ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2015Sturzangst: Nur interdisziplinär behandelbar

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Sturzangst: Nur interdisziplinär behandelbar

PP 14, Ausgabe April 2015, Seite 170

Sonnenmoser, Marion

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Foto: picture alliance
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Die körperlichen Folgen schwerer Stürze bei hochbetagten Menschen sind gravierend. Hinzu kommt die Angst, erneut zu stürzen, die den Gang zusätzlich unsicher machen kann. Psychologisch-psychotherapeutische Behandlung kann helfen.

Die meisten Menschen möchten bis ins hohe Alter mobil und unabhängig bleiben. Im Laufe des natürlichen Alterungsprozesses wird die Fähigkeit, sich fortzubewegen, jedoch immer stärker eingeschränkt, beispielsweise durch den Rückgang der Beinmuskulatur oder durch Gelenkversteifungen, die mit Schmerzen und Stürzen einhergehen können. Etwa ein Drittel der über 65-Jährigen und etwa die Hälfte der Über-85-Jährigen stürzt ungefähr einmal pro Jahr. Pflegeheimbewohner haben ein erhöhtes Sturzrisiko, ebenso Frauen. Zehn bis zwanzig Prozent der Stürze gehen mit behandlungsbedürftigen Verletzungen einher. Fünf Prozent der Stürze führen zu Knochenbrüchen, und ein bis zwei Prozent zu Hüftfrakturen.

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Stürze mit schweren Folgen

Die Folgen schwerer Stürze sind gravierend: Etwa ein Drittel der Hochbetagten stirbt innerhalb eines Jahres nach stationärer Behandlung einer Hüftfraktur. Die Hälfte erlangt ihre ursprüngliche Beweglichkeit nicht mehr zurück, und zwanzig Prozent werden ständig pflegebedürftig. Aber auch bei weniger folgenschweren Stürzen sind die Heilungsprozesse oft langwierig, und das Selbstvertrauen erhält einen Dämpfer. Hinzu kommt die Angst, erneut zu stürzen (sogenannte Sturzangst oder Fallangst). Sie ist oft belastender als die Stürze selbst.

Sturzangst ist bei älteren Menschen weit verbreitet: Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 25 bis 50 Prozent aller Älteren mehr oder weniger stark unter Sturzangst leiden, und zwar unabhängig davon, ob sie schon einmal gestürzt sind. Frauen sind mehr betroffen als Männer, ebenso Hochbetagte und Personen, die schon einmal schwer gestürzt sind. Sturzangst wird aus Scham oft verschwiegen, und auch wenn sie nicht unmittelbar zu Stürzen führt, erhöht sie doch die Wahrscheinlichkeit zu stürzen. Wie kanadische und niederländische Psychologen um Thomas Hadjistavropoulos von der University of Regina, Kanada, herausgefunden haben, macht Angst den Gang unsicher, unabhängig von der körperlichen Verfassung. Darüber hinaus verkrampfen und versteifen sich Menschen, die sich ängstigen. Sie verlieren dadurch eher das Gleichgewicht und stürzen schwerer. Aus Sicht von Älteren unterscheiden sich manche Tätigkeiten von anderen aufgrund der Sturzgefahr: Fahrradfahren, aber auch Steigungen hinauf- oder hinunter zu gehen, Treppen zu steigen oder sich auf rutschigem oder unebenen Boden fortzubewegen werden gefürchtet.

Wie groß das Sturzrisiko einer Person ist, ergibt sich aus verschiedenen Faktoren (Kasten Risikofaktoren). Mit Hilfe dieser Faktoren lässt sich das ungefähre Sturzrisiko einschätzen, nicht aber das Ausmaß ihrer Sturzangst, da es sich hierbei um ein subjektives Gefährdungsgefühl handelt, das mit dem tatsächlichen Sturzrisiko oft nicht übereinstimmt. Zur Ermittlung der Sturzangst stehen wiederum verschiedene Instrumente zur Verfügung, von denen die Falls Efficacy Scale wahrscheinlich das gebräuchlichste ist (Kasten Messungsinstrument).

Personen mit Sturzangst schränken ihre Mobilität in den eigenen vier Wänden und am Wohnort nach und nach ein. Sie verzichten auf Dinge und geben Aktivitäten auf. Sie verkleinern ihren Aktionsradius immer mehr, nehmen immer seltener am sozialen Leben teil und haben zunehmend Probleme, ihren Alltag zu bewältigen. Dadurch isolieren sie sich und verlieren an Lebensqualität. Außerdem nimmt ihre physische Leistungsfähigkeit ab, und ihre Muskelkraft lässt nach. Infolgedessen erhöht sich ihr Sturzrisiko, sie stürzen häufiger und schwerer, und ihre Sturzangst wird noch größer. Mit der Zeit verlieren sie ihre Unabhängigkeit, verfallen geistig und körperlich zunehmend und werden vorzeitig pflegebedürftig. „Dieser Prozess wird oft begleitet von Depressionen, posttraumatischen Symptomen und Suizidabsichten“, berichten die kanadischen Psychiater Andrea Iaboni und Alastair Flint von der University of Toronto.

Teufelskreis durchbrechen

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, muss sowohl an der Sturzangst als auch an der körperlichen Verfassung angesetzt werden. Beides sollte Hand in Hand gehen und so eingeübt werden, dass sich die Betroffenen nach dem angeleiteten Training selbst behelfen können. Die Sturzangst lässt sich mithilfe psychologisch-psychotherapeutischer Verfahren angehen. Verfahren, die sich bei der Behandlung von Angststörungen als wirksam erwiesen haben wie etwa die kognitive Verhaltenstherapie, können bei Sturzangst gute Dienste leisten, zumal noch keine spezifische Sturzangstintervention entwickelt wurde. Methoden, die bei Sturzangst anwendet werden können, sind zum Beispiel kognitive Restrukturierung, Entkatastrophisieren und Expositionsverfahren, die mit Psychoedukation und Entspannungsverfahren kombiniert werden können. Sie dienen dazu, das Selbstvertrauen und die Selbstwirksamkeit der Betroffenen zu stärken und ihnen zu verdeutlichen, welche Kompetenzen sie (noch) besitzen und welche sie erhalten oder (wieder) aufbauen können. Es wird außerdem angestrebt, den Betroffenen das Gefühl von Kontrolle zu vermitteln, sie auf Stolpergefahren aufmerksam zu machen und ihnen Techniken des richtigen Fallens und Informationen über sicheres Fortbewegen an die Hand zu geben. „Riskantes Verhalten, das die Wahrscheinlichkeit zu fallen erhöht, wird identifiziert, und sichere Verhaltensweisen werden in entsprechenden Situationen geplant“, sagen die Psychologen Simon Forstmeier, Universität Siegen, und Andreas Maerker, Universität Zürich. Darüber hinaus ist eventuell eine Behandlung wegen depressiver und posttraumatischer Symptome indiziert.

Ergänzend zur psychologisch-psychotherapeutischen Behandlung werden Kraft- und Gleichgewichtsübungen durchgeführt, um Gang und Balance zu stabilisieren und ein gutes Körpergefühl zu entwickeln. Wenn möglich, sollte auch das Fallen geübt werden, zum Beispiel mit Assistenz auf weichen Matten, im Wasser oder abgesichert durch Haltevorrichtungen. Auf diese Weise können Sturzängstliche sich mit dem Vorgang des Fallens konfrontieren, die eigenen Körperreaktionen kennenlernen und das richtige Fallen und Wiederaufstehen einüben. In diesem Zusammenhang spielt auch die Aktivierung eine wichtige Rolle. Sie zielt darauf, dass die Betroffenen ihre Vermeidungshaltung aufgeben und körperliche und soziale Aktivitäten wieder aufnehmen, um sich aufgegebene Lebensbereiche zurückzuerobern.

Zusätzlich zu diesen Maßnahmen sollten verschiedene Faktoren individuell erfasst und abgestimmt werden. Beispielsweise sollte festgestellt werden, welche Medikamente eine Person mit Sturzangst nimmt; eventuell kann dann die Dosierung oder Zusammenstellung der Medikamente optimiert oder die Einnahme – vor allem von sturzbegünstigenden – Medikamenten reduziert werden. Zudem werden die körperlichen Voraussetzungen der Person erhoben und ein maßgeschneiderter Trainingsplan zum Aufbau von Beweglichkeit, Kraft und Balance entwickelt; in Anschluss an die Behandlung können bestimmte Sportarten wie Tai Chi oder Seniorensportgruppen zum langfristigen Erhalt der Bewegungsmotivation beitragen.

Interdisziplinäre Kooperation

Damit diese Maßnahmen Erfolg haben, sind ein multimodales Vorgehen und ein enges, interdisziplinäres Zusammenwirken verschiedener Berufsgruppen und anderer Personen notwendig, etwa von Ärzten, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten, Alten- und Krankenpflegern und Angehörigen. Darüber hinaus ist es unerlässlich, dass der Betroffene selbst motiviert ist, seine Sturzangst zu reduzieren, um einerseits das Sturzrisiko zu senken und andererseits noch lange von einer zufriedenstellenden Mobilität und Lebensqualität profitieren zu können.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Risikofaktoren

Personenbezogene Risikofaktoren:

Muskelschwäche der Beine, Arthrose in Knien und Hüfte, Gebrechlichkeit, Sturz in den letzten Monaten, Störungen der Balance und des Gangs, Einschränkungen von Sehen und Hören, Depression, Demenz, Delir, hohes Alter, Herz-Kreislauf-Probleme, Blutdruckschwankungen, Einnahme sturzbegünstigender Medikamente (vor allem Psychopharmaka, Diuretika, Antihypertensiva, Antiarrhythmika) sowie Einnahme von vier und mehr Medikamenten, schlechtes Schuhwerk, fehlende oder defekte Gehhilfen

Umgebungsbezogene Faktoren:

Stolperfallen (Türschwellen, lose Teppichkanten und Kabel), schlechte Beleuchtung, Treppen ohne Geländer, rutschige, wacklige oder unebene Böden, hohe Einstiege in Duschen und Wannen, steile Wege und Treppen, Mangel an Unterstützung und Beratung

Messungsinstrument

Die Sturzangst kann mit verschiedenen Instrumenten erfasst werden. Ein Instrument, das sich zur Diagnose und Selbstauskunft eignet, ist zum Beispiel die Falls Efficacy Scale – International Short Form (Short FES-I). Sie misst die Sturzangst indirekt, nämlich über die sturzassoziierte Selbstwirksamkeit. Die befragte Person gibt anhand einer vierstufigen Skala an, für wie kompetent sie sich hält, die 16 vorgegebenen Handlungen, die mit dem Risiko eines Sturzes verbunden sind, zu bewältigen. Ein Ergebnis von 16 Punkten bedeutet, dass die Person nicht unter Sturzangst leidet, während 64 erreichte Punkte auf ausgeprägte Sturzangst hindeuten.

1.
Forstmeier S, Maercker A: Psychotherapie im Alter. Psychotherapeutenjournal 2007; 4: 340–52.
2.
Hadjistavropoulos T, Carleton N, Barden J, et al.: The relationship of fear of falling and balance confidence with balance and dual tasking performance. Psychology and Aging 2012; 27(1): 1–13.
3.
Iaboni A, Flint A: The complex interplay of depression and falls in older adults. American Journal of Geriatric Psychiatry 2013; 21(5): 484–92.
4.
Jansenberger H: Sturzprävention in Therapie und Training. Stuttgart: Thieme 2011.
5.
Scholler I, Pott C, Fries W: Gehen und Fallangst. Neuroreha 2010; 1: 20–7.
6.
Schumacher J, Pientka L, Trampisch U, Moschny A, Hinrichs T, Thiem U: The prevalence of falls in adults aged 40 years or older in an urban, German population. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 2014; 47(2): 141–6.
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