SUPPLEMENT: Perspektiven der Diabetologie

Datenmanagement: Anschließen und los?

Dtsch Arztebl 2015; 112(17): [27]; DOI: 10.3238/PersDia.2015.04.24.07

Schubert, Oliver

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Den Diabetespatienten stehen unterschiedliche Systeme für das Datenmanagement im Alltag zur Verfügung. Die (subjektive) Einschätzung eines behandelnden Arztes.

Bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes ist ein gut funktionierendes Datenmanagement im Alltag das A und O. Es dient zum Verstehen des Stoffwechsels sowie Erkennen von Handlungs- und Einstellungsfehlern sowie der Kommunikation zwischen Behandlern und Patienten über Stoffwechselverläufe. Zunehmend ist auch die Dokumentation im Rahmen von Anträgen – zum Beispiel im Hinblick auf Schwerbehinderung oder Insulinpumpen – notwendig.

Das Angebot der Datenerfassung geht heutzutage weit über handschriftliche Tagebücher hinaus. Moderne Geräte und Apps für das Smartphone dokumentieren Blutzuckerwerte digital und übermitteln diese teilweise auch an den PC. Aufgrund der Fülle der angebotenen Programme ist eine vollständige Darstellung an dieser Stelle natürlich nicht möglich.

Anzeige

Das digitale Datenmanagement hat verschiedene Vorzüge:

  • Der Patient soll durch vereinfachte Eingabemöglichkeiten animiert werden, eine komplette Dokumentation zu erstellen.
  • Dazu sollte die Kommunikation zwischen dem Patienten und der behandelnden Person erleichtert und verbessert werden, auch über eine größere Distanz, zum Beispiel während Geschäftsreisen.
  • Im Vergleich zum „alten Tagebuch“ mit eindimensionaler Ansicht bietet das digitale Datenmanagement eine mehrdimensionale Interpretationsansicht. Statistiken können per Knopfdruck erstellt werden, Verläufe werden grafisch aufbereitet und sind somit leichter verständlich.
Darstellung in der Ansicht des klassischen Tagebuches. Quelle: SiDiary
Plan 1
Darstellung in der Ansicht des klassischen Tagebuches. Quelle: SiDiary

Aus Sicht des Patienten . . .

. . . gibt es eine Vielzahl an Programmen. Derzeit sind Apps auf Smartphones eine gute und leichte Alternative, die Daten in Form eines Tagebuches zu dokumentieren. Hier sind unter anderen MySugr, Diabetes+ sowie SiDiary zu nennen, die von immer mehr Patienten genutzt werden. Neu ist auch eine App der Techniker Krankenkasse (TK). Die Bedienung ist bei allen leicht und intuitiv, die Dokumentationsmöglichkeit geht meist über den Blutzucker hinaus, zum Beispiel können Medikamenteneinnahmen, Bewegung, Ernährung oder besondere Vorkommnisse dokumentiert werden.

Zum Teil können Messgeräte per Bluetooth ausgelesen werden (zum Beispiel Accu check Aviva connect).

Alle Apps bieten die Möglichkeit, die Daten zu archivieren, zu drucken oder per Mail anderen bereitzustellen. Zunehmend wird die Funktion beliebt, die Daten direkt mit anderen zu teilen.

Als Computerversion stehen zur Dokumentation SiDiary und DIABASS zur Verfügung. Hiermit können verschiedene Geräte ausgelesen und auch zusätzliche Informationen dokumentiert werden.

Beide Programme bieten die Möglichkeit, über „Cloud-Lösungen“ die Daten zur Verfügung zu stellen.

Bei DIABASS ist „Gluconet“ eine sichere und einfache Möglichkeit, die Daten zu teilen und der Praxis mitzuteilen. Dabei benötigt nur der Behandler DIABASS pro, der Patient kann „Gluconet“ kostenlos zur Datenübertragung laden.

Aus Sicht des Behandelnden . . .

. . . ist es das Ziel, vorhandene Daten gut und schnell interpretieren, Probleme erkennen und mit dem Patienten kommunizieren zu können.

Beim professionellen Gebrauch stehen die von den Herstellern angebotenen Programme zur Verfügung. Sowohl die Programme der Pumpenhersteller (Roche mit Smartpix, Medtronic mit CareLink pro, Omnipod mit DIABASS) als auch der gängigen Messgerätehersteller sind einfach auszulesen, übersichtlich in der Darstellung und bieten somit eine einfache Interpretationsmöglichkeit.

Nachteil dabei ist dann, dass in der Praxis verschiedene Programme parallel laufen müssen.

Darstellung von Standardtag und Verlauf, dazu Statistik von Insulindaten. Quelle: Diabass
Plan 2
Darstellung von Standardtag und Verlauf, dazu Statistik von Insulindaten. Quelle: Diabass

Es empfiehlt sich, eine einzige Software zum Auslesen der verschiedenen Messgeräte zu nutzen. Dadurch wird auch das Ausnutzen von Möglichkeiten der Software verbessert.

Zusätzlich können Ausgabestandards programmiert werden, um zum Beispiel per Knopfdruck die Informationen für den MDK oder das Landessozialamt zusammenzustellen.

Hierbei sind die Programme „SiDiary“ und „DIABASS“ zu nennen. Mit einer zentral angelegten Datenbank sind die Daten an verschiedenen Arbeitsplätzen zu öffnen, egal wo sie ausgelesen wurden.

Es empfiehlt sich ein zentraler Arbeitsplatz, an dem bereits zu Beginn der Behandlung das Messgerät ausgelesen wird. So ist die Interpretation zeitsparend zusammen mit dem Patienten im Behandlungszimmer möglich.

Leider wird Übung, technisches Verständnis und Geduld für das sichere Installieren der Kabeltreiber zum Auslesen der Geräte benötigt. Es kann Interaktionen zwischen den Programmen der Gerätehersteller und der Auslesesoftware geben – hier besteht sicherlich Verbesserungspotenzial.

Auch wäre ein einheitlicher Anschluss zum Auslesen – wie beim Mobiltelefon geplant – sehr wünschenswert. Derzeit besteht – je nach Menge der auszulesenden Messgeräte – ein Kabelgewirr, das an den Einsatz eines Elektrikers während des Hausbaus erinnert.

Eine Sonderstellung nimmt noch einmal die Interpretation der kontinuierlich gewonnenen Daten ein. Die Programme der Hersteller haben dabei die Oberhand zur Auswertung.

Insbesondere bei dem aktuell sehr beliebtem „Freestyle Libre“ bietet die Darstellung des AGP (Ambulatory Glucose Profile) eine schnelle, einfache und gut zu verstehende Interpretationsmöglichkeit – ein Zukunftsmodel.

Zusätzlich gibt es verschiedene Programme, die sich nicht primär auf die Dokumentation der Blutzuckerwerte, sondern vielmehr auf die allgemeine Dokumentation der diabetesrelevanten Daten bezieht und somit in der Praxis und im Krankenhaus die Arbeit der auf Diabetes spezialisierten Behandler erleichtert. Hier sind insbesondere DPV, DIAMAX und VISIODOC zu nennen.

Technik: Akzeptanz auch bei Älteren
Kasten
Technik: Akzeptanz auch bei Älteren

Anschließen und los? In manchen Fällen ist es wirklich so leicht – aber nicht bei allen Geräten.

Einige Geräte (zum Beispiel Bayer USB next) bieten die Software im Gerät, so dass nur noch ein Anschließen notwendig ist und die Berichte können angesehen, gespeichert oder versendet werden.

Bei den meisten Herstellern (Abbott, Roche etc) muss die entsprechende Software einmalig auf dem Rechner installiert und die Geschäftsbedingungen akzeptiert werden (die meist den zuletzt in die Diskussion geratenen Datenabgleich mit dem Hersteller beinhaltet) und schon können ebenfalls die Berichte generiert werden. Dies geschieht in aller Regel recht einfach und unkompliziert, viele meiner älteren Patienten leisten dies problemlos.

Welche Ansichten bringen welche Interpretation?

Das digitale Datenmanagement bietet eine mehrdimensionale Datenansicht. Während das Tagebuch „nur“ die aufgeschriebenen Werte untereinander zeigt, können digitale Daten in verschiedenen Ansichten präsentiert werden.

Die verschiedenen Programme liefern recht ähnlich Ansichten zur Interpretation.

  • Ich beginne meine Interpretation gerne mit dem Verlauf. Es fallen gleich zu Beginn Hypo- und Hyperglykämien auf, die mit dem Patienten gleich besprochen werden können.
  • Dann folgt der Standardtag. Es werden Daten eines Zeitraumes übereinandergelegt, als wären alle an einem Tag erhoben. Dies erlaubt mir bereits eine detailliertere Interpretation, wo generelle Fehler oder auch nur einzelne Ausrutscher stecken könnten.
  • Nachfolgend sehe ich mir die Statistik an, um die Aussagekraft der Daten sehen zu können.
  • Als Letztes folgt – wenn noch notwendig – die Tagebuchansicht. Oftmals kann ich nach den vorherigen Ansichten jedoch darauf verzichten und nutze diese überwiegend zur Kommunikation mit dem MDK oder Versorgungsämtern.

Nicht nur das Blutzuckertagebuch, auch der Diabetespass ist digital

Neben der Dokumentation der Blutzuckerwerte ist das Führen des Diabetespasses sinnvoll, um im Bedarfsfall die wichtigen Informationen über den Verlauf der Therapie und der Einstellung bereit zu haben. Auch dies ist in Form einer App möglich.

Es können darin nicht nur die üblichen Daten von Blut-, Augen, Fuß- und sonstigen Zusatzuntersuchungen dokumentiert werden, sondern gleich auch die Termine, Arztinformationen etc. hinterlegt werden. So hat der moderne Diabetiker mit dem Smartphone immer alle Unterlagen dabei.

Resümee

  • Welches System das Beste ist, lässt sich nicht beantworten.
  • Jeder Betroffene muss selbst entscheiden, welches Datenmanagement sich am besten für seinen Alltag eignet.
  • Als Arzt ist das Wichtigste, sich seinen Patienten anzupassen und sie bestmöglich zu unterstützen

DOI: 10.3238/PersDia.2015.04.24.07

Dr. med. Oliver Schubert

Facharzt für Innere Medizin, Diabetologie,

Rettungsmedizin, Verkehrsmedizinische Begutachtung

Interessenkonflikt: Der Autor erhielt Honorare für eine Beratertätigkeit von Abbot Diabetes Care sowie Honorare für Vorträge oder für die Vorbereitung von wissenschaftlichen Tagungen oder Fortbildungsveranstaltungen von Abbott Diabetes Care, Roche und Ypsomed.

Technik: Akzeptanz auch bei Älteren

Technologie kann Diabetikern helfen – und das über alle Altersgruppen hinweg. Das hat Marten Haesner von der Forschungsgruppe Geriatrie der Charité Berlin mit der Smartphone-App „MyTherapy“ gezeigt. Als Therapieassistent auf dem Handy überträgt MyTherapy die Diabetestherapie jeden Tag in eine übersichtliche Aufgabenliste, die der Patient nach und nach abarbeitet. Am Ende des Tages bekommt der Nutzer angezeigt, wie konsequent er seine Therapie umgesetzt hat. Er kann auf einen Blick erkennen, worauf er im Alltag noch stärker achten sollte, um seinen Gesundheitszustand und damit die Lebensqualität noch weiter zu verbessern.

Die Akzeptanz der Smartphone-App bei den älteren Patienten ist hoch. „In einer vierwöchigen Studie mit 30 älteren Personen haben wir sehr gute Ergebnisse erzielt“, berichtet Haesner. Hilfreich waren dabei spezielles Trainingsmaterial und Schulungen. Bereits am Ende der Studie resultierte eine verbesserte Medikamentenadhärenz und ein gesteigertes psychisches Wohlbefinden. Als innovativ und zukunftsweisend lobte die Jury des Förderpreises SilverStar 2014, verliehen vom Unternehmen Berlin-Chemie, den zukunftsweisenden Charakter des Projektes sowie die angestrebte wissenschaftliche Evaluation. EB

Darstellung in der Ansicht des klassischen Tagebuches. Quelle: SiDiary
Plan 1
Darstellung in der Ansicht des klassischen Tagebuches. Quelle: SiDiary
Darstellung von Standardtag und Verlauf, dazu Statistik von Insulindaten. Quelle: Diabass
Plan 2
Darstellung von Standardtag und Verlauf, dazu Statistik von Insulindaten. Quelle: Diabass
Technik: Akzeptanz auch bei Älteren
Kasten
Technik: Akzeptanz auch bei Älteren

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote