ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2015Vater werden ist nicht schwer, . . .: Vater sein dagegen sehr

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Vater werden ist nicht schwer, . . .: Vater sein dagegen sehr

Dtsch Arztebl 2015; 112(17): A-772 / B-652 / C-635

Engelmann, Carsten

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Elternzeit: Wirklichkeit als Inspiration für Forschung

Foto: picture alliance
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Zur Freude über frischgeborenen Nachwuchs mischt sich für Ärzte/-innen stets die Frage, ob eine Elternzeit ratsam ist: Jahre hat man gebraucht, um im Klinikgetriebe interessante Verantwortungen zu bekommen. Soll man dies gefährden? Ich habe mich für eine Elternzeit entschieden. Als ich nach drei Monaten zurückkam, war ich den Großteil meiner begehrten Aufgaben an andere Oberärzte losgeworden. Ein Vorgesetzter erklärte: „Was wollen Sie, dies hier ist eine Uniklinik.“ Als ich einwendete, das sei nicht gerecht, schnappte es zurück: „Gerechtigkeit ist für Schwache.“ Derlei kann man hinnehmen oder protestieren. In einer Universität eröffnet das Privileg der Forschungsfreiheit einen dritten Weg: Kränkung war neben der Libido stets eine mächtige Inspiration von Wissenschaft und Künsten.

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Bestandsaufnahme: International fand sich keine empirische, begutachtete Arbeit darüber, wie Elternzeit sich auf die Arbeitszufriedenheit des/der Einzelnen auswirkt – Anlass genug für eine Vollerhebung an drei Jahrgängen zurückgekehrter „Elternzeitler“ an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Nachdem die Dekanatsunterstützung gewonnen war, erfolgte das Weitere in aller Stille. Schließlich lagen die Daten von 406 Elternzeitlern (725 Befragte, davon 91 Ärzte), 63 Abteilungsleitern (88) sowie von ausländischen Vergleichspersonalabteilungen vor. Die sich hieraus ergebende wirkliche Geschichte entwickelt ein ebenso hohes „Drehmoment“ wie ein entschlossen loskrabbelndes Kleinkind:

51 Prozent der Beschäftigten erlebten nach Rückkehr aus der Elternzeit eine signifikante Änderung ihrer Arbeitsaufgaben, 17 Prozent der Führungskräfte verloren ihren Status, und 58 Prozent erwogen einen Arbeitgeberwechsel. Die resultierende jährliche Fluktuationsrate von Elternzeitlern verdoppelte sich auf circa 40 Prozent. In einer Züricher Klinik dagegen war sie nur halb so groß wie an der MHH. In der norwegischen Uniklinik übertraf der Anteil der männlichen Elternzeit-Ärzte in der Gesamtbelegschaft den Anteil aller Mediziner in Elternzeit an der MHH.

Ursachen? Kollegen, die Elternzeit genommen hatten, berichteten von statistisch signifikanten Einbußen von „Macht“ und „Einfluss“, wohingegen ihre „berufsbezogene Arbeitsbelastung“ nach Rückkehr anstieg. Im Ergebnis schätzten ausnahmslos alle Subgruppen ihre Karriereperspektiven nach Rückkehr negativ ein, was mit statistisch messbaren negativen Effekten auf die Gestaltung weiterer Elternzeiten einherging.

Die Diskussion von Abhilfemöglichkeiten gewinnt dadurch an Würze, dass sowohl beschäftigte Eltern als auch deren Vorgesetzte dem Thema eine „Emotionalität“ zumaßen, deren Intensität vier von fünf Skalenpunkten erreichte – beide Parteien bewerteten jedoch ein ganzes Panel von Elternzeitfolgen signifikant verschieden.

Hieraus ergeben sich starke Argumente für ein rationales betriebliches Elternzeitmanagement, bestehend aus

  • einer klaren Dokumentation des Mitarbeiterstatus vor Elternzeit,
  • einer verbindlichen, schriftlichen Rückkehrvereinbarung,
  • einer eindeutigen Vertretungsregelung, vorzugsweise durch 1:1-Ersatz. Dies führt unter anderem zu einer sinnvollen Länge der Elternzeiten und verbessert die Wissenslogistik.

Schließlich zeigt die Studie, die 2014 im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vorgestellt wurde, den überwältigenden Bedarf für eine zeitbegrenzte Unterstützung von Teilzeitarbeit nach Elternschaft auf, die das „Elterngeld plus“ neuerdings (seit Januar 2015) gesetzlich beantwortet.

Elternzeit passiert, so das Fazit der Studie, nicht im Vakuum, sondern im Soziotop einer Klinik. Dort modellieren vorbestehende Konflikte, wartende Konkurrenten und eigene Fähigkeiten wesentlich ihr Karriereergebnis. Das wiederum entfaltet insbesondere bei Hochengagierten eine Steuerungswirkung, deren Bedeutung geldlichen Zuwendungen in nichts nachsteht.

Dr. med. Carsten Engelmann

1.
Engelmann C, Grote G, Miemietz B, Vaske B, Geyer S: Weggegangen – Platz vergangen? Dtsch Med Wochenschr 2015; 140 (04): e28–e35. DOI: 10.1055/s-0041–100305. CrossRef
2.
Moberly T: Doctors taking parental leave can face effective demotion, researchers find. BMJ Careers, careers. bmj.com/careers/advice/view-article.html?id=20021522 .
1.Engelmann C, Grote G, Miemietz B, Vaske B, Geyer S: Weggegangen – Platz vergangen? Dtsch Med Wochenschr 2015; 140 (04): e28–e35. DOI: 10.1055/s-0041–100305. CrossRef
2.Moberly T: Doctors taking parental leave can face effective demotion, researchers find. BMJ Careers, careers. bmj.com/careers/advice/view-article.html?id=20021522 .

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