ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2015Psychische Folgen von Kriegsevakuierungen: Keine Häufung psychiatrischer Auffälligkeiten

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Psychische Folgen von Kriegsevakuierungen: Keine Häufung psychiatrischer Auffälligkeiten

Dtsch Arztebl 2015; 112(17): A-783 / B-660 / C-638

Gerste, Ronald D.

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Viele Kinder werden in Kriegssituationen aus ihren Familien genommen: Circa 5 % der Flüchtlinge sind minderjährig. Kinder in Sicherheit zu bringen, war Ziel der Kinderverschickung auch im Zweiten Weltkrieg in Deutschland und in anderen kriegsbeteiligten Ländern.

Eine skandinavische Forschergruppe hat nun untersucht, ob Kinder, die während der Kriegsteilnahme Finnlands von ihren Eltern getrennt wurden, als Erwachsene häufiger psychische Probleme entwickeln als Gleichaltrige – in diesem Fall: Geschwister – welche nicht evakuiert wurden. Finnland führte zunächst 1939/40 allein einen „Winterkrieg“ gegen die Sowjetunion und war von 1941 bis 1944 mit Deutschland verbündet. Eingeschlossen in die Studie waren 1 425 finnische Kinder, die ins neutrale Schweden evakuiert und dort Pflegeeltern übergeben wurden, während ihre Geschwister in Finnland zurück-blieben. Merkmal einer möglichen durch diese Erfahrung mitbewirkten psychischen Alteration war die stationäre Aufnahme dieser Populationen in finnischen Nervenkliniken zwischen 1971 und 2011, ein Zeitraum, in dem die einstigen Kinder zwischen 38 und 78 Jahre alt waren. Insgesamt war die Aufnahmerate bei ehemals Evakuierten nicht höher, sondern sogar etwas niedriger als in der Vergleichsgruppe (Hazard Ratio: 0,89). Männer, die im Krieg nach Schweden verschickt worden waren, hatten sogar eine deutlich niedrigere Rate stationär behandelter psychischer Störungen (Risiko: 0,67), Frauen hatten allerdings doppelt so häufig affektive Störungen wie ihre nicht evakuierten Schwestern.

Fazit: Die Evakuierung finnischer Kinder in schwedische Pflegefamilien während des Zweiten Weltkrieges war mit einem geringeren Risiko für psychische Störungen assoziiert im Vergleich zur Vergleichsgruppe nicht evakuierter Geschwister. „Einzige bemerkenswerte Ausnahme sind die erhöhten Raten affektiver Erkrankungen im späteren Leben bei evakuierten Mädchen“, kommentiert Prof. Dr. med. Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité. „Eine von den Autoren implizit angesprochene aber nicht untersuchte mögliche Ursache wären sexuelle Übergriffe oder sexuelle Gewalt, der gerade Mädchen in einer solchen familiären Situation vermehrt ausgesetzt sein könnten als Jungen. Dieser wichtigen Frage könnte an dieser umfangreichen Stichprobe in ergänzenden biografischen Interviews oder Analysen der Behandlungsakten nachgegangen werden.“ Dr. med. Ronald D. Gerste

Santavirta T, et al.: Long term mental health outcomes of Finnish children evacuated to Swedish families during the second world war and their non-evacuated siblings: cohort study. British Medical Journal 2015, DOI: 10.1136/bmj.g7753

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