ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2015Ärztenetze: Gemischte Gefühle
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Die einen loben Praxisnetze als Blaupause für gute regionale Versorgungsstrukturen, die anderen fürchten eine Konkurrenz zu Niedergelassenen, die lieber ohne feste Kooperationen arbeiten wollen. Klar ist: Die Netzarbeit bleibt herausfordernd.

Sowohl bei der Morbidität als auch bei der Mortalität gibt es in Deutschland regional teils deutliche Unterschiede. „Der eigentliche Sinn von Arztnetzen wird sein, diese lokalen Defizite auszugleichen“, meinte Dr. med. Veit Wambach, Vorstandsvorsitzender der Agentur deutscher Arztnetze, auf einem Symposium der Agentur und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Ende März in Berlin. Mit ausreichend Gestaltungsspielraum ausgestattet, könnten Ärztenetze hier ansetzen, in „idealer und sinnvoller Ergänzung zum Kollektivvertrag“.

Netze wollen mehr gestalten

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Mehr Gestaltungsspielraum fordern Netzvertreter schon lange – insbesondere einen Status als Leistungserbringer, damit sie künftig Medizinische Versorgungszentren (MVZ) gründen oder Ärzte anstellen können. „Für uns ist es wichtig, wegbrechende Zulassungen aufzufangen“, sagte Markus Knöfler, Geschäftsführer des Praxisnetzes Herzogtum Lauenburg. Viele junge Ärzte wollen seiner Erfahrung nach lieber erst angestellt arbeiten, bevor sie sich mit einer Praxis selbstständig machen. Krankenhaus-MVZ seien in der Regel aber nicht bereit, jungen Ärzten auf dem Weg in die Selbstständigkeit ihre Zulassung mitzugeben – und Netze, die dies anders handhaben würden, dürften keine MVZ gründen.

Ähnlich sah es Gabriele Bleul, Geschäftsführerin des Gesundheitsnetzes Osthessen. Netze bemühten sich darum, Arztsitze auf dem Land zu erhalten, beispielsweise durch Schaffung größerer Praxisgemeinschaften. Doch dafür müsse eine Netzzentrale über mehr Möglichkeiten verfügen als heute. Sonst sorge der Landrat dafür, dass Kliniken die ambulante Versorgung übernähmen. Unterstützung von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen für diesen Kurs gebe es im Übrigen nicht.

Damit sprach Bleul an, was viele Netzärzte ärgert: Neun von 17 KVen haben die Rahmenvereinbarung der KBV zur Anerkennung von Netzen immer noch nicht umgesetzt (DÄ 8/2015). „Wir können sie nicht zwingen“, stellte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen klar. Die Meinungen zur Netzförderung seien eben innerhalb der KVen „dissent“, ebenso wie die Ansichten dazu, ob sie einen Status als Leistungserbringer erhalten sollten oder nicht.

„Ein vergifteter Apfel“

Als einen wichtigen Grund führte Gassen an, dass Netze bislang aus der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung gefördert werden sollen. Diese Umverteilung sei wie „ein vergifteter Apfel“ für die KVen. Er forderte, für die Netzförderung extrabudgetäre Mittel vorzusehen. Gassen würdigte gleichwohl Ärztenetze als Blaupausen für Versorgungslösungen.

KBV-Dezernent Dr. med. Bernhard Gibis erinnerte daran, dass die Zurückhaltung mancher KV teilweise auch historische Gründe habe: Nach einer Hochphase ab dem Jahr 2000 gingen viele Netze pleite oder machten sich von pharmazeutischen Unternehmen abhängig. Deswegen seien manche KVen mit einer Förderung vorsichtig.

Letztlich wird es beim teilweise skeptischen Blick auf Netze bleiben. Denn nicht jedes von ihnen ist so KV-nah wie die in der Agentur zusammengeschlossenen. Und: Behauptet ein Ärztenetz, dass es nur wegen des netten kollegialen Miteinanders bestehe, wird es weder KVen noch Kassen zusätzliches Geld wert sein. Ist ein Ärztenetz aber überzeugt davon, die ambulante Versorgung zu verbessern, wird es immer kritisch von Niedergelassenen beäugt werden, die nicht Mitglied sind.

Sabine Rieser

NETZE UND DER VSG-ENTWURF

Praxisnetze werden an verschiedenen Stellen im Entwurf zum GKV-Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) erwähnt. Folgendes ist geplant:

  • Für ein von ihr anerkanntes Praxisnetz muss eine Kassenärztliche Vereinigung (KV) gesonderte Vergütungsregelungen vorsehen. Allerdings sind diese aus der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung zu finanzieren. Mit dem Honorarverteilungsmaßstab soll „der kooperativen Behandlung von Patienten in dafür gebildeten Versorgungsformen“ angemessen Rechnung getragen werden.
  • Zudem kann die KV Praxisnetze aus dem Strukturfonds fördern.
  • Die Krankenkassen werden verpflichtet, ihre Versicherten durch ein gutes Entlassmanagement zu unterstützen. Hier sehen Fachleute Chancen für Angebote von Praxisnetzen – ebenso im Bereich der Pflegeheim- und der Palliativversorgung.
  • Auch der neue § 140 a Sozialgesetzbuch V („Besondere Versorgung“), in dem Vorgaben zu Selektiv- und Integrationsverträgen zusammengefasst sind, bietet Netzen die Gelegenheit zu innovativen Verträgen.
  • Praxisnetzen wird kein eigenes Antragsrecht für Projekte des geplanten Innovationsfonds eingeräumt. Einzelne Netzärzte könnten theoretisch Vorschläge einbringen. Für erwartete größere Projekte wird aber vermutlich kein Arzt allein haften wollen.

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