ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2015Medizin in Wikipedia: Online-Enzyklopädie als Patientenbegleiter

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Medizin in Wikipedia: Online-Enzyklopädie als Patientenbegleiter

Dtsch Arztebl 2015; 112(15): A-687 / B-585

Mey, Stefan

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Patienten holen sich ihr erstes Wissen oft von Wikipedia. Wie kommen die Medizininformationen in die Online-Enzyklopädie, und wer schreibt die so wichtigen Artikel?

Es zwickt irgendwo unangenehm und der Patient fragt sich, was das wohl ist. In den meisten Fällen beginnt die Erkenntnis-suche im Internet. Und bei vielen Begriffen führt sie von der Suchmaschine Google mit einem Klick zu einem Wikipedia-Artikel. Die Online-Enzyklopädie wird von Google als besonders verlässliche Informationsquelle angesehen und landet deswegen oft weit oben in den Trefferlisten. Bei der Suche nach den Begriffen „Krebs“, „Aids“ oder „Masern“ beispielsweise steht Wikipedia unangefochten auf Platz 1.

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Zu allen großen und vielen kleinen Krankheiten und Wehwehchen gibt es dort Einträge, auch zu Wirkstoffen und zu Therapiemethoden. Die Texte sind manchmal kurz, weisen manchmal aber auch eine epische Länge auf. Der Wikipedia-Beitrag zu Krebs wäre ausgedruckt 19 Seiten lang und enthält mehrere Tabellen, Fotos und Illustrationen. Für Ärzte lohnt es sich zu wissen, wie die Informationen zustande kommen, die ihren Patienten vor dem Praxisbesuch oft eine erste Orientierung geben.

Es gibt einige wenige allgemeine Erhebungen zu Autoren der Online-Enzyklopädie. Die wichtigste Erkenntnis: Es sind erstaunlich wenige, die den Großteil der Artikel schreiben. Zwar haben sich etwa zwei Millionen Nutzer irgendwann einmal ein eigenes Nutzerprofil auf der deutschen Wikipedia-Website zugelegt. Nur etwa 20 000 aber gelten als „aktiv“ und haben innerhalb des letzten Monats mitgeschrieben. Die „Community“ ist zudem recht homogen. Beiträge stammen oft von technikaffinen Männern, woran auch gezielte Bemühungen um Vielfalt in der Vergangenheit wenig geändert haben.

Vorabzensur und Relevanz

Einen Artikel verfassen oder einen bestehenden verändern darf jeder. Theoretisch zumindest. Praktisch herrscht auf der deutschsprachigen Wikipedia eine Art Vorabzensur. Ein neuer Artikel oder eine Veränderung wird erst dann angezeigt, wenn er beziehungsweise sie von einem Wikipedia-Nutzer mit dem Status eines „Sichters“ freigeschaltet wird. Sichter kann jeder werden, der eine Mindestzahl erfolgreicher Bearbeitungen vorweisen kann. So lange das nicht geschehen ist, macht nur ein kleiner Button rechts oben auf dem Bildschirm darauf aufmerksam, dass man sich auch die noch nicht bestätigte Version anschauen kann.

In anderen Sprachversionen von Wikipedia wird das deutlich laxer gehandhabt. Die deutsche Vorabzensur wurde im Jahr 2008 nach heftigen ideologischen Diskussionen eingeführt. Das war eine Abkehr vom Ursprungsprinzip, dass jeder gleichberechtigt mitschreiben kann. Allerdings hat die Regelung zu einem vergleichsweise hohen Niveau geführt. Die Zeiten sind vorbei, als alles und auch jeder Unsinn ungeprüft auf Wikipedia angezeigt wurde.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Redaktion_Medizin/Aufrufzahlen (von Tages- auf Monatsbasis umgerechnet)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Redaktion_Medizin/Aufrufzahlen (von Tages- auf Monatsbasis umgerechnet)

Noch in einem anderen Punkt ist die deutsche Wikipedia hart. Das Kriterium „enzyklopädische Relevanz“ wird besonders streng ausgelegt. Versucht ein von sich selbst überzeugter Oberarzt oder eine Praxisgemeinschaft einen Artikel in eigener Sache anzulegen, wird der mit hoher Wahrscheinlichkeit von anderen wegen „Irrelevanz“ wieder gelöscht. Wikipedia legt zudem Wert darauf, dass nur etabliertes Wissen abgebildet wird. Die Community wacht darüber, dass Informationen mit Quellen belegt werden, meist in Form von Links zu online verfügbaren Medien. Von den 1,8 Millionen Artikeln in der deutschen Wikipedia haben etwa 50 000 einen medizinischen Bezug. Sie sind im „Portal: Medizin“ zusammengefasst, einem von mehreren Ressorts. Eine ehrenamtliche Redaktion behält die Artikel im Auge, stellt eigene Regeln auf und entwickelt sie weiter. 24 regelmäßige Redaktionsmitglieder werden aufgelistet. Die meisten nennen nur ein Pseudonym, fast alle geben an, dass sie Ärzte sind.

„Die Redaktion Medizin setzt sich vornehmlich aus Autoren zusammen, die ein entsprechendes Studium absolviert haben, also in Human-, Zahn-, Veterinärmedizin oder auch in angrenzenden Fachbereichen wie Humanbiologie oder Pharmazie et cetera“, erzählt das Redaktionsmitglied Redlinux, selbst Arzt. Da einige Kollegen mit der Aktivität auf Wikipedia Probleme haben, hat er sich entschieden, seinen Klarnamen nicht zu nennen. Er schätzt, dass 35 bis 50 Autoren regelmäßig an Medizinartikeln schreiben, hinzu kommen noch einige andere, die sporadisch einzelne Beiträge oder Themenbereiche bearbeiten.

Die Qualität von medizinischen Informationen auf Wikipedia hält Redlinux für wesentlich besser, als er am Beginn seiner Wikipedia-Karriere erwartet hat. Er ist davon überzeugt, dass das vor allem der Arbeit der Medizinredaktion zu verdanken ist, die das Artikelniveau gewährleiste. Auf einer Diskussionsseite zur Qualitätssicherung werden beispielsweise einzelne „dringend überarbeitungswürdige“ Artikel diskutiert: Als Lösch-Kandidat wird ein Artikel zur Alkoholfahne genannt und beim Eintrag zu Blutuntersuchungen wird auf fehlende Belege hingewiesen.

Die Redaktion hat in gemeinsamen Diskussionen spezielle Leitlinien erstellt, die allgemein geltende Wikipedia-Regeln konkretisieren. So werden als „erwünschte Quellen“ für Medizinartikel Standardlehrbücher, Leitlinien wissenschaftlicher Fachgesellschaften, Übersichtsarbeiten in Journalen mit Peer Review, aber auch Publikationen staatlicher Behörden genannt. Einzelstudien hingegen sollen nur als Quelle herangezogen werden, wenn keine Sekundärliteratur verfügbar ist.

Leitlinien nennen auch unerwünschte Belege

Als „unerwünschte Quellen“ gelten allgemein Journale ohne Peer Review, Selbsthilfegruppen, aber auch Pressemitteilungen von Krankenhäusern. Und es werden auch konkrete, unerwünschte Online-Quellen genannt, unter anderem die populären Gesundheitsportale onmeda.de (Begründung: „kommerzielles Webportal, seltenst weiterführende Informationen“) und netdoktor.de („werbelastige Klickibunti-Seite“), aber auch die digitale Krankenkassenpräsenz aok.de, die als werbende Anbieterseite „keine reputable Quelle für Fachartikel“ darstelle.

Der Arzt und Wikipedia-Autor Redlinux beteiligt sich vor allem wegen des „Wohlfühlfaktors“, es macht ihm Spaß. Zudem fasziniert ihn seit Beginn des Internetzeitalters die Vorstellung, dass viele gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Seit etwa zehn Jahren habe sich das Internet allerdings mehr und mehr gewandelt, hin zu Kommerzialisierung und Überwachung. „Aber Wikipedia blieb und kommt für mich der Verkörperung dieser Grundidee am nächsten.“ Er meint, dass der Alltag der meisten Ärzte eher von einer zwangsweisen dienstlichen Nutzung des Internets geprägt ist, so dass nur wenige Lust haben, noch freiwillig Zeit im Netz zu investieren. Andererseits legt er seinen Kollegen ans Herz, dass der fachliche Austausch und die gemeinsame Arbeit gerade ohne den üblichen Zwang Freude macht.

Neuen Autoren empfiehlt Redlinux, es langsam angehen zu lassen und sich in der Anfangsphase nicht entmutigen zu lassen. Der Ton in Diskussionen ist oft rau und Neulinge sind leicht von den besserwisserischen Kommentaren altgedienter Wikipedianer eingeschüchtert. Das wird in der Wikipedia-Bewegung schon länger als ernst zu nehmendes Problem für die Gewinnung neuer Autoren diskutiert. Man kann auch gezielt den Kontakt zu Mitgliedern der Redaktion Medizin suchen, empfiehlt der Wikipedia-Autor. Einige von ihnen beteiligen sich auch am Mentorenprogramm, das Neulinge gezielt unterstützt. An wie vielen Artikeln Redlinux in seiner ehrenamtlichen Wikipedia-Karriere bisher mitgewirkt hat, weiß er nicht. Er zählt auf seiner Benutzerseite auf Wikipedia allerdings 117 „von mir maßgeblich (mit-)erstellte Artikel“ auf. Sie reichen von der OP-Methode Arthrotomie über die Schockniere bis zum Zentralen Salzverlustsyndrom. Etwa 1 000 Medizinartikel in der deutschen Wikipedia insgesamt kommen jährlich neu hinzu, schätzt er.

Wikipedia wird damit auch weiterhin ein treuer Begleiter von Ärzten sein, deren Patienten sich hier oft die ersten Informationen über ihre Symptome einholen. Ob Ärzte über die Arbeit des digitalen „Kollegen“ nun froh sind oder nicht.

Stefan Mey

1.
Liste der meistgelesenen Medizinartikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Redaktion_Medizin/Aufrufzahlen
2.
Medizinportal von Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Portal:Medizin
3.
Leitlinien der Medizinredaktion:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Redaktion_Medizin/Leitlinien
1.Liste der meistgelesenen Medizinartikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Redaktion_Medizin/Aufrufzahlen
2. Medizinportal von Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Portal:Medizin
3.Leitlinien der Medizinredaktion:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Redaktion_Medizin/Leitlinien

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