die nur kontaminiertes Putenfleisch kaufen, gehören zum Kreis der "Verdächtigen".

Risiko-Beweise lieferten Infektiologen und Mikrobiologen aus Leipzig mit Daten von Fernreisenden: Die Erreger werden oft mit nach Hause gebracht (J Med Microbiol 2015; 305: 148). Über 12 Monate wurde in einer infektiologischen Studie am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) das Risiko des Erreger-Imports durch Fernreisen untersucht. "Wir konnten dabei erstmals für Deutschland in einer größeren Kohorte zeigen, dass fast ein Drittel der Reisenden nach der Heimkehr aus Gebieten mit hoher Erregerdichte tatsächlich Träger multiresistenter Erreger ist", so Dr. Christoph Lübbert, Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin am UKL ["Colonization with extended-spectrum beta-lactamase-producing and carbapenemase-producing Enterobacteriaceae in international travelers returning to Germany"].

Zum Vergleich das Uniklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel: Seit Dezember 2014 war bei 31 Patienten der Klinik das Bakterium Acinetobacter baumannii in multiresistenter Form nachgewiesen worden. Bis dato 14 Todesfälle, in 9 Fällen wurde der Keim als Todesursache ausgeschlossen; mit den Leipziger Erkenntnissen vergleichbar: Der Keim wurde zuerst im Dezember 2014 durch einen Schleswig-holsteinischen Urlauber, der nach einem Unfall in der Türkei nach Kiel verlegt wurde, eingeschleppt. Infektiologische Angaben aus der Türkei fehlten. Bei einer nächtlichen Not-Operation des Patienten war es dann zur Ausbreitung des Acinetobacter baumannii gekommen.

Ein multiresistentes "Verhaltensproblem" in der Großen Koalition, wie mit Ärzten in Klinik und Praxis umgegangen wird? Ich persönlich weise jeden Hinweis auf möglicherweise unberechtigte Antibiotika-Verordnungen zurück: Noch Anfang März 2015 habe ich im Urlaub bei einem Skifahrer eine beginnende Orbitaphlegmone links diagnostiziert und eine adäquate, Leitlinien-gerechte Antibiose bis zur vollständigen Ausheilung (Kontrolle 2.4.2015) eingeleitet.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) betreibt mit seinem "Zehn-Punkte-Plan", mit dem er "den Keimen den Kampf ansagt" (?) eher gesundheitspolitisch undifferenziertes Ärzte-"Bashing", ohne die Fakten zu kennen. Medien und Öffentlichkeit sollten sich dem nicht undifferenziert anschließen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Vgl. meinen Blog: http://news.doccheck.com/de/blog/post/2264-die-erde-ist-(k)eine-infektiologische-scheibe/
P. S. @ Kollege Dr. Bayerl: Tumbe Polemik bringt hier nicht weiter!
Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Freitag, 3. April 2015, 13:07

noch so ein politischer Besserwisser

Das hören wir nun schon seit Jahren von den nicht-Medizinern, dass Ärzte (Humanmediziner!) was falsch machen, als gäbe es dafür eine einfache Patentlösung.
Das wird aber trotz Wiederholung nicht richtiger!
Dass Besiedlung nicht = Krankheit ist, sollte man wissen. Und Antibiotika Menschen zu verweigern ist ebenso falsch, wie auf Impfungen zu verzichten, weil das heute gepredigte Mode ist.
Dankbar darf man dabei allerdings sein für den ÜBERFÄLLIGEN Hinweis auf den viel größeren Einsatz außerhalb der Humanmedizin.
Dabei wird dieser Einsatz noch verharmlost, weil er nur die Apotheken-Umsätze (Tierärzte) erfasst und nicht die ebenfalls gesetzlich zugelassenen antibiotischen Futtermittelzusätze.
Der Arzt kann weder das ewige Leben garantieren, noch jede Krankheit heilen. Auf Antibiotika (und Impfungen) kann er zweifellos auch in Zukunft nicht verzichten.
Daher bitte ruhig Blut und etwas mehr politische Unterstützung für die Humanmediziner! "Hausgemacht" ist der falsche Ansatz bei Humanmedizinern.
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