ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2015Bedarfsplanung: Unbefriedigende Verhältnisse

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Bedarfsplanung: Unbefriedigende Verhältnisse

Rieser, Sabine

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Auch dem jüngsten „Faktencheck“ der Bertelsmann Stiftung zufolge sind die Arztsitze in Deutschland nicht bedarfsgerecht verteilt. Die Stiftung fordert, eine angemessene Arzt-zu-Einwohner-Verhältniszahl zur Basis künftiger Planung zu machen.

Mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz haben wir die Weichen dafür gestellt, dass auch künftig eine flächendeckende wohnortnahe medizinische Versorgung in ganz Deutschland sichergestellt werden kann.“ Das versprach der damalige Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr (FDP) den Bundesbürgern kurz vor Weihnachten 2011. Doch die Bertelsmann Stiftung ist nach wie vor davon überzeugt, dass dieses Versprechen nicht eingelöst wurde – schon weil auch die neue Bedarfsplanung am Bedarf der Patienten vorbeigehe.

In die Stadt zur Behandlung

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„Die derzeitige Planung lässt den Menschen auf dem Land keine andere Wahl, als sich in der Stadt behandeln zu lassen“, kritisierte Dr. Stefan Etgeton, Senior Expert der Stiftung, anlässlich der Vorlage von Ergebnissen des jüngsten „Faktencheck Gesundheit“ zur Arztdichte in Deutschland. Diesen Analysen zufolge, die auf Auswertungen des Berliner IGES-Instituts beruhen, stimmt die Fachärztedichte in 75 Prozent der Kreise nicht mit dem Bedarf überein, das Stadt-Land-Gefälle in der Versorgung wird zementiert:

  • Die Hälfte aller niedergelassenen ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten praktiziert in Großstädten, obwohl dort nur ein Viertel der Bundesdeutschen lebt.
  • Ein Drittel der Praxen von Hals-Nasen-Ohren-Ärzten befindet sich in Großstädten. Die Bertelsmann Stiftung vermutet allerdings, dass „Umlandpatienten“ einen HNO-Termin in der Stadt eher akzeptieren dürften als einen Termin beim Haus-, Kinder- oder Augenarzt.
  • Für Nervenärzte bringt die neue Bedarfsplanung dem Check zufolge kaum eine Veränderung: Sie sieht für Großstädte einen Praxisanteil von rund 40 Prozent vor – für 25 Prozent der Bevölkerung. Allerdings fallen die Analysen von Region zu Region unterschiedlich aus.
  • Ähnlich verhält es sich bei den Orthopäden: Hier verteilen sich rund 35 Prozent der Praxissitze auf die Großstädte.

Was man wissen muss: Für den „Faktencheck“ wird die regionale Verteilung von Arztsitzen analysiert, nicht der wirkliche regionale Versorgungsbedarf. Wie ein Jahr zuvor hat IGES die regionalen Arztsitzplanungen auf Basis der Beschlüsse des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses mit eigenen Berechnungen zum relativen Versorgungsbedarf verglichen. In diese Daten des IGES sind daher auch morbiditätsbezogene und sozioökonomische Faktoren eingeflossen, also Arbeitslosenquote, Einkommensstruktur, Pflegebedarf.

Bundesrat will Korrektur

Die Bertelsmann Stiftung fordert, den Versorgungsbedarf für die einzelnen Facharztgruppen realistischer zu formulieren und bessere Verhältniszahlen Arzt-zu-Einwohner als entscheidenden Hebel der Planung einzusetzen. Darüber wird derzeit im Zusammenhang mit dem geplanten GKV-Versorgungsstärkungsgesetz diskutiert. So hat der Bundesrat verlangt, mit Hilfe von Studien zu realistischeren Bedarfszahlen zu gelangen. Die Bundesregierung hat zugesichert, dies zu prüfen (DÄ, Heft 11/2015).

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat die Forderungen, die die Stiftung bislang aus dem „Faktencheck“ ableitete, teilweise kritisiert. Zwar hat auch die KBV immer wieder die Mängel der Bedarfsplanung benannt, doch betonte KBV-Vorstand Dr. med. Andreas Gassen unlängst in einer Fernsehrunde, Unterversorgung sei nicht allein ein Problem ländlicher Regionen. Etgeton hatte bei der letzten „Faktencheck“-Präsentation erklärt, die besten Pläne nutzten nichts, wenn es keine Strategien zur Umsetzung gebe.

„Der Job des Landarztes muss für Nachwuchsmediziner attraktiver werden“, sagte er damals. Dabei gehe es um finanzielle Anreize wie auch um die Lebens- und Arbeitsbedingungen auf dem Land. Das findet auch die KBV.

Sabine Rieser

@Mehr Informationen zu den Daten: www.faktencheck-gesundheit.de

WIE VIELE ÄRZTE ARBEITEN WO?

Auch das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) checkt Fakten. Im Rahmen seines Projekts „Versorgungsatlas“ veröffentlicht das ZI schwerpunktmäßig Studien zu regionalen Unterschieden in der Versorgung.

Neu auf der Homepage ist seit Mitte März eine Übersicht über die bundesweite Verteilung der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten nach den Regeln der neuen Bedarfsplanung. Ein interaktives Tool ermöglicht es, rasch zu sehen, wie viele Ärzte unterschiedlicher Fachgruppen es in bestimmten Regionen je 100 000 Einwohner gibt. So lässt sich erkennen, wie hoch der formale Versorgungsgrad in einem bestimmten Bereich ist. Die Gruppe der fachärztlichen Internisten wird nach Gebieten aufgeschlüsselt.

Darüber hinaus kann man sich einen Überblick über die bundesweite Verteilung von Fachgruppen verschaffen, die mittlerweile gesondert ausgewiesen werden müssen, zum Beispiel Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Weitere Infos: www.versorgungsatlas.de

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