ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2015Absturz von Germanwings-Flug 4U9525: Das Räderwerk der Katastrophenhilfe greift

POLITIK

Absturz von Germanwings-Flug 4U9525: Das Räderwerk der Katastrophenhilfe greift

Bühring, Petra; Korzilius, Heike

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Psychologen und Seelsorger bieten den Hinterbliebenen des Flugzeugunglücks Unterstützung an, Rechtsmediziner versuchen, so rasch wie möglich die Opfer zu identifizieren. Sie alle bewegen sich in Strukturen, die vor dem Hintergrund anderer „Großschadensereignisse“ gewachsen sind.

Am späten Vormittag des 21. März ist klar, dass Germanwings-Flug 4U9525 niemals in Düsseldorf ankommen wird. Familien und Freunde der 144 Passagiere warten vergeblich am Gate. Um deren Verzweiflung und Trauer über den Tod ihrer Lieben aufzufangen, ihnen dabei zu helfen, das Unbegreifliche zu fassen, greift der Flughafenbetreiber auf ein Netzwerk an Helfern zurück.

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Die Einsatzleitung für die psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) übernimmt an diesem Tag die leitende Notfallpsychologin der Stadt Düsseldorf, Dr. phil. Dipl.-Psych. Sabine Rau. Das sieht das PSNV-Konzept der Stadt bei Großschadensereignissen so vor. Alarmiert werden die Psychologische Psychotherapeutin, die beim Gesundheitsamt der Stadt angestellt ist, und ihr Team im Regelfall über die Feuerwehrleitstelle. Nach einem Erlass des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums Nordrhein-Westfalen hält die Psychotherapeutenkammer des Landes eine Liste von Psychotherapeuten bereit, die bei Katastrophen wie dieser für die psychosoziale Notfallversorgung zur Verfügung stehen, erklärt deren Referent, Dipl.-Psych. Johannes Klüsener. „Die Gesundheitsbehörden können sich im Fall der Fälle bei uns melden. Zurzeit stehen 14 Kollegen auf der Liste.“

Unmittelbar nach dem Absturz ging es vor allem darum, die Betroffenen zu informieren und ihnen „einen sicheren Raum für ihre Gefühle zur Verfügung zu stellen“, sagt Sabine Rau gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Die Betreuung sei sehr praxisnah. Nach der Akutphase könnten die Betroffenen bei Bedarf im Alltag unterstützt werden. „Am Anfang waren die in der psychosozialen Unterstützung geschulten Kräfte sicherlich austauschbar. Eine Woche nach dem Absturz brauchten manche Betroffene gerade die seelsorgerische oder psychologisch-psychotherapeutische Fachkompetenz. Sie wählen das für sie passende Angebot aus“, sagt Rau. Ihr fünfköpfiges Team besteht aus Psychologen und Einsatzkräften der Feuerwehr. Sie decken die Schnittstelle zwischen der akuten Intervention und der kassenärztlichen Versorgung ab, die einsetzt, wenn eine krankheitswertige Störung vorliegt. „Wenn jemand schon im Vorfeld des Unglücks belastet war und Hilfe braucht, vermitteln wir an Psychotherapeuten, die uns in solchen Fällen meist zeitnah Plätze anbieten“, sagt Rau.

Angehörige und Freunde von Passagieren und Crew, die nicht zum Flughafen kommen oder sich im Ausland befinden, werden von Beamten des Bundeskriminalamts und des Auswärtigen Amts ausfindig gemacht und über die Unterstützungsangebote der Koordinierungsstelle Nachsorge, Opfer- und Angehörigenhilfe (NOAH) des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn informiert. NOAH ist über die Krisenhotline des Auswärtigen Amtes (Telefon: 030 5000 3000) rund um die Uhr erreichbar. Das multiprofessionelle Team psychosozialer Fachkräfte bietet Beratung in allen Fragen, mit denen die Angehörigen sich konfrontiert sehen. Wünschen Anrufer persönliche psychosoziale Unterstützung, vermittelt NOAH diese an ein Netz aus Notfallseelsorgern, Notfallpsychologen und Kriseninterventionsteams.

Am Absturzort im französischen Seynes-les-Alpes stand den Angehörigen nach dem Unglück rund um die Uhr ein zehnköpfiges Team zur Verfügung, darunter Mitarbeiter des Krisen-Interventions-Teams (KIT) München. „Es ging vielen Betroffenen zunächst darum, das Unbegreifliche begreifbar gemacht zu bekommen“, sagte KIT-Helfer Martin Irlinger nach seinem Einsatz bei einer Pressekonferenz in München (Kasten). Manchmal habe es schon gereicht, ein Taschentuch zu geben.

Für die Hinterbliebenen hat die Tatsache, dass Copilot Andreas Lubitz das Flugzeug absichtlich zum Absturz brachte, nach Ansicht der Düsseldorfer Psychotherapeutin Rau etwas verändert: „Einen technischen Defekt kann man irgendwie verstehen. Aber die Fassungslosigkeit über diese Tat wird nie ganz vergehen“, ist sie überzeugt. Sie bezweifelt auch, dass sich das Motiv des 27-Jährigen jemals in Gänze aufklären lässt. Da könne man die Lebensgeschichte des Piloten noch so sehr analysieren und darüber diskutieren, wer, wann, wem etwas hätte mitteilen müssen.

Unzugängliches Gelände, schwierige Suche: Den Helfern gelang es dennoch, den zweiten Flugschreiber mit den technischen Daten zu bergen. Die Auswertung erhärtete den Verdacht, dass der Copilot den Airbus absichtlich abstürzen ließ.
Unzugängliches Gelände, schwierige Suche: Den Helfern gelang es dennoch, den zweiten Flugschreiber mit den technischen Daten zu bergen. Die Auswertung erhärtete den Verdacht, dass der Copilot den Airbus absichtlich abstürzen ließ.

Auch die Staatsanwaltschaft Düsseldorf räumte ein, dass sich bislang weder im persönlichen Umfeld von Lubitz noch an dessen Arbeitsplatz tragfähige Hinweise auf ein Tatmotiv ergeben hätten. Aus der Krankengeschichte lassen sich offenbar ebenfalls keine eindeutigen Schlüsse ziehen. Nach den Akten, die die Staatsanwaltschaft bislang ausgewertet hat, wies der Pilot keine organischen Erkrankungen auf. Er sei allerdings vor Jahren über einen längeren Zeitraum mit „vermerkter Suizidalität in psychotherapeutischer Behandlung“ gewesen. Bis zuletzt habe er Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie aufgesucht, ohne dass dabei allerdings Suizidalität oder Fremdaggressivität attestiert worden sei, heißt es in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft vom 30. März.

Dennoch haben die psychische Erkrankung des Piloten sowie die Tatsache, dass er am Tag des Unglücks eigentlich krank geschrieben war, Diskussionen über die Schweigepflicht von Ärzten und Psychotherapeuten ausgelöst. Mehrere Politiker forderten als Konsequenz aus der Katastrophe, bei Angehörigen von Risikoberufen die Schweigepflicht zu lockern und Auskunftspflichten gegenüber Behörden und Arbeitgebern auszuweiten.

Vor derartigen „politischen Schnellschüssen“ warnt der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery (siehe „3 Fragen an“). Die ärztliche Schweigepflicht sei die Vertrauensbasis, auf der sich ein Patient einem Arzt überhaupt nur öffnen könne, sagte er dem DÄ. Ähnlich äußerte sich der stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, Dipl.-Psych. Dieter Best. Nur wenn sich ein Patient sicher sein könne, dass er seinem Psychotherapeuten absolut vertrauen könne, könne er über alles, was ihn belaste, offen sprechen. Und nur dann könne ihm geholfen werden. Best wies wie Montgomery darauf hin, dass Ärzte und Psychotherapeuten schon heute ihre Schweigepflicht brechen können, wenn der Patient sich selbst oder Dritte erheblich gefährdet.

Am Absturzort in den französischen Alpen arbeiten Rechtsmediziner derweil mit Hochdruck daran, die 150 Opfer der Flugzeugkatastrophe zu identifizieren. Das Maß an Zerstörung, das der ungebremste Aufprall des Airbus verursachte, stellt sie dabei vor große Herausforderungen. Die schwierige Aufgabe der Ärzte und Kriminalbeamten läuft dabei nach internationalen Standards ab. „Es gibt bei solchen Ereignissen immer zwei Teams“, erklärt Prof. Dr. med. Markus Rothschild gegenüber dem DÄ. „Ein Ante-mortem- und ein Post-mortem-Team, die Hand in Hand arbeiten.“ Der Kölner Rechtsmediziner ist externes Mitglied der Identifizierungskommission des Bundeskriminalamts und hat bereits mehrfach Einsätze zur Identifizierung von Verstorbenen nach sogenannten Massenereignissen absolviert.

Aufgabe des Ante-mortem-Teams ist es, anhand der Passagierliste möglichst viele Informationen über die Opfer zusammenzutragen. In Deutschland suchen Beamte des Bundeskriminalamts – zum Teil begleitet von Notfallpsychologen – Familien und Freunde der Absturzopfer auf. Sie nehmen DNA-Proben, versuchen herauszufinden, wer der behandelnde Zahnarzt ist und ob es irgendwelche medizinischen Besonderheiten gibt. Die Teams gingen nach einem standardisierten Fragebogen vor, den alle über Interpol zusammengeschalteten Identifizierungskommissionen benutzten, erläutert Rothschild: „Man fragt beispielsweise danach, was der Vermisste anhatte, ob er eine besondere Uhr, eine Tätowierung oder eine Zahnspange trug.“ Die Daten werden gespeichert und später mit denen der Rechtsmediziner abgeglichen, die anhand desselben Fragebogens die sterblichen Überreste der Opfer untersuchen.

Hand in Hand arbeiten Rechts - mediziner und Polizeibeamte bei der Identifizierung der Opfer. Der ungebremste Aufprall des Airbus hat ein ungeheueres Maß an Zerstörung angerichtet. Fotos: picture alliance
Hand in Hand arbeiten Rechts - mediziner und Polizeibeamte bei der Identifizierung der Opfer. Der ungebremste Aufprall des Airbus hat ein ungeheueres Maß an Zerstörung angerichtet. Fotos: picture alliance

„Für viele Angehörige ist es extrem wichtig, dass in der Frühphase nach einem solchen Unglück Kontakt mit ihnen aufgenommen wird“, meint Rothschild. „Es macht zwar den Toten nicht wieder lebendig. Die Hinterbliebenen haben aber das Gefühl, es kümmert sich jemand, und sie können im Sinne des Verstorbenen an der Aufklärung mitarbeiten.“ Ebenso wichtig sei es, dass die Opfer identifiziert würden und man den Angehörigen einen Leichnam übergeben könne, den sie bestatten könnten – „damit es ein Grab gibt, einen Ort, an dem man trauern oder gedenken kann“.

Systematisch gehen die Helfer – immer in Begleitung eines Rechtsmediziners – auch bei der Bergung der Opfer vor. Jede Leiche und jedes Leichenteil werde samt der GPS-Koordinaten des Fundorts registriert und fotografiert, erläutert Rothschild. Das sei auch für die Rekonstruktion eines Ereignisses wichtig. Jedes Teil werde einzeln in einen Leichenbergesack verpackt und anschließend in der Rechtsmedizin untersucht: „Dort werden die Leichenteile erneut fotografiert, geröntgt und anhand des Interpol-Fragebogens detailliert beschrieben, und zwar von Kleidungsstücken über Preziosen bis hin zu körperlichen Befunden“, sagt Rothschild. Es folge die Obduktion, die neben der Todesursache weitere Identifizierungsanhalte ergeben könne. Zeitgleich erhebe ein Team von Zahnärzten, wenn möglich, den Zahnstatus. Von Leichenteilen werde ein genetischer Fingerabdruck erstellt. Mit dessen Hilfe könnten einzelne Teile auch wieder zusammengeführt werden. Nach Abschluss des Identifizierungsverfahrens würden den Angehörigen die sterblichen Überreste zur Bestattung übergeben. „Es ist eine schwierige ärztliche Aufgabe, aber es ist wichtig, dass man den Toten ihre Namen zurückgibt“, sagt Rothschild.

Petra Bühring, Heike Korzilius

Das Krisen-Interventions-Team München

Das Krisen-Interventions-Team (KIT) im Rettungsdienst München ist eine Einrichtung zur strukturierten, präklinischen Intervention bei akut psychisch belasteten Menschen und steht 24 Stunden am Tag zum Einsatz bereit. Seit 1994 arbeiten die ehrenamtlichen Helfer unter dem Dach des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) zusammen. Im Alltag sind die Helfer bei Hilfsorganisationen und Institutionen wie Feuerwehr, Bundeswehr oder Technischem Hilfswerk tätig.

Neben einem langjährigen rettungsdienstlichen Hintergrund müssen sich alle Helfer in einer zweijährigen Ausbildung an der KIT-Akademie München qualifiziert haben. Sie werden für die Kriseninterventionsgespräche unter anderem darin geschult, unaufdringlich zu sein, eine Orientierung zu ermöglichen, Ruhe zu schaffen, das Schweigen mitzutragen und Zeit mitzubringen. Mehr soll generell nicht geleistet werden, bei Bedarf werden die Betroffenen an psychosoziale oder medizinische Einrichtungen weitervermittelt.

Für die Einsätze werden die KIT-Helfer von ihren Arbeitgebern freigestellt; außerdem wird die Arbeit über Spenden finanziert.

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK)

Was hält die BÄK von Forderungen, die Schweigepflicht für Angehörige von Risikoberufen zu lockern?

Montgomery: Wir lehnen das ab, weil die Patienten das Vertrauen zu ihren Ärzten verlieren müssten. Man sollte vor allem nicht glauben, dass man suizidales Verhalten mit hundertprozentiger Sicherheit vorhersagen kann. Bilanzselbstmorde geschehen aus einem Affekt heraus und selbst Menschen, die sich in intensivster Psychotherapie befinden, begehen Suizid. Hier wird durch politische Schnellschüsse versucht, Pseudosicherheit zu schaffen.

Wann dürfen Ärzte ihre Schweigepflicht brechen?

Montgomery: Im Infektionsschutzgesetz sind zum Beispiel Erkrankungen verzeichnet, die meldepflichtig sind, samt Patientennamen. Oder wenn ein Berufskraftfahrer trotz Intervention des Arztes mit schwerer Alkoholsucht weiter seinen Lastwagen steuert. Es gibt klare gesetzliche Schutzpflichten für die Ärzte, aber sie sind immer mit einer hohen Schwelle versehen. Auch für den Germanwings-Piloten gilt: Wenn ein Arzt den Verdacht hatte, dass dieser womöglich einen erweiterten Suizid unter Nutzung eines Flugzeuges plante, hätte er heute schon das Recht gehabt, darüber die Zulassungsbehörden zu informieren.

Sollte die Öffentlichkeit über den Gesundheitszustand des Piloten informiert werden, wenn er als Tatmotiv taugt?

Montgomery: Das ist eine ganz schwierige Frage. Fest steht, dass die ärztliche Schweigepflicht ein Schutzinstrument für jeden Patienten ist. Auch dieser Mensch ist ja, obwohl er mutmaßlich Täter war, auch krank. Und die ärztliche Schweigepflicht gilt nicht umsonst über den Tod hinaus.

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