ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2015Interview mit Dr. med. Dorothea Matysiak-Klose, Fachgebiet Impfprävention am Robert Koch-Institut in Berlin, Masern: „Höchste Fallzahlen seit Jahren“

MEDIZINREPORT

Interview mit Dr. med. Dorothea Matysiak-Klose, Fachgebiet Impfprävention am Robert Koch-Institut in Berlin, Masern: „Höchste Fallzahlen seit Jahren“

Dtsch Arztebl 2015; 112(17): A-780 / B-657 / C-636

Siegmund-Schultze, Nicola

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Im Oktober 2014 hat eine Masernepidemie in Deutschland begonnen, möglicherweise der größte Ausbruch der letzten zehn Jahre. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die Impfung ist der beste Schutz vor Infektionen. Sie wirkt rasch und auch noch in der Inkubationsphase des Virus.

Ärzte sollten jede Möglichkeit für Impfungen nutzen, meint Dr. med. Dorothea Matysiak-Klose. Foto: privat
Ärzte sollten jede Möglichkeit für Impfungen nutzen, meint Dr. med. Dorothea Matysiak-Klose. Foto: privat

Wie bewerten Sie die aktuelle Masernepidemie im Vergleich zu früheren Ausbrüchen in Deutschland?

Dorothea Matysiak-Klose: Eine Gesamtbewertung lässt sich erst am Ende des Ausbruchs vornehmen, noch aber ist dieses nicht in Sicht. Es könnte der größte Ausbruch seit Einführung der Masernmeldepflicht im Jahr 2001 werden. Allein im ersten Quartal dieses Jahres wurden dem Robert Koch-Institut knapp 800 Erkrankungsfälle gemeldet – so viele wie in keinem Quartal seit 2002.

Wie lang könnte der Ausbruch dauern?

Matysiak-Klose: Das ist schwer zu sagen. Die Fallzahlen entwickeln sich zur Zeit nicht in einer Weise, dass man sagen könnte, der Höhepunkt ist erreicht oder überwunden. Häufig haben Masernepidemien einen Höhepunkt in den Frühsommermonaten, danach beginnen die Erkrankungsfälle zu sinken: möglicherweise, weil die Menschen sich mehr im Freien aufhalten, die Schulferien beginnen und Übertragungen des Virus vermindert werden. Denn Masern verbreiten sich typischerweise in Gruppen ungeimpfter Personen mit engem Kontakt. Wir hoffen also, dass ab Juni/Juli die Fallzahlen sinken.

Können Ärzte bis dahin etwas tun, damit die Erkrankungswelle abebbt?

Matysiak-Klose: Sie sollten die Patienten beraten und jede Möglichkeit für Impfungen nutzen. Masernerkrankungen sind kausal nicht therapierbar. Eine gefürchtete Komplikation ist die Enzephalitis. Außerdem können bakterielle Superinfektionen auftreten und Mittelohrentzündungen, Bronchitiden oder Pneumonien hervorrufen. Impflücken zu schließen, macht zu jedem Zeitpunkt Sinn, auch jetzt. Die Impfung wirkt rasch, auch als Inkubationsimpfung binnen dreier Tage nach Exposition, kann aber selbst zu einem späteren Zeitpunkt noch sinnvoll sein. Sie verringert das Risiko für schwere Verläufe von Masernerkrankungen.

Wie schnell baut sich Immunität auf?

Matysiak-Klose: Zwölf bis 15 Tage nach der Impfung können bereits Antikörper nachgewiesen werden mit einem Höchststand 21 bis 28 Tage nach der Impfung. Sobald virusspezifische IgG-Antikörper vorhanden sind, kann von einem Schutz ausgegangen werden. Es ist nicht sinnvoll, bei Unklarheiten über den Impfstatus Antikörper bestimmen zu lassen. Der Arzt sollte dann bei den nach 1970 geborenen Erwachsenen eine Immunisierung vornehmen, die den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission entspricht. Kinder sollten im Alter zwischen elf und 14 Monaten erstmals geimpft werden, in bestimmten Situationen wie Reisen in Endemiegebiete oder Aufenthalt in Gemeinschaftseinrichtungen auch ab neun Monaten.

Wie häufig sind Nebenwirkungen?

Matysiak-Klose: Schwere Nebenwirkungen wie Enzephalitis wurden in wenigen Fallberichten beschrieben und sind angesichts der millionenfachen Impfungen extrem selten.

Das Interview führte Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze.

Entwicklung des Masernausbruchs

Die aktuelle Masernepidemie in Deutschland hat im Oktober 2014 in Berlin begonnen: Über Asylsuchende aus Bosnien/Herzegowina gelangte der zur Zeit zirkulierende Stamm D8 nach Berlin und breitete sich zunächst dort aus. Weitere Masernfälle wurden bisher vor allem aus den östlichen Bundesländern übermittelt. Bis zum 10. April haben insgesamt 14 Bundesländer dem Robert Koch-Institut Fälle gemeldet, nämlich 1 546. Circa ein Viertel der Erkrankungen ist bislang so schwer verlaufen, dass eine stationäre Aufnahme erfolgte. Komplikationen werden häufig durch bakterielle Superinfektionen verursacht, es sind Bronchitiden, Pneumonien oder Diarrhöen. Hohe Fallzahlen gab es 2001 (6 039 gemeldete Fälle), 2002 (4 656 Fälle), 2006 (2 308 Fälle) und 2013 (1 769 Fälle).

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