ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2015Absturz von Germanwings-Flug 4U9525: Das Stigma wurde verstärkt

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Absturz von Germanwings-Flug 4U9525: Das Stigma wurde verstärkt

Dtsch Arztebl 2015; 112(15): A-641

Bühring, Petra

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Der Absturz des Germanwings-Flugs 4U9525 hinterlässt Schmerz, Trauer und Fassungslosigkeit über die Dimensionen einer solchen Tat. Die Reaktionen vieler Medien auf die Erkenntnis, dass der Todes-Pilot an einer psychischen Erkrankung gelitten hat, aber waren frappierend. Auch seriöse Sendungen bildeten keine Ausnahme. So fragte beispielsweise der Moderator einer Talk-Show im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die einst depressiv erkrankte Mitbegründerin der Deutschen Depressionsliga, ob sie in Phasen, in denen sie an Suizid gedacht habe, auch andere Menschen hätte mit in den Tod nehmen wollen. Annette Weddy war öffentlichkeitserfahren genug, diese Frage gut zu parieren, doch die Kamera schwenkte in betroffene Gesichter im Publikum. Dieses Beispiel zeigt, wie schnell verschüttet geglaubte Ängste vor der Unberechenbarkeit psychisch Kranker geweckt werden können und wie mit ihnen gespielt wird.

Petra Bühring, Politische Redakteurin
Petra Bühring, Politische Redakteurin

In den vergangenen zwei Wochen nach der Katastrophe fand eine völlig übereilte spekulative Meinungsbildung zu psychischen Erkrankungen als Ursache für einen wahrscheinlich willentlich herbeigeführten Flugzeugabsturz statt. Wir wissen zwar inzwischen, dass der Copilot für den Todesflug eigentlich mit einer psychischen Diagnose krank geschrieben war und dass eine psychische Erkrankung sein Leben beeinträchtigt hat. Aber wir wissen nicht, ob das wirklich die Ursache für seinen Entschluss war, 150 Menschen in den Tod zu stürzen. Und so groß das Bedürfnis nach einer Antwort auf das Warum auch sein mag – wir werden es nie erfahren. Aber selbst wenn eine psychische Erkrankung seinen Entschluss beeinflusst hat, sollte man nicht verallgemeinern. Statistisch ist erwiesen, dass psychisch kranke Menschen nicht häufiger zu Gewalttaten neigen als Nicht-Kranke.

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Schlimm an der öffentlichen – und leider von vielen Medien gelenkten – Diskussion der letzten Wochen ist, dass Vorurteile und Diskriminierung gegenüber psychisch Kranken sich vermutlich wieder auf lange Sicht verstärken werden. Nach den Attentaten auf die Politiker Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble konnte sogar wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass sich die Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber psychisch Kranken negativ verändert hat. Die stigmatisierende Wirkung der Berichterstattung über mögliche Gefahren durch psychisch Kranke wird noch verschärft durch die Forderungen von Politikern, die ärztliche Schweigepflicht für den Fall zu lockern, dass die Betroffenen Angehörige von Risikoberufen sind. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, erteilt solchen Forderungen eine klare Absage (siehe Seite A 650).

Die vorurteilsschürende Diskussion wird dazu führen, dass sich die Erfolge der Anti-Stigmatisierungskampagnen der letzte Jahre wieder aufheben. Angst und Scham vieler psychisch Kranker, sich mit ihrer Krankheit zu offenbaren, könnten erneut verstärkt werden. Die Motivation, verfügbare und wirksame Therapiemethoden in Anspruch zu nehmen, könnte weiter sinken. Schon bisher nehmen weniger als 50 Prozent der an Depression Erkrankten professionelle Hilfe in Anspruch – auch wegen befürchteter Nachteile beim Arbeitgeber oder im Umfeld bei Bekanntwerden der Diagnose.

Statt mit den Ängsten vor vermeintlich unberechenbaren psychisch Kranken zu spielen und sie für höhere Auflagen oder Einschaltquoten zu nutzen, wäre eine sachlichere Debatte auch im Sinne der Aufklärung sinnvoll gewesen.

Petra Bühring
Politische Redakteurin

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 11. April 2015, 18:55

Allgemeine Stigmatisierung psychisch Kranker unethisch!

Es gibt nun einmal Abgründe und leider auch bestialische Realitäten im menschlichen Verhalten, die einfach n i c h t vorhersehbar bzw. vorhersagbar sind. Es bleibt dann zumindest fragwürdig, warum nach einer derartigen Tragödie, die sich in der Nähe der "Vallées de Merveilles" in den französischen Seealpen abgespielt hat, sich so viele Kommentatoren ex post äußern müssen und behaupten, zu wissen wie man alles besser hätte machen können.

Die Aufhebung der Schweigepflicht, die Stigmatisierung seelischer Abweichungen, Erkrankungen und Variationsbreiten, Meldepflichten von allenfalls vagen Verdachtsmomenten oder Vermutungen können doch substanziell keinen einzigen erweiterten Suizid, ein blutiges Attentat oder einen Amoklauf verhindern.

Diese Vorschläge untergraben das bereits jetzt bio-psycho-sozial gefährdete Vertrauensverhältnis zwischen Patienten und Ärzten. In sicherheitsrelevanten Berufszweigen gehört das geflissentliche Verschweigen psychosomatischer Beschwerdebilder und suspekter biografischer Details bereits zum Alltag.

Und soll dann jeder, der für die menschliche Biografie typische und formende Entwicklungs- und Reifungkrisen durchgemacht, Jugendrebellion gelebt, Trauer- und Verzweiflungsgedanken gepflegt hatte bzw. mit 35 Jahren immer noch zu Hause wohnt, für bestimmte berufliche Aufgaben nicht mehr tauglich erscheinen?

"§ 203 Strafgesetzbuch (StGB) - Verletzung von Privatgeheimnissen" betrifft keineswegs nur Ärztinnen und Ärzte, sondern auch "Zahnarzt, Tierarzt, Apotheker oder Angehörige(n) eines anderen Heilberufs" ..."Berufspsychologen ...Rechtsanwalt, Patentanwalt, Notar, Verteidiger in einem gesetzlich geordneten Verfahren, Wirtschaftsprüfer, vereidigte(m) Buchprüfer, Steuerberater, Steuerbevollmächtigte(n) oder Organ oder Mitglied eines Organs einer Rechtsanwalts-, Patentanwalts-, Wirtschaftsprüfungs-, Buchprüfungs- oder Steuerberatungsgesellschaft, Ehe-, Familien-, Erziehungs- oder Jugendberater sowie Berater für Suchtfragen in einer Beratungsstelle ...Mitglied oder Beauftragte(n) einer anerkannten Beratungsstelle nach den §§ 3 und 8 des Schwangerschaftskonfliktgesetzes, staatlich anerkannte(m) Sozialarbeiter oder staatlich anerkannte(m) Sozialpädagogen oder Angehörigen eines Unternehmens der privaten Kranken-, Unfall- oder Lebensversicherung oder einer privatärztlichen, steuerberaterlichen oder anwaltlichen Verrechnungsstelle".

Ich bleibe dabei: Diese gesellschaftliche Debatte über den Bruch der ärztlichen Schweigepflicht zum Schutz höherwertiger Rechtsgüter muss aber wegen ihrer Bedeutung - gerade bei möglichen psychischen Erkrankungen - intelligent, professionell u n d mit notwendiger Distanz geführt werden. Unter dem Druck der aktuellen Ereignisse wird die Diskussion in Medien, Politik und Öffentlichkeit mit einer völlig falschen Blickrichtung geführt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (Germanwings-Flug Nr. 4U9528 / 19Mar15 von Düsseldorf -> Barcelona 16:35 Airbus-Sitzplatz 20A, wenige Tage vor der Katastrophe)
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