THEMEN DER ZEIT

Familienplanung 2.0: Besondere Risiken von Fertilitäts-Apps

Dtsch Arztebl 2015; 112(15): A-658 / B-564 / C-548

Albrecht, Urs-Vito; Pramann, Oliver; Jan, Ute von

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Eine Nutzung im medizinischen Kontext ist aus Gründen der Haftungsprävention nicht zu empfehlen.

Smart Devices wie Smartphones und Tablet-PCs sind omnipräsent, und es gibt inzwischen kaum ein Anwendungsfeld, für das noch keine passende App erhältlich ist (1, 2). Der Gesundheitsbereich ist derzeit für professionelle und Hobbyentwickler besonders interessant und zeigt mit das größte Wachstum der Branche (3). Vor allem die Anwendungen in der Schnittmenge von Fitness, Lifestyle und Medizin sind attraktiv, da sie private wie auch professionelle Nutzer gleichermaßen ansprechen.

An Frauen mit Kinderwunsch wenden sich einige der Fertilitäts-Apps, wie der „Fruchtbarkeitskalender“. Foto: Fotolia/stockyimages [m]
An Frauen mit Kinderwunsch wenden sich einige der Fertilitäts-Apps, wie der „Fruchtbarkeitskalender“. Foto: Fotolia/stockyimages [m]

Sehr beliebt sind beispielsweise Abnehm- und Fitness-Apps (4). Zu dieser Gruppe zählen auch Apps zum Thema Fortpflanzung (meist bezogen auf den weiblichen Zyklus) – die Fertilitäts-Apps (5). Für Ärzte, die hierzu befragt werden und eventuell Empfehlungen abgeben sollen, etwa hinsichtlich der Eignung zur medikamentenfreien Verhütung (oder als Hilfsmittel zur Erfüllung eines Kinderwunsches), soll der Überblick über das Angebot entsprechender Apps und ihrer Begleitrisiken eine Orientierungshilfe bieten.

Erfassung des Zyklus

Das Angebot ist groß und variantenreich: Es gibt Apps zur Erfassung des Zyklus beziehungsweise der Ovulation, die verschiedene objektive und subjektive zyklusrelevante Parameter erfassen helfen. Im einfachsten Fall gibt die Anwenderin hierzu die Daten zu ihrem Zyklus (wie erster/letzter Tag der Periode, Basaltemperatur, Gewicht sowie besondere Ereignisse, Stimmungsschwankungen, Schlafqualität, Stress, Medikamenteneinnahme, Kopfschmerzen et cetera) an. Dies entspricht in etwa dem, was auch ein papiergebundenes Tagebuch leistet, und stellt die Grundfunktionalität aller entsprechenden Apps dar.

Zusätzlich versuchen viele auf dem Markt befindliche Apps, auf der Datenbasis vorangegangener Zyklen die fruchtbaren Tage beziehungsweise das Datum des Eisprungs vorherzusagen, um der Nutzerin zu helfen, eine Schwangerschaft herbeizuführen oder zu vermeiden. Manche dieser Apps geben an, dass bei den Berechnungen neben den eigenen Daten unter anderem auch Informationen mit einbezogen werden, die aus den Daten anderer Nutzerinnen abgeleitet wurden (6).

In diesem Kontext werden häufig auch Social-Media-Funktionen zur Verfügung gestellt, über die die Nutzerinnen Kontakt zu Gleichgesinnten aufnehmen können. Ähnlich wie bei Fitness-Apps ist es teilweise auch möglich, externe Geräte (beispielsweise Waagen) anzubinden und deren Daten ebenfalls in der App zu erfassen. Zudem ermöglichen die meisten Apps die Online-Speicherung der Daten oder auch den Datenexport in verschiedenen Formaten; so können die Daten auch leicht einem behandelnden Arzt zur Verfügung gestellt werden.

Verhütung im Fokus

In vielen Zyklus-Apps sind in Bezug auf den Bereich Verhütung Funktionen eingebaut, die zum Beispiel täglich an die Einnahme hormonaler Kontrazeptiva erinnern. Anzumerken ist, dass nicht alle App-Hersteller vor der Nutzung zur Verhütung explizit warnen – zumindest, wenn die App zur „natürlichen“ Familienplanung ohne den Einsatz weiterer Hilfsmittel genutzt werden soll – und den Aufgabenbereich eher generell in der Zyklusüberwachung beziehungsweise einer Hilfestellung beim Herbeiführen einer Schwangerschaft sehen.

Beispiele für Zyklus-Apps: Screenansichten aus dem „Periodenkalender“ (links) und aus „Clue“
Beispiele für Zyklus-Apps: Screenansichten aus dem „Periodenkalender“ (links) und aus „Clue“

Jede integrierte Funktionalität hat ihr eigenes Potenzial für Fehlfunktionen mit entsprechenden Risiken, die bei der Nutzerin im harmlosesten Fall ein Lächeln verursachen, aber bei größeren Problemen zu einem ungewollten Schwangerschaftseintritt oder auch dem Ausbleiben einer erhofften Schwangerschaft führen können. Zu berücksichtigen ist hier, dass die App selbst zwar korrekt funktionieren kann, sie allerdings aufgrund von Problemen bei der Bedienbarkeit oder schlicht bedingt durch mangelndes Vorwissen auf Anwenderseite nicht den erwünschten Nutzen bringt. Daher ist es essenziell, dass zusätzlich zu den angepriesenen Grundfunktionen auch Hintergrundinformationen bereitgestellt werden. Diese können neben Erläuterungen der Funktionalität und der medizinischen Grundlagen auch dazu dienen, die Nutzerinnen über mögliche Risiken zu informieren. Auf Basis all dieser Informationen hat es so die Anwenderin leichter, die Vertrauenswürdigkeit der in der App enthaltenen Funktionen und Inhalte einzuschätzen und zu entscheiden, ob sie die App wirklich nutzen möchte (7, 8).

Technische Einschränkungen der Geräte und eine schlechte Gebrauchstauglichkeit (Usability) können zu frustrierenden Erlebnissen bei der App-Nutzung führen. Problematischer sind programmiertechnische Unzulänglichkeiten und Fehler in der Konzeption. Bei ersterem können Sorgfaltsversäumnisse beispielsweise zu falschen Datenzuordnungen und Rundungsfehlern führen, die dann die Ergebnisqualität beeinflussen (9, 10). Selbst korrekte Eingaben können so zu falschen Ergebnissen führen, aus denen wiederum Fehlinterpretationen resultieren können.

Doch selbst wenn die Programmierer korrekt gearbeitet haben, können sie fehlerhaften Annahmen aufgesessen sein. Wenn der umgesetzte Algorithmus nicht für den geplanten Einsatzzweck geeignet ist oder Informationen von zweifelhafter Validität in die Entwicklung eingeflossen sind, kann trotz einwandfreier Programmierung kein korrektes Ergebnis entstehen. Hinzu kommt, dass die Abbildung biologisch/physiologischer Prozesse sehr komplex ist, die verwendeten Modelle aber auf Algorithmen beruhen, die nicht immer kompatibel mit der weiblichen Physiologie sind. Zum Beispiel variiert die Zykluslänge bei vielen Frauen, und der Zyklus kann sich durchaus um einige Tage verschieben. App-basierte Berechnungen zur Bestimmung der fruchtbaren Tage sind daher zur Empfängnisverhütung nicht uneingeschränkt anzuraten.

Nutzerdaten finden auch im App-Bereich viele Interessenten, da sie zur Profilerstellung und damit auch zur gezielten Werbung oder zum Verkauf an Dritte genutzt werden können. Bei den „Wearables“ wurden schon mehrfach noch weiterreichende Bedenken geäußert (11); in Bezug auf die von Fitness-Trackern erfassten Daten planen unter anderem verschiedene Versicherungen, individuell angepasste Tarife etwa aufgrund des erfassten Nutzerverhaltens (aktiver Lebensstil versus „Couch-Potato“) umzusetzen. Entsprechend angepasste Tarife, basierend auf den über Fertilitäts-Apps erfassten Daten, sind durchaus auch denkbar.

Der Datenschutz ist bei vielen Apps ungeklärt. Die Daten werden zwar häufig „in der Cloud“ gespeichert, aber oft nicht darüber aufgeklärt, wo diese verortet ist. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund sich international stark unterscheidender Datenschutzbestimmungen nicht akzeptabel.

Abfrage persönlicher Details

Zusätzlich erfragen einige Apps persönliche Details oder setzen einen persönlichen Account voraus, der für die (Online-)Anmeldung und Nutzung der App zwingend erforderlich ist. Im Idealfall werden die Daten zwar wirklich „nur“ online gespeichert und eventuell auf aktive Anforderung durch den Nutzer ausgewertet. Der Anbieter kann jedoch auch ein kommerzielles Interesse verfolgen; Gesundheitsdaten – im schlimmsten Fall verknüpft mit personenidentifizierenden Merkmalen – sind ein wertvolles Gut und könnten sich potenziell zu Marketingzwecken nutzen lassen (zum Beispiel je nach erfassten Daten Versand von Werbung zu Verhütungsmitteln oder Windeln …).

Bei einigen Applikationen stellt sich zudem die Frage, ob sie die Anforderungen des Medizinproduktegesetzes erfüllen müssen, zum Beispiel diejenigen, die ausdrücklich zur Verhütung eingesetzt werden sollen. Es ist zu diskutieren, ob Apps, die an die Einnahme von Kontrazeptiva erinnern, und Apps, die anhand von Angaben zum Zyklus die fruchtbaren Tage bestimmen, um anschließend Empfehlungen zum (verhütenden) sexuellen Enthalten auszusprechen, hierunter fallen. Den Autoren ist zumindest keine Fertilitäts-App bekannt, die eine CE-Kennzeichnung trägt und als Medizinprodukt in den Markt eingeführt wurde. Im professionellen (medizinischen) Kontext eingesetzt, sind diese Apps nicht ohne Haftungsrisiken (12, 13). Ärztliches Personal sollte aus Gründen der Haftungsprävention weder solche Apps am Patienten anwenden noch diese empfehlen (9).

Fazit: Fertilitäts-Apps eignen sich bestenfalls, um Interessierte allgemein über Themen, die mit der Fortpflanzung zu tun haben, zu informieren. Individuell können einige Apps die Zyklusdokumentation, ähnlich einem Tagebuch, unterstützen, doch wird es schwierig, wenn zusätzliche rechnerische und beratende Funktionen hinzukommen. Da eine Beurteilung der App-Qualität ohne tiefergehende Prüfung anhand standardisierter Kriterien (14) schlecht durch den Laien möglich ist, ist das Empfehlen oder „Verschreiben“ einer App von professioneller Seite derzeit keinesfalls zu empfehlen, denn im Falle des Versagens der Verhütung oder einer ausbleibenden Schwangerschaft kann dies unter Umständen haftungsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Dr. med. Urs-Vito Albrecht, MPH,
Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH)
albrecht.urs-vito@mh-hannover.de

RA Dr. iur. Oliver Pramann,
Kanzlei 34 Rechtsanwälte und Notare, Hannover

Dr. rer. biol. hum. Ute von Jan,
Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1515
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