ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2015Eu-Forschungsprojekt PRONIA: Prognose-Tool für Psychosen

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Eu-Forschungsprojekt PRONIA: Prognose-Tool für Psychosen

Dtsch Arztebl 2015; 112(15): A-690 / B-587 / C-567

Krüger-Brand, Heike E.

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Ein internationales Forschungsteam entwickelt ein telemedizinisches Diagnose-Tool, mit dem sich psychotische Erkrankungen frühzeitig erkennen lassen sollen.

Foto: mauritius images
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Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Priv.-Doz. Dr. med. Nikolaos Koutsouleris von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München arbeitet an einem telemedizinischen Diagnose-Tool, mit dem Ärzte Psychosen früher erkennen und gezielter behandeln wollen. Derzeit suchen viele Patienten erst Jahre nach dem Auftreten erster Krankheitszeichen psychotherapeutische oder psychiatrische Versorgungseinrichtungen auf. Dadurch verschlechtert sich die therapeutische Beeinflussbarkeit psychotischer Erkrankungen. Die verzögerte Diagnosestellung führt daher bei etwa der Hälfte der Patienten zu chronischen Verläufen.

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Genauigkeit von bis zu 90 Prozent

In dem von der Europäischen Union mit sechs Millionen Euro geförderten Projekt PRONIA („Personalised Prognostic Tools for Early Psychosis Management“; www.pronia.eu) wollen die Beteiligten mit dem neuartigen Prognose-Tool den Ausbruch der Krankheit künftig mit einer Genauigkeit von bis zu 90 Prozent vorhersagen können. Im Vergleich zu herkömmlichen Verfahren bedeutet das eine Verbesserung von bis zu 40 Prozent.

„Das erste Ziel des Projekts ist es, ein klinisch anwendbares Verfahren zur Vorhersage von psychotischen Erkrankungen bei Personen mit bestehenden Risikosymptomen, aber ohne Vollbild der Erkrankung, zu entwickeln. Ein weiteres Ziel ist die Entwicklung eines Tools zur Vorhersage von ungünstigen klinischen Verläufen, wie etwa der funktionellen Beeinträchtigung bei Hochrisiko-Personen sowie ersterkrankten Patienten mit Psychosen und Depressionen“, erläuterte Koutsouleris. Darüber hinaus ziele das Projekt darauf ab, diagnostische Tools zur Unterscheidung von psychotischen und affektiven Störungen wie Depression im Ersterkrankungsstadium zu validieren.

Das Diagnostik-Tool basiert auf selbstlernenden Algorithmen. Es kombiniert Daten aus neuropsychologischen und -kognitiven Tests mit bildgebenden Verfahren, genetischen Untersuchungen und Interviews. So wurden in Bildgebungsstudien etwa mit Magnetresonanztomographie signifikante Hirnveränderungen bei Patienten mit einer Psychose beobachtet. „Bei psychotischen Patienten konnten Veränderungen der Hirnstruktur, der Hirnaktivität, der Verbindungen zwischen Neuronen sowie Veränderungen von Botenstoffen wie Dopamin im Gehirn nachgewiesen werden“, erläuterte Dr. med. Lana Kambeitz-Ilankovic, Neuropsychologin im Projekt PRONIA. Dabei seien eine Vielzahl von Hirnregionen betroffen.

Nach Untersuchungen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde erkrankt etwa jeder dritte Erwachsene im Laufe seines Lebens an einer psychischen Störung. Etwa 30 Prozent der Erkrankungen nehmen einen chronischen Verlauf. Neben dem individuellen Leid der Betroffenen haben neuropsychiatrische Erkrankungen auch eine volkswirtschaftliche Dimension.

Optimale Diagnosepfade

Allein die direkten und indirekten Kosten von Schizophrenie belaufen sich in Europa auf rund 150 Milliarden Euro jährlich. Die Experten gehen davon aus, dass sich Diagnose- und Therapiekosten durch PRONIA langfristig senken lassen. So sollen computergestützt für den einzelnen Patienten die optimalen Diagnosepfade berechnet und unnötige Untersuchungen vermieden werden. Durch die biomarkergestützte Früherkennung und die frühzeitige Behandlung soll sich zudem die Anzahl von Patienten mit chronischen Krankheitsverläufen verringern.

Derzeit ist das Projekt noch in der Datenerhebungsphase. Etwa 400 Patienten sind bislang rekrutiert. In vier Jahren soll das Prognosewerkzeug als telemedizinische Anwendung für Ärzte und Kliniken weltweit verfügbar sein. Forschungspartner der LMU München sind die Universitäten Melbourne, Turku, Birmingham, Udine, Basel und Köln.

Heike E. Krüger-Brand

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