ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2015Von schräg unten: Gedächtnis

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Gedächtnis

Dtsch Arztebl 2015; 112(17): [64]

Böhmeke, Thomas

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Wenn man etwas Gutes, etwas Außergewöhnliches tut, so verschwindet dies aus dem Gedächtnis der Menschen schneller, als eine Nervenfaser vom Typ A ihren Impuls leitet. Als ob das Langzeitgedächtnis für Dankbarkeit in ebendiesen Fasern zu finden wäre. Geht jedoch etwas schief, so haftet dies so hartnäckig in der Erinnerung wie Knochenzement im Großhirn und wird jedem, der es hören oder nicht hören will, mitgeteilt. Besagter Zement animiert wohl zur Perseveration. Nun, liebe Kolleginnen und Kollegen, an die überaus rasante Halbwertszeit von Dankbarkeit haben wir uns schon gewöhnt, nicht jedoch an die ausführlichen Reportagen über unglückliche Verläufe. So geht es mir jedenfalls heute.

Eine ältere Dame sitzt vor mir, es sprudelt aus ihr heraus: „Sie können sich nicht vorstellen, was mir passiert ist! Ich hatte furchtbare Brustschmerzen und musste eine geschlagene halbe Stunde warten, bis der Krankenwagen kam!“ Die aktuellen Qualitätsvorgaben sehen zwar in 95 Prozent ein Eintreffen der Helfer innerhalb von zehn Minuten, spätestens einer Viertelstunde vor; aber ich habe selbst erlebt, dass die Notarztwagen einer Region sämtlich im Einsatz waren, so dass NAW aus anderen Städten angefordert werden mussten. In solchen Fällen kann es zur höchst bedauerlichen Verzögerung kommen. „Im Krankenhaus musste ich dann eine Stunde warten, bis ein EKG geschrieben wurde!“ Oje. Falls sie wirklich einen Herzinfarkt hatte, wird es eng mit der von den Fachgesellschaften geforderten door-to-ballon-Zeit innerhalb von 90 Minuten. Und wie war das EKG? „Naja, das war völlig unauffällig.“ Das ist schon mal gut, schließt aber einen Herzinfarkt nicht aus. Wie ging es weiter? „Dann haben sie mir Blut abgenommen!“ Sehr löblich. Schauen Sie, mit den modernen, hochsensitiven Schnelltests kann auch ein Nicht-ST-Hebungsinfarkt innerhalb kurzer Zeit erkannt werden. „Das sagen Sie! Das Blut lag erst mal eine Stunde in der Aufnahme herum, bis es von der Schwester ins Labor gebracht wurde! Und das nennen Sie Schnelltest!“ Jetzt halte ich doch lieber meine Klappe, jetzt wird es gefährlich. „Das nächste EKG haben die erst am nächsten Tag geschrieben!“ Meine Güte. Die gerade veröffentlichten Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, Herz- und Kreislaufforschung sehen für die EKG-Kontrolle in den Chest Pain Units ein Intervall von sechs Stunden nach Aufnahme vor. In den Genuss weiterer Diagnostik, wie Echokardiographie und CT, ist sie wohl nicht gekommen, aber das hinterfrage ich jetzt lieber nicht. „Meine erste Infusion erhielt ich erst am dritten Tag!“ Wie, Infusion? Was für eine Infusion denn? „Na, mit Strophantin!“ Wie bitte?! Strophantin?! „Ja, Sie haben richtig gehört, Strophantin!“ Sagen Sie mal, wie lange ist das eigentlich her? „Damals war ich noch jung, so 40 Jahre müsste das her sein!“

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Liebe chirurgische Kolleginnen und Kollegen, wer von Ihnen ist darauf spezialisiert, Knochenzement aus dem Gehirn zu entfernen?

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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