ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2015Klinische Studien in der Allgemeinmedizin: Viele Fragen, zu wenig Forschung

POLITIK

Klinische Studien in der Allgemeinmedizin: Viele Fragen, zu wenig Forschung

Dtsch Arztebl 2015; 112(15): A-652 / B-560 / C-544

Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Zu allgemeinmedizinischen Fragestellungen wird in Deutschland wenig geforscht. Das hat negative Folgen, fanden Teilnehmer eines Symposiums von Deutscher Forschungsgemeinschaft und Deutscher Gesellschaft für Allgemeinmedizin.

Welche Behandlung ist notwendig, wirksam, praktikabel, sicher und kosteneffektiv? Wer mit dieser grundsätzlichen Fragestellung allgemeinmedizinische Behandlungsentscheidungen analysieren möchte, stellt fest: Antworten sind nicht so eindeutig zu finden. Denn die Evidenz ist oft geringer, als es wünschenswert wäre. Warum? Und wie könnte man das ändern? Mit diesem Thema befassten sich Anfang März Teilnehmer eines Symposiums von Deutscher Forschungsgemeinschaft (DFG) und Deutscher Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Sie diskutierten, ob und warum es Zeit sei für einen Strukturwandel im Hinblick auf klinische Studien in der Allgemeinmedizin.

In ihrem Vortrag zu „Forschung und Evidenz in der Primärversorgung“ in Deutschland erläuterten Prof. Dr. med. Eva Hummers-Pradier, Göttingen, und Prof. Dr. med. Jean-François Chenot, Greifswald, dass ausgerechnet zu jenen Fragestellungen, die Hausärztinnen und Hausärzte täglich beschäftigten, eher selten geforscht werde. Beispiele: die Behandlung multimorbider Menschen, die Abgrenzung von selbstheilenden Krankheitsverläufen gegenüber solchen mit abzuwendenden gefährlichen Verläufen, Entscheidungen zum Nichtbeginnen, Anpassen oder Beenden von medikamentösen Therapien.

Anzeige

Zu wenig Erfahrung, Geld und Forschungsinfrastruktur

Weil häufig Studien hierzu fehlen, mangelt es nach Ansicht der Forscher an wissenschaftlicher Klarheit darüber, welche Behandlungen gut und sinnvoll sind – im Kleinen (Praxis) wie im Großen (Gemeinsamer Bundes­aus­schuss). Doch was sind die Gründe? Sie sind für Hummers-Pradier und Chenot auf verschiedenen Ebenen auszumachen. Was die Forschungskultur anbelangt, so sei eine Entdeckung attraktiver als Forschung zur Umsetzung oder Bewertung einer Therapie. Forschung sei zudem oft wirtschaftlich orientiert, ob in Praxis, Klinik oder Universitäten, wo Konkurrenz- und Profilierungsdruck herrschten und Drittmittelabhängigkeit ein wichtiges Thema sei. Um zu forschen, brauche man Erfahrung, Infrastruktur und Geld.

Doch in Deutschland gibt es noch kein ausreichendes Netz von allgemeinmedizinischen Forschungspraxen, das der Staat mit 4,5 Millionen Euro pro Jahr fördert wie in Norwegen oder mit fast 10 Millionen Euro wie in Großbritannien. Stattdessen sind viele der 26 Lehrstühle für Allgemeinmedizin erst noch dabei, ihre Forschung auszubauen und Wege zu finden, um die rund 40 000 Hausarztpraxen dabei dauerhafter einzubinden.

Hummers-Pradier und Chenot verwiesen beim Symposium auf eine Befragung von Hausärzten im Jahr 2013 zu deren Bereitschaft zu forschen. Nur sechs Prozent von mehr als 400 Befragten gaben an, Erfahrung mit klinischen Studien zu haben. 69 Prozent könnten sich gut vorstellen teilzunehmen, wobei ihnen praxisrelevante Fragestellungen wichtig wären. Und die nötigen Schulungen in Good Clinical Practice (GCP) sollten auf die Realität in Praxen zugeschnitten sein.

Was das bedeutet, beschrieben Dr. med. Guido Schmiemann, Bremen, Dr. med. Frank Peters-Klimm, Heidelberg, und Karola Mergenthal, Frankfurt/Main, in ihrem Beitrag zur Forschung in Hausarztpraxen. Sie verwiesen auf eine Befragung aus dem Jahr 2012, der zufolge sich forschungswillige Hausärzte vor allem eine vierstündige Präsenzveranstaltung als Prüfarztschulung vorstellen könnten, gut auch eine Online-Fortbildung ohne Präsenzpflicht. Doch eine 16-stündige Veranstaltung am Wochenende, wie sie mancherorts für GCP-Schulungen vorgesehen ist, kam für rund die Hälfte der befragten Allgemeinmediziner nicht in Frage. Die Wissenschaftler gaben zu bedenken, dass jeder zweite Hausarzt in einer Einzelpraxis niedergelassen ist, wo im Schnitt 52 Patienten pro Tag versorgt werden. Dabei kommen mehr als 150 verschiedene Praxisverwaltungssysteme zum Einsatz.

Für Forschung in der Praxis Abläufe individuell anpassen

Wer unter solchen Umständen Hausärzte motivieren will, sich an Studien zu beteiligen, müsse Forschungsnetzwerke fördern, das gesamte Praxisteam frühzeitig einbeziehen, die Abläufe individuell an die jeweilige Praxis anpassen, auf die Rekrutierung von Patienten während der Sprechstunde verzichten und diese am besten durch das Forschungsteam über das Vorhaben informieren. Auch eine adäquate Aufwandsentschädigung für teilnehmende Ärzte sei notwendig.

Warum stabile Netzwerke hausärztlicher Forschungspraxen sinnvoll wären, verdeutlichte Dr. med. Ildikó Gágyor, Göttingen: „Wir brauchen mehr Evidenz aus nationalen Studien.“ Notwendig seien dafür auch mehr überregionale Forschungsvorhaben und solche über längere Zeiträume. Nur so ließen sich versorgungsrelevante Themen schnell und effizient untersuchen und die Qualität der hausärztlichen Versorgung durch patientenrelevante Forschungsfragen verbessern.

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurden zahlreiche Facetten aus den Vorträgen aufgegriffen. So wies Dr. rer. pol. Dominik von Stillfried darauf hin, was man beim Blick auf die üppigere Forschungsförderung der Allgemeinmedizin im Ausland nicht außer Acht lassen dürfe, dass es in den angelsächsischen und skandinavischen Ländern eine starke Fokussierung auf Studien in der Allgemeinmedizin gebe, weil der Zugang zum Gesundheitssystem dort über Hausärztinnen und Hausärzte erfolge.

Von Stillfried, Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland, interessiert sich besonders für regionale Unterschiede in der Versorgung. Er ging deshalb auch auf die Empfehlung ein, allgemeinmedizinische Forschung stärker überregional anzulegen, und betonte: „Aus Unterschieden in der Versorgung könnten wir viel mehr lernen, wenn wir sie zum Gegenstand der Forschung machen würden.“

Warum es allgemeinmedizinische Forschungsvorhaben schwer haben, begründete Dr. Renate Loskill, Referat Gesundheitsforschung im Bun­des­for­schungs­minis­terium (BMBF), so: „Viele Projektskizzen scheitern daran, dass die methodische Seite nicht so perfekt ist, wie wir das einfordern.“ Die Allgemeinmedizin habe zur Gestaltung von BMBF-Forschungsprogrammen beitragen, sei aber „selbst mit relativ wenig Projekten vertreten“. Loskill, auch Mitglied der Kommission für Grundsatzfragen der Klinischen Forschung in der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), verwies zudem darauf, dass es viel mehr Förderwünsche für klinische Studien als Geld dafür gebe.

Bun­des­for­schungs­minis­terin Dr. Johanna Wanka (CDU) hatte kürzlich in der „Ärzte Zeitung“ betont, das BMBF fördere Versorgungsforschung auch in der Allgemeinmedizin. Und viele für den medizinischen Alltag zentrale Forschungsfragen könnten nur in Kooperation mit niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten beantwortet werden.

Doch sind studienbasierte Erkenntnisse aus Arztpraxen gewollt? Hier fielen die Antworten eher skeptisch aus. So meinte Prof. Dr. med. Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: „Das System hat kein Interesse daran, die Antworten zu hören.“ Als Beispiel verwies er darauf, dass das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium als Rechtsaufsicht des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) mehrfach interveniert habe, wenn dieser versuchte, ein Therapieverfahren aufgrund mangelnder Evidenz von der Erstattungspflicht der Krankenkassen auszunehmen.

Die Community fordern - und „Hobbyforschung“ verhindern

Dass unzureichende Evidenz die Arbeit des G-BA erschwert und dessen Entscheidungen am Ende angreifbar macht, verdeutlichte Dr. med. Bernhard Egger, Leiter der Abteilung Medizin beim GKV-Spitzenverband. Er verwies auf den Beschluss, Chronikerprogramme für Rückenschmerz- und depressive Patienten zu entwickeln. Nur: „Wie das Management eines Patienten mit unkompliziertem Rückenschmerz in einer hausärztlichen Praxis im Rahmen eines DMP gestaltet werden soll – das wird noch eine schwierige Entscheidung.“

Einen ganz anderen Aspekt sprach Prof. Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff, Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin, Universität Marburg, an: Ob nicht das Wissenschaftssystem, das ja wesentlich auf Selbstverwaltung beruhe, damit überfordert sei, neue Schwerpunkte und Strukturen zu schaffen. Gesellschaft und Staat vertrauten der wissenschaftlichen Community, dass sie schon vernünftige Forschungsvorhaben auswählen werde. Zu Recht? Donner-Banzhoff bezweifelte es: „Das System ist extrem selbstgenügsam und bewegt sich nicht voran.“ Was zu tun wäre, formulierte er etwas flapsig, aber unmissverständlich: „Man muss uns auf die Pfoten hauen und sagen: Wir wollen jetzt wirklich Relevanz und nicht länger Forschung, die aus Hobbies von Wissenschaftlern abgeleitet ist.“

Hoffnung auf Fördermittel aus dem Innovationsfonds

Diskutiert wurde darüber hinaus, ob mehr Forschungsprojekte in der Allgemeinmedizin gefördert werden können, wenn der vorgesehene Innovationsfonds installiert ist.
Josef Hecken, der unparteiische G-BA-Vorsitzende, bejahte dies: Er sehe im Fonds vor allem ein Instrument, um patientenorientierte Forschung dort, wo es Lücken gebe, mit Evidenz zu unterlegen. Auch dass ein Teil des Geldes für die Implementierung nachhaltiger Forschungsstrukturen ausgegeben werden wird, ist für ihn „keine Frage“. Den Symposiumsteilnehmern stellte er in Aussicht, dass deshalb „die primärärztliche Versorgung ein zentrales Element“ der Fondsvorhaben sein wird.

Sabine Rieser

EIN STABILES NETZWERK SCHAFFEN<

/p>

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) setzt sich dafür ein, ein hausärztliches Forschungspraxennetz zu schaffen. Gemeinsam mit dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Netzwerk „Klinische Studien in der Allgemeinmedizin“ hat sie dazu vor kurzem ein Positionspapier vorgelegt.<

/p>

Zwar gebe es viele forschungsinteressierte Hausarztpraxen, betont DEGAM-Präsident Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach im Vorwort. Doch „müssen diese bei jedem Projekt neu zusammengeführt, Mitarbeiter geschult und Praxen mit entsprechender Ausstattung versorgt werden“. Im Positionspapier werden Ziele von Forschungspraxennetzen definiert und deren Wert aufgezeigt. Die Kosten für den Aufbau von acht Praxisforschungsnetzen und einer Koordinierungsstelle werden mit etwa 4,5 Millionen Euro jährlich beziffert.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #539999
klausenwächter
am Freitag, 10. April 2015, 22:30

Wofür wird geforscht?

Welche Ergebnisse der allgemeinmedizinischen Forschung haben zu neuen Versorgungsstandards geführt?
Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema