ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2015Alte Menschen: Scheu vor Psychotherapie
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Nach meinen Erfahrungen aus über 30-jähriger Psychotherapiepraxis scheint ein Hindernis in der Tat zu sein, dass viele Ältere eine Psychotherapie aus unterschiedlichen Gründen scheuen. Ein Beispiel: In einem Altenheim in unserer Nachbarschaft bot ich an, ehrenamtlich Gespräche zu führen, unter anderem aus Dankbarkeit, da meine hochbetagte Mutter dort sehr liebevoll betreut worden war. Die Leiterin nahm dieses Angebot freudig entgegen. Ein einziges Mal wurde ich zu einem Gespräch mit einer 84-jährigen, depressiven Bewohnerin eingeladen. Sie war überglücklich über meinen Besuch und kaum in ihrem Redefluss zu stoppen. Ich bot ihr ein weiteres Gespräch an, auf das sie jedoch nicht mehr zurückkam. Wieso? Die Betreuerin berichtete mir, dass Frau W. empört reagiert habe, als sie erfuhr, dass ich Psychotherapeutin bin: „So was habe ich doch nicht nötig“! Seitdem wurden meine Angebote nicht mehr abgerufen.

Meiner Kenntnis nach gibt es auch die immer wieder behaupteten Versorgungsdefizite und lange Wartezeiten nicht. Ein negatives Altersbild der Therapeutinnen und Therapeuten – ein weiteres Standardargument in dieser Diskussion – liegt in der häufig beschworenen Form nicht vor, eher das Gegenteil ist der Fall, auch schon ohne die in dem Beitrag angeregte Aus- und Fortbildung. In meiner Praxis – und auch der meiner Kolleginnen und Kollegen – sind hochbetagte Patienten sehr willkommen, aber eher selten, leider, da es sich bei ihnen um ganz besonders interessante Personen und Lebensläufe handelt.

Gute Therapieerfolge werden mit Älteren und für Ältere dann erzielt, wenn sie bereit sind, sich ihre Nöte einzugestehen und sich aktiv auf die Behandlung einzulassen; dies gelingt im Übrigen bei und mit erfahrenen lebensälteren Therapeutinnen und Therapeuten besonders nachhaltig.

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Dipl.-Psych. Helga Rudinger, Psychologische Psychotherapeutin, 53115 Bonn

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