SEITE EINS

ZI-Versorgungsbericht: Warnung vor Aufkauf von Arztsitzen

Dtsch Arztebl 2015; 112(16): A-695 / B-591 / C-571

Maibach-Nagel, Egbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Laut Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) kommen im Bundesdurchschnitt etwa 60 Hausärzte auf 100 000 Einwohner. Das entspricht in etwa der Verhältniszahl, die Anfang der neunziger Jahre festgelegt wurde: Danach soll ein Hausarzt 1 671 Einwohner versorgen.

Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Die Versorgungsforscher des ZI haben die Haus- und Facharztsitze in Deutschland bis auf Regionen heruntergebrochen quantifiziert und geprüft – und warnen jetzt ausdrücklich vor den Folgen der im Versorgungsstärkungsgesetz vorgesehenen Zwangsaufkäufe von Arztsitzen ab einem Versorgungsgrad von mehr als 110 Prozent.

Anzeige

Die nüchtern erhobenen Zahlen, die der Versorgungsatlas des ZI ausweist, beschreiben als „worst case“ etwas, das einzelne Politiker als überzogene Horrorvision abtun: Rund 25 000 Vertragsarzt- und Psychotherapeutensitze müssten die KVen nach den Vorgaben des Gesetzgebers aufkaufen, wenn die Zulassungsausschüsse keine Ausnahmen genehmigen. Bereits in den nächsten zwei Jahre müssten rund 10 000 Praxen aus der Versorgung herausgekauft werden. Ein Viertel der berufstätigen Vertragsärzte und -psychotherapeuten ist heute über 60 Jahre alt. Nahe liegt die Frage, wer diesen Aufkauf in den nächsten Jahren überhaupt bezahlen kann.

Im Detail, das die Karten des ZI-Versorgungsatlas bieten, zeigt sich ein sehr differenziertes Bild. Wo in der Fläche Überversorgung ausgewiesen wird, beispielsweise in größeren Orten, zeigt die genauere Betrachtung, dass hohe Ärztedichte in der Stadt oft der Mitversorgung des unterversorgten Umlandes geschuldet ist. Ein weiteres Manko: Die fachärztliche Bedarfsplanung beispielsweise von Internisten unterscheidet in den Maßzahlen nicht zwangsläufig zwischen Fachgebieten wie Diabetologie, Gastroenterologie oder Kardiologie.

Ohnehin hat sich die medizinische Versorgung in den letzten 25 Jahren weiterentwickelt, sie kann mehr als im vergangenen Jahrhundert. Und nicht zuletzt: Wir Deutschen werden im Durchschnitt älter, auch das schlägt sich im Versorgungsbedarf nieder. All das lässt sich ausweisen. Aber mehr als nur das: Um tatsächlich eine Über- oder Unterversorgung nachweisen zu können, muss aus Sicht der Forschung auch die Morbiditäts- und Sozialstruktur berücksichtigt werden.

Gleiches gelte für die Arbeitsteilung zwischen ambulanter und stationärer Versorgungsstruktur, weiß das ZI. Ergo: Der ausgewiesene Versorgungsgrad ist kein aussagekräftiger Faktor, um allein eine Über- oder Unterversorgung zu belegen. Gilt der Versorgungsgrad als alleiniger Faktor, sei rein rechnerisch die Hälfte aller fachinternistischen Arztsitze bei Übergabe in Frage zu stellen. Das sind für die medizinische Versorgung Deutschlands alles andere als „Peanuts“.

Zu hoffen bleibt, dass der Gesetzgeber in der Bedarfsplanung der von bisher „können“ auf künftig „sollen“ ausgerichteten Aufkaufregelung ausreichenden Freiraum lässt, den eine ortsspezifisch angemessene Versorgung braucht. Fachliche Flexibilität ist das, was Zulassungsausschüsse benötigen, um Versorgung sinnvoll zu gestalten.

Eingefrorene Verhältniszahlen und zementierte Prozentregelungen aus dem vergangenen Jahrhundert sind, das zeigen die Daten des ZI, keine ausreichende Maßgabe für eine bedarfsgerechte medizinische Versorgung.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Staphylococcus rex
am Montag, 20. April 2015, 00:36

Nennt das Kind bei seinem Namen!

All das, was hier unter dem Begriff Bedarfsplanung verkauft wird, ist nichts weiter als eine Rationierung des ärztlichen Arbeitskraft. Eine Priorisierung oder die Rationierung medizinischer Dienstleistungen sind derzeit nicht opportun und würden bei der nächsten Wahl abgestraft werden. Also versucht man Geld zu sparen, indem man das Angebot an ärztlicher Dienstleistung künstlich und vorsätzlich verknappt.

Und all das was in diesem Artikel an Statistik bemüht wird, sind doch nur Surrogatmarker des wirklichen Bedarfs und in Wirklichkeit ein Feigenblatt zur Verschleierung einer versteckten Rationierung. Die ganze Rhetorik erinnert doch sehr an die Planwirtschaft in der DDR, und bekanntermaßen war es nicht Aufgabe der Planwirtschaft den Bedarf zu decken sondern den Mangel zu verschleiern.
Practicus
am Samstag, 18. April 2015, 23:31

Das hat doch nichts mit dem Bedarf zu tun

Der "Versorgungsgrad" hat doch mit dem realen Bedarf nichts zu tun. "100%" Versorgung entspricht der vorhandenen Zahl an Ärzten an einem willkürlich gewählten Stichtag!
Demografische Entwicklung und Morbidität haben diese Zahlen längst zu Makulatur werden lassen, dennoch werden sie immer noch als Grundlage von lediglich sogenannten "Bedarfsplanungen" verwendet.
Wer macht denn endlich mal vernünftige Versorgungsforschung und ermittelt den realen Bedarf an ärztlicher Leistung - oder hat den Mut, die notwendige Begrenzung der Leistungsansprüche poltisch zu vertreten.
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 17. April 2015, 13:20

110 Prozent als Überversorgung absurd!

Bei allem Respekt vor der mühevollen Kleinarbeit, mit der das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) einen aktuellen Versorgungsatlas erstellt hat: Die betriebswirtschaftliche Planungs-Hypothese, ab einem Wert von 110 Prozent in einem Planungsbezirk sei eine Überversorgung gegeben, ist völlig abwegig.

Mit dieser 110-Prozent-These wäre jede produzierende Firma nach betriebswirtschaftlichen Regeln funktionsunfähig, weil sie innerhalb eines Rechnungsjahres ihre Aufträge wegen Urlaub, Krankheit, Fortbildung und tariflichen Arbeitsbefreiungen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gar nicht vollständig erfüllen könnte.

Auch selbstständige Hausärzte/-innen, um die es dem ZI hier geht, machen zusätzliche Nacht- und Bereitschaftsdienste, Urlaub, müssen sich pflichtgemäß regelmäßig fortbilden, werden auch mal krank, ziehen um, heiraten, kriegen Kinder, gehen in Mutterschutz, müssen zu Beerdigungen, zum Steuerberater, zum Finanzamt, zur MEDICA, zur Autowerkstatt und nicht zuletzt zum jährlich stattfindenden Deutschen Ärztetag..

Für das laufende Jahr werden je nach Bundesland zwischen 252 und 254 (253) Arbeitstage bei einer 5-Tage-Woche berechnet (http://www.schnelle-online.info/Arbeitstage/Anzahl-Arbeitstage-2015.html). Zieht man davon 25 Arbeitstage für einen u n t e r tariflichen Erholungsurlaub der überwiegend überalterten Haus- und Vertragsärzteschaft ab; dazu 10 Tage für Fortbildungen; 5 Tage für Nacht-, Not- und Bereitschaftsdienste; weitere 5 Tage anteilig für Krankheit, Kinder kriegen, Mutterschutz und REHA, kommt man auf nur noch 208 Arbeitstage pro Jahr.

Damit wird belegt, dass allein ab einem Versorgungsgrad von 122 Prozent aufwärts erst die notwendigen 100 Prozent Versorgungsleistungen erbracht werden können: Denn es müssen plan- und vorhersehbare Versorgungs-Ausfälle durch Erholungsurlaub, Fortbildungen, Nacht-, Not- und Bereitschaftsdienste, Krankheit, Kinder, Mutterschutz und REHA berücksichtigt werden.

Alles andere wäre betriebswirtschaftlich gesehen eine Milchmädchenrechnung.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige