ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 2/2015Berufshaftpflichtversicherung für Ärzte: Warum der Schutz immer teurer wird

Supplement: PRAXiS

Berufshaftpflichtversicherung für Ärzte: Warum der Schutz immer teurer wird

Dtsch Arztebl 2015; 112(15): [18]

Gentz, Cordula

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Die auffällige Zurückhaltung der Versicherer beim Thema Berufshaftpflichtversicherung für Ärzte, die Prämienentwicklung und die Risikoablehnungen durch „Abwehrangebote“ zeigen, wie heikel und unsicher die Entwicklung in dieser Sparte ist.

Foto: Fotolia/Nomad Soul
Foto: Fotolia/Nomad Soul

Seit Jahren ist bei der Berufshaftpflichtversicherung für Ärztinnen und Ärzte ein eindeutiger Trend zu steigenden Prämien und einer sinkenden Anbieteranzahl zu verzeichnen. Als Gründe dafür werden seitens der Versicherer „keine ausreichende aktive Fehlerkultur in den Praxen/Kliniken“, „mangelndes Qualitätsmanagement“, „Veränderung des Klageverhaltens der Bürger“ und „steigende Gerichtskosten“ genannt.

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Inzwischen sind nicht nur die Ärzte in den risikoreichen Fachgebieten, wie zum Beispiel Gynäkologie mit Geburtshilfe, Chirurgie oder Anästhesie, von diesem Trend betroffen. Vielmehr wurden und werden die Versicherungsprämien in der ganzen Gruppe der Freien Berufe (etwa Ärzte, Ingenieure, Architekten, Steuerberater, Anwälte) mit einem erhöhten Vermögensschadenrisiko erheblich zulasten der Versicherungsnehmer angepasst.

Eine andere Reaktion der Versicherungsgesellschaften ist, bestimmte Berufsgruppen oder bestimmte Risiken gar nicht mehr zu versichern. So untersagt die Deutsche Ärzteversicherung seit 2009/2010 die Übernahme vom Neugeschäft für den Maklervertrieb von operativ tätigen Fachärzten, und die Zurich Versicherung trennte sich im Jahr 2010/11 von dem Geschäftszweig Berufshaftpflichtversicherung für Ingenieure und Architekten.

Das Prinzip der Risikoklassifikation

Übersicht über das versicherungstechnische Risiko
Übersicht über das versicherungstechnische Risiko
Abbildung 1
Übersicht über das versicherungstechnische Risiko

Die Risikoklassifikation ist in der Arzthaftpflichtversicherung mit ihren 32 offiziell anerkannten fachärztlichen Gebieten und den 56 Facharzt-und Schwerpunktkompetenzen mit unterschiedlich risikoreichen Tätigkeiten nicht einfach. Um ein optimales Kollektiv in der Praxis zusammenstellen zu können, werden Risikomerkmale, die signifikant für einen Verlust sind, abgefragt. So erkundigt sich ein qualifizierter Versicherungsmakler in einer ersten Risikoanalyse zum Beispiel nach folgenden Einflussfaktoren:

  • Handelt es sich um einen niedergelassenen Arzt, eine Praxisneugründung, eine Praxisübernahme, eine Praxisgemeinschaft oder eine Gemeinschaftspraxis?
  • Gibt es neben der Tätigkeit des niedergelassenen Arztes ambulant (konservativ oder operativ) oder stationär (Anzahl der Belegbetten oder Konsiliararzt) Leistungen?
  • Welche Status haben die Ärzte in der Praxis (ist er angestellt oder hat er angestellte Ärzte oder arbeitet er in freier Praxis)?
  • Werden kosmetische Eingriffe durchführt? Geht der Arzt außerdienstlichen Tätigkeiten nach? Besitzt der Arzt eine Privatliquidation (Nebentätigkeit)?

Mit statistisch-mathematischen Verfahren wie zum Beispiel der Clusteranalyse legen die Aktuare bei den Versicherern dann die „Risikomerkmale“ festgelegt. Diese Merkmale sind sehr wichtig, weil ein Zusammenschluss von homogenen Risiken zu einem guten Ausgleich im Kollektiv mit reduziertem Schwankungspotenzial führt. Problematisch könnte allerdings sein, dass bei insgesamt 357 252 berufstätigen Ärztinnen und Ärzten in Deutschland (Abbildung 2) und den wenigen qualifizierten Arzthaftpflichtversicherern das Kollektiv in einigen Berufsgruppen optimalerweise größer sein sollte, um den gewünschten Schwankungsausgleich im Kollektiv erzielen zu können.

Berufstätige Ärztinnen und Ärzte nach Berufsgruppen, Stand 31. Dezember 2013
Berufstätige Ärztinnen und Ärzte nach Berufsgruppen, Stand 31. Dezember 2013
Abbildung 2
Berufstätige Ärztinnen und Ärzte nach Berufsgruppen, Stand 31. Dezember 2013

Eine individuelle Risikoprüfung ist bei den quantitativen Eigenschaften notwendig, um die Höhe der Versicherungssumme und den Gefährdungsgrad herausfinden zu können. Dies führt für den Versicherer zu einem sehr aufwendigen und kostenintensiven Verfahren bereits vor der ersten Prämienzahlung eines potenziellen Versicherungsnehmers. Daher ist eine leistungsadäquate beziehungsweise risikogerechte Prämiengestaltung des Versicherers essenziell.

In der Arzthaftpflichtversicherung wird die Kalkulation der Nettorisikoprämie zusätzlich vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt, weil mittlerweile mit dem Eingang von erheblichen Großschäden gerechnet werden muss. Das ist anhand einschlägiger Gerichtsurteile belegbar. Aus der Sicht der Verteilungsgesetzmäßigkeit eines Vertrages hat ein Großschaden eine äußerst irritierende Wirkung, die nicht unterschätzt werden darf.

Unter die steigenden Aufwendungen in der Kategorie ab 500 000 Euro sind typischerweise die High-Risk-Bereiche wie zum Beispiel die Gynäkologen mit Geburtshilfe einzuordnen. Sie stellen für den Versicherer demnach ein deutlich größeres Problem dar als die verhältnismäßig kleinen Schäden unter 499 999 Euro, die zum Beispiel eher dem Facharzt der Allgemeinmedizin zugeordnet werden können (Abbildung 2).

Eine Long-Tail-Sparte

In der Arzthaftpflichtversicherung werden, im Vergleich zum Beispiel zur Kfz-Versicherung, besonders umfangreiche Schadenrückstellungen benötigt. Ein Grund dafür ist die Schadenart im Heilwesen an sich. In der Kfz-Versicherung lässt sich zum Beispiel der Blechschaden am Auto unmittelbar nach dem Unfall ermitteln. In der Arzthaftpflichtversicherung, bei der die Schäden hauptsächlich aus einer gesundheitlichen Beeinträchtigung bestehen, wird ein Schaden oft erst nach Jahren gemeldet. Die Bundesarbeitsgemeinschaft deutscher Kommunalversicherer (BADK) stellt detailliert dar, dass in 80 Prozent der Fälle, in denen Geburtsschäden vorliegen, nach dem Behandlungsfehler vier Jahre (Durchschnitt 2,5 Jahre) vergangen sind, bis er beim Erstversicherer gemeldet wurde. Laut BADK (2009) waren es beim spätesten Fall sogar 23 Jahre. Die Arzthaftpflichtversicherung zählt, wie die Haftpflichtversicherungen allgemein, deshalb auch zu den „Long-Tail-Sparten“.

Weitere Gründe für einen erhöhten Rückstellungsbedarf in der Arzthaftpflichtversicherung zeigen die folgenden drei Problemfelder, die sich grob den stetig weiterentwickelnden Teilbereichen Technologie, Politik/Rechtssprechung und Gesellschaft zuordnen lassen:

  • Emerging Risks, die im Medizinbereich hauptsächlich aus dem technischen Fortschritt entstehen.

Unter „Emerging Risks“ sind nicht erahnbare Erscheinungen zu verstehen, die sich in ihrer Art und Auswirkung gänzlich der traditionellen versicherungstechnischen Berechenbarkeit entziehen. Es werden mit diesem Begriff neue Risiken bezeichnet, deren Gefahrenausmaß aufgrund ihrer extremen Ungewissheit und Unsicherheit nicht eingeschätzt werden kann, woraus auch die Sorge der Versicherer resultiert. Trotz der noch breiten Abgrenzung der Emerging Risks sind vorwiegend folgende Branchen betroffen: die Biotechnik-, Chemie-, Medizin- und Pharmaziebranche. Ein mittlerweile diskutiertes Emerging Risk ist zum Beispiel die Fertilitätsmedizin, wozu auch das Social Freezing zählt. Hierbei sind Auswirkungen und zukünftige Schadenhöhen noch unsicher.

Trotz neuerer Ansätze, die Insolvenzgefahr für den Versicherer zu minimieren, zum Beispiel durch ein systematisches Früherkennungssystem, wird die gesetzlich angeordnete Rückstellungsbildung nicht reduziert. Im Hinblick auf die Ärztehaftpflichtversicherung ist bei den Emerging Risks zu beachten, dass sie nicht gleichmäßig in allen ärztlichen Fachrichtungen auftreten. So sind die Gynäkologen und Biomediziner besonders betroffen, die mit neuen Risiken in Berührung kommen. Anders sieht dies bezüglich des üblichen Tätigkeitsbereiches eines Allgemeinmediziners aus. Dieser ist in der Regel nicht von Emerging Risks betroffen.

  • Die gesetzlich vorgeschriebene Verjährungsfrist bei Behandlungsfehlern, die die „Nachhaftung“ prägt, ist den politisch-rechtlichen Entwicklungen unterworfen.

In Deutschland beträgt die gesetzliche Verjährungsfrist bei Personenschäden gemäß § 199 Abs. 2 BGB 30 Jahre. Diese hat einen immensen Einfluss auf die Rückstellungshöhe des Versicherers. Die Verjährungsfrist löst die „Nachhaftung“ des Versicherers aus. Im Bereich der Arzthaftpflicht können folglich auch noch pensionierte oder schon verstorbene Ärzte für einen schon weit in der Vergangenheit liegenden Behandlungsfehler zur Verantwortung gezogen werden.

  • Die „IBNR-Schäden“ (Incurred but not reported) beziehungsweise unbekannten Spätschäden sind am ehesten von gesellschaftlichen Entwicklungen abhängig.

Ein Spätschaden (IBNR) ist für die Versicherer die „Differenz zwischen der endgültigen Haftung und den ausgewiesenen Schadenreserven für gemeldete Schäden“. In der Praxis ist das ein Versicherungsfall, der beispielsweise nach sieben Jahren bemerkt und erst dann gemeldet wird. Gemäß der vereinbarten „Schadenergebnistheorie“ nach § 1 Nr. 1 AHB ist der Versicherer, der zu dem Zeitpunkt des Schadenereignisses dem Versicherungsnehmer Versicherungsschutz gewährte, immer noch leistungspflichtig.

Den Schutz anpassen

Ein weiterer Aspekt, der im Zusammenhang mit der Spätschadenthematik vollständigkeitshalber genannt werden sollte, ist die Inflation. In der Arzthaftpflichtversicherung ist die Inflation ausschlaggebend, weil der Faktor Zeit bei der bereits dargestellten langen Spanne zwischen Prämieneinnahmen und schlussendlicher Schadenregulierung einen erheblichen preissteigernden Effekt erzeugt.

Wichtig zu wissen ist noch, dass die Berufshaftpflichtversicherung gerade in der heutigen Zeit kein statisches Gebilde mehr ist. Einmal abgeschlossen und für immer gut abgesichert – gilt leider nicht mehr. Die Versicherung ist ein regelmäßig zu überprüfender Teil des eigenen Risk Managements – so, wie auch medizinische Vorsorgeuntersuchungen alle ein bis zwei Jahre durchgeführt werden.

Um den Überblick zu behalten, ist eine unabhängige Beratung und Unterstützung durch einen qualifizierten Versicherungsmakler, der die wichtigen Klauseln mit dem Versicherer verhandelt, sinnvoll. Jeder Versicherungsvertrag deckt ein spezielles Gebiet ab, hat aber auch klar definierte Ausschlüsse. Diese Ausschlüsse stehen im Kleingedruckten und sollten, aufgrund der kleinen aber feinen Unterschiede bei den unterschiedlichen Versicherern, vorab durch einen Versicherungsmakler geprüft worden sein.

Die auffällige Zurückhaltung der Versicherer bei dem Thema Berufshaftpflichtversicherung für Ärzte, Prämien und Risikoablehnungen durch „Abwehrangebote“ verdeutlicht, wie heikel und weiterhin unsicher die Entwicklung in dieser Sparte ist.

Wie aber entwickelt sich der Markt weiter? Empfehlungen im Hinblick auf die Geschäftspolitik einzelner Versicherer wären derzeit reine Spekulation. In den nächsten Jahren wird mit weiteren Versuchen zu rechnen sein, die Sparte Arzthaftpflicht wirtschaftlicher zu gestalten. Ärzte sollten sich daher einen unabhängigen Überblick verschaffen, zum Beispiel durch Einschaltung eines Versicherungsmaklers. Dieser würde überzogenen Forderungen der Gesellschaften im Interesse seiner Kunden entgegentreten und für Betroffene Alternativen zur Annahme von „Sanierungsangeboten“ prüfen.

Eins scheint aber klar zu sein: Auf dem engen Markt mit sechs bis sieben qualifizierten Anbietern wird es künftig nicht mehr für jedes risikoträchtige Fachgebiet günstigen Versicherungsschutz geben.

Dipl.-Kauffrau Cordula Gentz

Pisa & Co. Spezialversicherungsmakler im Gesundheitswesen GmbH, Schondorf am Ammersee

Worauf zu achten ist

Eine Berufshaftpflichtversicherung müssen alle Ärztinnen und Ärzte gemäß § 21 der (Muster)-Berufsordnung für Ärzte in einer angemessenen Höhe abschließen. Die steigenden Schadenquoten und die vermehrten Anspruchserhebungen, die die Haftpflichtversicherer übernehmen müssen, sind Realitäten. Die „angemessene“ Höhe der Deckungssummen bei einem Chirurgen, der zum Beispiel als Belegarzt tätig ist und Tausende Operationen im Jahr durchführt, muss anders ausfallen als bei einem konservativ tätigen HNO-Arzt.

Wichtige Eckpunkte, auf die man bei einer Berufshaftpflichtversicherung achten sollte:

  • Mindestens drei bis fünf Millionen Euro Deckungssumme für Personen- und Sachschäden sowie 100 000 bis 250 000 Euro für Vermögensschäden (unter individueller Berücksichtigung des genauen Fachbereiches, der angebotenen Leistungen und der Anzahl der angestellten Ärzte sowie Mitarbeiter)
  • Mindestens Zweifachmaximierung der Deckungssummen, das heißt pro Jahr steht für alle gemeldeten Schäden das Zweifache als Höchstleistung zur Verfügung
  • Genaue Auflistung und Angaben zum Umfang des Tätigkeitsspektrums in der Police
  • Versicherungsschutz weltweit
  • Aufgrund der deliktischen Haftung ist besonders bei Berufsaufgabe die Klausel mit einer mindestens 30-jährigen Nachhaftung wichtig.
  • Einschluss des „erweiterten Strafrechtsschutzes“. Hier sind Kosten des Strafverfahrens versichert, wenn ein geltender Haftpflichtanspruch Grund des Verfahrens ist.
  • Versicherungsschutz für die Verwendung von Strahlenapparaten und technischen Medizingeräten, insbesondere Röntgenapparaten und Lasergeräten
  • Versicherungsschutz für Geburten bei Erster Hilfe
  • Unterhaltsklausel für Ansprüche wegen ungewollter Schwangerschaft oder wegen unterbliebenem Schwangerschaftsabbruch
  • Mitversicherung der Praxisvertreter und der angestellten Fachärzte
Übersicht über das versicherungstechnische Risiko
Übersicht über das versicherungstechnische Risiko
Abbildung 1
Übersicht über das versicherungstechnische Risiko
Berufstätige Ärztinnen und Ärzte nach Berufsgruppen, Stand 31. Dezember 2013
Berufstätige Ärztinnen und Ärzte nach Berufsgruppen, Stand 31. Dezember 2013
Abbildung 2
Berufstätige Ärztinnen und Ärzte nach Berufsgruppen, Stand 31. Dezember 2013

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