ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1999Vorbereitung von Auslandseinsätzen: Helfen wollen reicht nicht aus

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Vorbereitung von Auslandseinsätzen: Helfen wollen reicht nicht aus

Sagebiel, Daniel

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LNSLNS Die Bereitschaft von Ärzten, sich in der humanitären Hilfe zu engagieren, wächst. Bei der Vielzahl von Hilfsorganisationen ist das "Wie und Wo" häufig ein Problem.
Mehr und mehr Ärzte in Deutschland sind daran interessiert, mit einer Nothilfeorganisation oder einer Organisation der Entwicklungszusammenarbeit in Ländern der "dritten Welt" zu arbeiten. Sie stehen vor vielen Fragen: Welche Einsatzmöglichkeiten und Hilfsorganisationen gibt es? Welche Anforderungen werden gestellt? Oder grundsätzlich: Was ist humanitäre Hilfe? Sie ist als zeitlich begrenzte, reaktive Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates gedacht, um akute Not zu lindern.
Bei der Bewältigung natürlicher Katastrophen kann die Illusion aufrechterhalten werden, humanitäre Hilfe bewege sich im politischen Niemandsland der Barmherzigkeit. Bei politisch-militärischen Krisen muß sie auch während bewaffneter Auseinandersetzungen geleistet werden, noch bevor politische Lösungen gefunden sind. Der Autor Horand Knaup ("Hilfe, die Helfer kommen") vertritt die These, humanitäre Hilfe lasse sich von der Politik instrumentalisieren und als Deckmäntelchen für deren Versagen mißbrauchen, sie ergreife Partei, anstatt neutral zu sein, stütze bestehende Machtsysteme, verlängere Kriege und zerstöre gewachsene Strukturen.
Wer im Rahmen eines medizinischen Hilfseinsatzes tätig werden will, muß sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Hilfsprojekte und der eigenen Persönlichkeit auseinandersetzen. Viele Ärzte wollen eine Medizin ausüben, die den Menschen in den Vordergrund stellt. Eine Medizin, in der die fünf Sinne noch ihren Wert haben und in der mit einfachen technischen Mitteln gezielt diagnostiziert und behandelt wird. Sie möchten dort helfen, wo sie am nötigsten gebraucht werden, zum Ausgleich der Ungerechtigkeiten zwischen Nord und Süd beitragen, Hilfe zur Selbsthilfe geben oder mit ihren Kenntnissen zum Strukturaufbau beitragen.
Abenteuerlust und Fernweh sowie die Herausforderung, sich unter schwierigen Bedingungen zu bewähren, sind tiefgründende Antriebe. Manche sind auch einer langjährigen Routine überdrüssig und möchten noch einmal beruflich "etwas erleben". Die Flucht vor persönlichen Problemen, zunehmend auch Arbeitslosigkeit, sind weitere Motive.
Tragfähige Motive
Entscheidend für das Gelingen einer Auslandstätigkeit sind die individuelle Belastbarkeit und die Tragfähigkeit der Motivation. Sie müssen über Mißerfolge, Enttäuschungen und Heimweh hinweghelfen. Die beste Voraussetzung bietet eine gesunde Mischung der Motive.
Nothilfeeinsätze in der humanitären Hilfe erfordern eine ärztliche Tätigkeit in Krisengebieten, in denen Menschen durch Kriege, Naturkatastrophen oder den Zusammenbruch von Gesellschaftsstrukturen akut in Not geraten sind. Wichtig ist dort schnelle personelle und materielle Hilfe, um zerstörte Versorgungsstrukturen wieder aufzubauen. Die Arbeit liegt überwiegend im medizinischen und sozialen Bereich unter Einbeziehung von lokalen Strukturen und Personal.
Die langfristigen Projekte der Entwicklungszusammenarbeit knüpfen an, wo Not- und Katastrophenhilfe enden - die Übergänge sind fließend. Basisgesundheitsdienste zur Verbesserung der Strukturen im Gesundheitswesen werden unterstützt und aufgebaut. Neben der Behandlung akuter Krankheiten geht es unter anderem um Prävention, Gesundheitsaufklärung, Verbesserung von Hygiene, Ernährung und Unterkünften. Qualifiziertes Personal wird lehrend und beratend zur Unterstützung einheimischer Programme entsendet.
Die verschiedenen Hilfsorganisationen bieten je nach Einsatzwunsch und Qualifikation unterschiedliche Arbeitsplätze an. Der Arzt sollte sich also entscheiden, in welchem Bereich, Nothilfe oder Entwicklungszusammenarbeit, und in welcher Funktion er tätig werden möchte: als medizinisch tätiger Arzt, Berater, Gutachter oder medizinischer Koordinator.
Das Grundanforderungsprofil aller Organisationen ist eine mehrjährige, mindestens zweijährige Berufserfahrung, eine Facharztweiterbildung ist empfehlenswert. Hilfreich sind Erfahrungen in Chirurgie, Geburtshilfe und Gynäkologie. Gerade in den Langzeitprogrammen sollte der Arzt in der Lage sein, selbständig einen Kaiserschnitt, eine abdominale Hysterektomie oder eine Appendektomie durchzuführen, da er oft als einziger Arzt einen Distrikt versorgt. Gute internistische und pädiatrische Kenntnisse sind von Vorteil. Diese hohen Anforderungen sollten nicht abschrecken. Im Rahmen verschiedener Programme werden auch Ophthalmologen, Orthopäden, Zahnärzte oder Psychiater benötigt.
Fachwissen vermitteln
Interessierten Ärzten sollte bewußt sein, daß sie überwiegend einheimischen Ärzten und Pflegepersonal Fachwissen vermitteln sollen. Dazu reicht ein abgeschlossenes AiP oft nicht aus. Weitere Voraussetzung ist, daß man zumindest Englisch oder Französisch spricht. Tropenmedizinische Erfahrungen sind wünschenswert. Verschiedene Organisationen verlangen Kenntnisse etwa in Public Health oder Auslandserfahrung.
Neben dem fachlichen Wissen sind auch menschliche Fähigkeiten gefordert: Teamfähigkeit, gute physische und psychische Konstitution, Organisationstalent, hohe Belastbarkeit, Einfühlungsvermögen, Aufgeschlossenheit und Respekt gegenüber fremden Kulturen sowie Anpassungsfähigkeit an schwierige Situationen.
Den ersten Kontakt zu einer Hilfsorganisation knüpft der Arzt meist durch ein persönliches Gespräch oder eine schriftliche Bewerbung mit kurzem Lebenslauf. Die Hilfsorganisationen klären dann, ob er sich für eine Entsendung eignet. Er wird in die Personaldatei aufgenommen und intern auf einen möglichen Einsatz vorbereitet. Bei Bedarf wird ein Arzt aus der Personaldatei ausgewählt und, sofern verfügbar, ins Ausland entsandt. Diese Vorgehensweise erfolgt in der Regel für Kurzzeiteinsätze.
Bei Langzeitprojekten werden die Ärzte gezielt auf das Partnerland vorbereitet. Diese zwei- bis dreimonatige Vorbereitung beinhaltet Landeskunde, einen Sprachkurs, die Vorbereitung auf den Arbeitsplatz sowie den Kurs "Medizin in Entwicklungsländern", der aus einem allgemeinen Teil und einem Teil über Tropenkrankheiten besteht.
Jeder an einem Auslandseinsatz interessierte Arzt sollte frühzeitig eigene Vorbereitungen treffen. Eine Teilnahme an Tropenkursen ist dringend zu empfehlen. Das international anerkannte Diplom der Tropenmedizin oder der Tropenmedizin und Hygiene dauert 12 Wochen und wird in Europa von 23 Instituten angeboten. Viele Universitäten bieten eine Weiterbildung zum "Master of Public Health" an. Die deutschen Aufbaustudiengänge dauern meist zwei Jahre und können berufsbegleitend absolviert werden. International dauert das Postgraduierten-Studium als Vollzeitstudium in der Regel ein Jahr. Diese Zusatzausbildung qualifiziert für eine Evaluations-, Beratungs- oder Managementtätigkeit im Ausland. Ein einjähriges Aufbaustudium "Humanitäre Hilfe" bietet die Ruhr-Universität in Bochum an.
Der Zeitrahmen eines Hilfseinsatzes ist abhängig von der Art des Projektes: Mit wenigen Ausnahmen läßt sich sagen, daß die Einsätze bei Projekten der Entwicklungszusammenarbeit ein bis drei Jahre, die Einsätze im Bereich der Nothilfe zwischen drei und 12 Monaten dauern. Kurzzeiteinsätze erfolgen oft auf ehrenamtlicher Basis. Die Hilfsorganisationen übernehmen Aufwandsentschädigungen, Reise- und Versicherungskosten sowie Kosten für Verpflegung und Unterkunft im Partnerland. In Langzeitprogrammen erhält der Arzt in der Regel einen Arbeitsvertrag mit einer Vergütung in Anlehnung an den Bundesangestelltentarif.
Für Auslandseinsätze am besten geeignet ist ein Allroundtalent: Besonnen, erfahren, für die speziellen Erfordernisse ausgebildet, mit einem Schuß kalkulierter Risikobereitschaft und Abenteuerlust sowie mit einer Portion Altruismus ausgestattet - und sofort einsatzbereit! Aber: Je komplexer das Anforderungsprofil, desto älter der Kandidat, desto häufiger die Einbindung in Strukturen, familiäre Bande oder berufliche Zwänge, die einem spontanen oder zeitlich unbegrenzten Einsatz entgegenstehen. Im konkreten Fall gehen die Hilfsorganisationen deshalb meist pragmatisch vor.
Das Auslandsbüro der Ärztekammer Berlin unterhält eine Datenbank, die derzeit 1 500 Ärzte verzeichnet, die für einen Auslandseinsatz zur Verfügung stehen. Künftig will sich das Büro verstärkt um eine Erleichterung solcher Einsätze für Ärzte bemühen. Probleme bestehen bei der Freistellung, der Arbeitsplatzsicherung und der Anrechenbarkeit auf die Weiterbildung. Im Rahmen eines Qualifizierungsmodells setzt sich das Büro für die Entwicklung ein- bis zweiwöchiger Module ein, die auf die speziellen Probleme einer Arbeit im Ausland vorbereiten sollen.
Adressenliste der Hilfsorganisationen und Informationen: Auslandsbüro der Ärztekammer Berlin, Flottenstraße 28-42, 13407 Berlin. Der 3. Kongreß "Theorie und Praxis der humanitären Hilfe" findet vom 15. bis 17. Oktober in Berlin statt. Daniel Sagebiel


Einsatzbeispiele
1 Entwicklungszusammenarbeit in einem Basisgesundheitsdienst/Distriktkrankenhaus, Einsatzzeit ein bis drei Jahre oder je nach Aufgabe
1 Management und Koordination von Flüchtlingslagern, Einsatzzeit drei bis 12 Monate
1 Einsätze in Krankenhäusern oder Einrichtungen in Katastrophengebieten, Einsatzzeit drei bis sechs Monate
1 Surgical Field Hospitals: chirurgische, orthopädische, traumatologische oder anästhesiologische Tätigkeit, Einsatzzeit ab einem Monat, besser drei bis sechs Monate
1 Kurzzeiteinsätze in Katastrophengebieten, Einsatzzeit eine bis sechs Wochen
1 Beratung, Ausbildung und Training, Einsatzzeit Wochen oder Monate
1 Medizinische Koordination oder Gutachtertätigkeit in Hilfsprojekten, Einsatzzeit je nach Bedarf

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