ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2015Dr. med. Christoph Specht, Medizinkorrespondent: „Ich mache genau das, was mir Spaß macht“

POLITIK: Porträt

Dr. med. Christoph Specht, Medizinkorrespondent: „Ich mache genau das, was mir Spaß macht“

Dtsch Arztebl 2015; 112(15): A-656 / B-562 / C-546

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der TV-Arzt bereitet medizinische Nachrichten für ein breites Publikum auf. Ihn reizt die „Zirkusatmosphäre“ und dass er mit seinen Informationen viel bewirken kann.

Grob informieren, aber richtig ist der Anspruch von Christoph Specht (links), hier mit ZDF-Moderator Ingo Nommsen. Der Arzt und Wissenschaftsjournalist lebt in Düsseldorf und arbeitet als freier Medizinkorrespondent für RTL, n-tv und ZDF. Fotos: Lajos Jardai
Grob informieren, aber richtig ist der Anspruch von Christoph Specht (links), hier mit ZDF-Moderator Ingo Nommsen. Der Arzt und Wissenschaftsjournalist lebt in Düsseldorf und arbeitet als freier Medizinkorrespondent für RTL, n-tv und ZDF. Fotos: Lajos Jardai

Es ist 5.45 Uhr. Der Morgen ist dunkel und kalt. Noch sind die Parkplätze leer vor den ehemaligen Messehallen im Kölner Stadtteil Deutz. Hinter der denkmalgeschützten Backsteinfassade hat sich die Mediengruppe RTL mit den TV-Sendern RTL, VOX, Super RTL sowie dem Nachrichtensender n-tv eingerichtet.

Anzeige

Dr. med. Christoph Specht (53) wird von einer jungen Mitarbeiterin in Empfang genommen. Durch lange Gänge geht es in die Maske. In einer Viertelstunde beginnt das RTL-Frühstücksmagazin. Dort soll der approbierte Arzt und Tropenmediziner heute über Masern sprechen. Denn durch Deutschland rollt in diesem Februar eine Erkrankungswelle, es hat einen ersten Todesfall gegeben. Während ein kurzer Film in das Thema einführt, nimmt Specht auf dem Studiosofa Platz. Dann ist er auf Sendung: Er antwortet frei auf die Fragen der Moderatoren, klärt darüber auf, wie wichtig eine Impfung gerade für Erwachsene ist und warnt vor einer Verharmlosung der Erkrankung. Fünf Minuten dauert sein Auftritt. Im Fernsehen ist das lang.

Medizinkorrespondenten: Vorbild aus den USA

Specht wirkt ausgeschlafen und entspannt. Dabei ist er um vier Uhr aufgestanden, um fünf hat ihn ein Fahrer zu Hause in Düsseldorf abgeholt und nach Köln zum Sender gebracht. Dort steht er jetzt, nach seinem Auftritt, zwischen den neuen Kandidaten der RTL-Show „Let’s dance“, die in ihren Paillettenkleidern aus der Zeit gefallen scheinen. Das Programm des Frühstücksfernsehens ist bunt – auch bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz im ZDF, für die Specht ebenfalls arbeitet.

Er bezeichnet sich selbst als Medizinkorrespondent. „Die Idee stammt aus den USA“, sagt Specht. „Dort hat eigentlich jeder Sender einen Medical Correspondent, der immer dann in Erscheinung tritt, wenn eine aktuelle Nachricht einen medizinischen Hintergrund hat.“ Aufgabe der Medizinkorrespondenten ist es dann, die Information einzuordnen und komplizierte Zusammenhänge so aufzubereiten, „wie die Zuschauer das brauchen, also grob, aber richtig“, betont Specht. 2011 startete er den Versuch, die Idee aus den USA ins deutsche Fernsehen zu importieren. „Angefangen hat alles bei n-tv“, erinnert sich Specht. Sein Vorschlag stieß beim damaligen Chefredakteur auf Interesse. Er war es auch, der Specht nach dem Erdbeben in Fukushima als TV-Experten engagierte. Zunächst sollte dieser nur etwas über Erdbebenverletzungen beitragen. Doch im Verlauf der Katastrophe wurde Specht auch zum Strahlenexperten. „Das kannte man in Deutschland bis dahin nicht“, sagt er. Es habe immer die Meinung vorgeherrscht, die Journalisten könnten medizinische Themen abdecken und sollte deren Expertise nicht ausreichen, könne man ja einen Experten aus der Klinik ins Studio holen.

Klinikexperten sind keine Medienprofis

Der Nachteil dieses Konzepts: Klinikexperten seien bei aktuellen Themen oft gar nicht so schnell ausfindig zu machen oder sie verstiegen sich thematisch in ihren Fachgebieten, weil sie eben keine Medienprofis seien. Die Zuschauer könnten mit zu vielen Details nichts anfangen. Sie bräuchten vielmehr eine orientierende Einordnung der entsprechenden medizinischen Nachricht. „Und wenn die dann auch noch gut verständlich, vielleicht sogar unterhaltsam rüberkommt, ist das optimal“, meint Specht, der neben seiner ärztlichen Tätigkeit immer schon journalistisch gearbeitet hat.

Fernsehroutine morgens um sechs: Christoph Specht bereitet sich auf seinen Auftritt im RTL-Frühstücksfernsehen vor. Kameras, Technik, Licht – er liebt die Studioatmosphäre.
Fernsehroutine morgens um sechs: Christoph Specht bereitet sich auf seinen Auftritt im RTL-Frühstücksfernsehen vor. Kameras, Technik, Licht – er liebt die Studioatmosphäre.

So kommt es, dass Specht über die Probleme bei der Vollstreckung der Todesstrafe in Utah in Ermangelung des Medikaments Thiopental für die „Giftspritze“ ebenso informiert wie am Beispiel von Angelina Jolie über das Risiko für Ovarialkarzinom bei positiver BRCA-1-Mutation oder den Flugzeugabsturz des Germanwings-Fluges in den französischen Alpen. Stress oder Druck empfindet er angesichts dieser Bandbreite nicht. „Ich bin eigentlich nicht aufgeregt vor meinen Fernsehauftritten. Wenn ich der Ansicht wäre, ich wüsste nur 90 oder 100 Prozent dessen, was ich gefragt werden könnte, wäre ich vielleicht nervös“, erklärt Specht. „Aber ich könnte eineinhalb Stunden lang interessante Sachen allein über Masern erzählen. Insofern kann eigentlich nichts Schlimmes passieren.“

Die Arbeit vor der Kamera fasziniert ihn. Ebenso die bunte Mischung des Programms in den Morgenmagazinen von RTL und ZDF samt Stars und Sternchen – „das ist schon ein bisschen Zirkus.“ Doch ein großer Teil von Spechts Arbeit besteht aus seriöser Recherche. Denn er muss sowohl in den medizinischen Fachthemen als auch bei den aktuellen Nachrichten auf dem Laufenden bleiben.

Spechts persönliches bisheriges „Top-Thema“ ist der Fall Michael Jackson: „Ich fand die Kombination aus Medizin und Kriminalistik spannend.“ Den Prozess gegen Jacksons Leibarzt, dem vorgeworfen wurde, für den Tod des Popstars verantwortlich zu sein, weil er ihm angeblich das Narkosemittel Propofol verabreicht hatte, verfolgte Specht nachts vom Bett aus im Livestream, um tags darauf den Fernsehzuschauern die Zusammenhänge zu erläutern. „Propofol wird in Deutschland jeden Tag tausenden Patienten verabreicht. Das ist ein wunderbares Mittel, aber eben kein Schlafmittel.“

Mehr Zuschauer, als ein Arzt Patienten hat

Ist ihm der Wechsel vom Krankenhaus ins Fernsehstudio nicht schwer gefallen? „Ich habe auch gerne als Arzt gearbeitet“, sagt Specht, der noch immer für ein medizinisches Hilfsprojekt in Südafrika tätig ist. „Aber ich stamme aus einer Medizinerfamilie. Deshalb fehlte mir vielleicht die Verklärung des Berufs.“ Specht schloss mit nur 24 Jahren Medizinstudium und Promotion ab. „Das hatte auch Nachteile, weil man eigentlich für alles zu jung ist“, sagt er heute. „Ich wusste nicht immer, wohin meine Reise geht. Aber jetzt mache ich genau das, was mir Spaß macht.“ Und dafür brauche man ein gewisses Alter. „Sonst fehlt die Seriosität.“

Denn auch für den TV-Arzt geht es um Glaubwürdigkeit und Vertrauen, wenn er Zuschauer aufklären will. „Man darf das nicht überbewerten, aber ich habe mit einer Sendung mehr Zuschauerkontakte, als mancher niedergelassene Arzt im ganzen Berufsleben an Patienten sieht.“ Und solange die Einschaltquoten stimmen, darf Specht weitermachen.

Heike Korzilius

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #98725
trian
am Mittwoch, 20. Januar 2016, 13:39

Fachmann

Schön, wenigstens jemand, der Ahnung hat.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige