ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2015Chronische Erkrankungen: Wege aus der Stagnation finden

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Chronische Erkrankungen: Wege aus der Stagnation finden

Baust, Günter

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Nach historischen Überlieferungen unterschieden bereits die Ärzte in der Antike akute von chronischen Erkrankungen. Langwierige Krankheiten galten als unheilbar. Deshalb konzentrierte sich die Behandlung auf akute Erkrankungen. Diese Strategie ist auch heute noch dominierend. Die Pathophysiologie der Chronifizierungsabläufe konnte bisher nur unbefriedigend geklärt werden. Gegenwärtig sterben etwa neun von zehn Menschen an chronischen Erkrankungen. Die meisten davon entstehen auf der Grundlage einer akuten, lokalisierten Entzündung. Sie kann viele Jahre diagnostisch symptomlos verlaufen, um dann in eine systemische chronische Erkrankung überzugehen. Das gilt insbesondere für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Tatsächlich führen in fast allen europäischen Ländern die chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Todesstatistik an. Zweifellos muss diese Entwicklung auch im Zusammenhang mit den multifaktoriellen Eingriffen des Menschen in Natur und Umwelt betrachtet werden. Bereits vor mehr als 30 Jahren informierte die WHO, dass circa 80 Prozent der chronischen Erkrankungen einen Bezug zu Umweltbelastungen haben. Neue Lebensgewohnheiten, als Ausdruck von Wohlstand angesehen, belasten zunehmend die Gesunderhaltung der Menschen und sind zu einer schleichenden Gefahr geworden. In den neuen Technologien der Landwirtschaft und Tierhaltung dominieren ökonomische Zielstellungen, Interessenkonflikte und eine Minderung der Qualitätsstandards der Lebensmittel. Nach jüngsten internationalen Erhebungen in Deutschland stellt der Komplex „ernährungsbedingte Risiken“ mit den Folgen Bluthochdruck und hoher „Body-Maß-Index“ den wichtigsten Risikofaktor dar.

So haben sich chronische Erkrankungen zu einer medizinischen, ethischen, sozialen und ökonomischen Herausforderung entwickelt. Heute erwarten erkrankte Menschen vorwiegend von ihrem Arzt, dass er die geschilderten Symptome schnell medikamentös lindert, wobei die Diagnose ihrer Ursachen oft verdrängt wird. Es dominiert eine angepasste „Akutmedizin“, die durch das enge Zeitlimit des Arztes zusätzlich unterstützt wird. Diese Entwicklung sollte nicht dem Selbstlauf überlassen bleiben.

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Bereits seit Hunderten von Millionen Jahren hat sich die akute Entzündung als Vorstufe einer Erkrankung und logische und wirksame Abwehrfunktion des Organismus bewährt. Die biologische Bedeutung einer Entzündung liegt aber nicht nur in einer Abwehrfunktion des Organismus zur Überwindung des störenden Ereignisses, um das physiologische Gleichgewicht wieder herzustellen. Sie ist gleichermaßen die Antwort biologischer Regelvorgänge, um eine restitutio ad integrum einzuleiten. Obwohl die Pathophysiologie dieser Abwehrfunktion des Organismus bisher nur bedingt analysiert werden konnte, richtet sich unsere Therapiestrategie routinemäßig gegen die bisher bekannten Symptome der Erkrankung. Dies bedeutet aber nicht, dass diese Medikalisierung generell gut für die Gesundheit des Patienten ist. Damit stören wir aggressiv die sensiblen Regelkreise des Organismus. Er reagiert, indem er sein Abwehrregelsystem durchzusetzen versucht – zusätzlich auch gegen die Medikalisierung, die er als Störgröße identifiziert. Mit einem neuen Abwehrprogramm versucht er die Störung zu beherrschen. Wird sie zu einer Dauerbelastung, zum Beispiel bei einer üblichen Langzeitmedikalisierung, wird dieses Regelsystem dominant und führt zur Chronifizierung. 

Die jüngsten Ergebnisse aus der Forschung des chronischen Schmerzes könnten zu einer generellen Klärung mit beitragen. Zusammengefasst:Der chronische Schmerz kann als Folge eines inadäquat behandelten akuten Schmerzes pathophysiologisch erklärt werden. Durch Veränderung der Signalverarbeitung wird neuroplastisch ein Chronifizierungsprogramm des Schmerzes gebildet, das aber auch wieder therapeutisch gelöscht werden kann. Dieser Erkenntnisgewinn wird seit Jahren in der Schmerztherapie und bei anderen chronischen Erkrankungen erfolgreich genutzt.

So wird zur Vermeidung der Chronifizierung rheumatischen Erkrankungen mit einer innovativen Therapie das „pathologische Gedächtnis“ der „Memory Effekt“ gezielt gelöscht, ohne das immunologische Programm zu stören. Mit zentralwirkenden Biologica kann die Entzündungskaskade beeinflusst werden. Schließlich werden selektive NO-Synthese-Inhibitoren bei Autoimmunerkrankungen sowie Stammzellen erfolgreich therapeutisch genutzt. Neben der routinemäßigen Behandlung der Symptome von Erkrankungen wird damit die Therapie ihrer Ursachen verbessert und das Ansteigen chronischer Erkrankungen zurückgedrängt. Dieser Beitrag ist ein Versuch, den Chronifizierungsprozess transparenter zu machen, auf mögliche iatrogene Zusammenhänge hinzuweisen und zu weiteren klärenden Fakten anzuregen. Denn „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“. Dieser weise Aphorismus von Albert Einstein sollte für eine baldige Problemlösung im Interesse der Patienten genutzt werden.

Eine Langfassung zu dem Thema kann angefordert werden. Anschrift: G. Baust, Ahornweg 4, 06193 Petersberg, oder gbbaust@gmx.de

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