ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2015Absturz von Germanwings-Flug 4U9525: Das Stigma wurde verstärkt

EDITORIAL

Absturz von Germanwings-Flug 4U9525: Das Stigma wurde verstärkt

PP 14, Ausgabe April 2015, Seite 145

Bühring, Petra

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Der Absturz des Germanwings-Flugs 4U9525 hinterlässt Schmerz, Trauer und Fassungslosigkeit über die Dimensionen einer solchen Tat. Die Reaktionen vieler Medien auf die Erkenntnis, dass der Todes-Pilot an einer psychischen Erkrankung gelitten hat, aber waren frappierend. Auch seriöse Sendungen bildeten keine Ausnahme. So fragte beispielsweise der Moderator einer Talk-Show im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die einst depressiv erkrankte Mitbegründerin der Deutschen Depressionsliga, ob sie in Phasen, in denen sie an Suizid gedacht habe, auch andere Menschen hätte mit in den Tod nehmen wollen. Annette Weddy war öffentlichkeitserfahren genug, diese Frage gut zu parieren, doch die Kamera schwenkte in betroffene Gesichter im Publikum. Dieses Beispiel zeigt, wie schnell verschüttet geglaubte Ängste vor der Unberechenbarkeit psychisch Kranker geweckt werden können und wie mit ihnen gespielt wird.

In den vergangenen zwei Wochen nach der Katastrophe fand eine völlig übereilte spekulative Meinungsbildung zu psychischen Erkrankungen als Ursache für einen wahrscheinlich willentlich herbeigeführten Flugzeugabsturz statt. Wir wissen zwar inzwischen, dass der Copilot für den Todesflug eigentlich mit einer psychischen Diagnose krank geschrieben war und dass eine psychische Erkrankung sein Leben beeinträchtigt hat. Aber wir wissen nicht, ob das wirklich die Ursache für seinen Entschluss war, 150 Menschen in den Tod zu stürzen. Und so groß das Bedürfnis nach einer Antwort auf das Warum auch sein mag – wir werden es nie erfahren. Aber selbst wenn eine psychische Erkrankung seinen Entschluss beeinflusst hat, sollte man nicht verallgemeinern. Statistisch ist erwiesen, dass psychisch kranke Menschen nicht häufiger zu Gewalttaten neigen als Nicht-Kranke.

Schlimm an der öffentlichen – und leider von vielen Medien gelenkten – Diskussion der letzten Wochen ist, dass Vorurteile und Diskriminierung gegenüber psychisch Kranken sich vermutlich wieder auf lange Sicht verstärken werden. Nach den Attentaten auf die Politiker Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble konnte sogar wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass sich die Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber psychisch Kranken negativ verändert hat. Die stigmatisierende Wirkung der Berichterstattung über mögliche Gefahren durch psychisch Kranke wird noch verschärft durch die Forderungen von Politikern, die ärztliche Schweigepflicht für den Fall zu lockern, dass die Betroffenen Angehörige von Risikoberufen sind. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, erteilt solchen Forderungen eine klare Absage (siehe Seite A 650).

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Die vorurteilsschürende Diskussion wird dazu führen, dass sich die Erfolge der Anti-Stigmatisierungskampagnen der letzte Jahre wieder aufheben. Angst und Scham vieler psychisch Kranker, sich mit ihrer Krankheit zu offenbaren, könnten erneut verstärkt werden. Die Motivation, verfügbare und wirksame Therapiemethoden in Anspruch zu nehmen, könnte weiter sinken. Schon bisher nehmen weniger als 50 Prozent der an Depression Erkrankten professionelle Hilfe in Anspruch – auch wegen befürchteter Nachteile beim Arbeitgeber oder im Umfeld bei Bekanntwerden der Diagnose.

Statt mit den Ängsten vor vermeintlich unberechenbaren psychisch Kranken zu spielen und sie für höhere Auflagen oder Einschaltquoten zu nutzen, wäre eine sachlichere Debatte auch im Sinne der Aufklärung sinnvoll gewesen.

Petra Bühring
Politische Redakteurin

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