ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2015Schwere Ambulant erworbene Pneumonie: Klinische Relevanz systemischer Steroide ist fraglich

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Schwere Ambulant erworbene Pneumonie: Klinische Relevanz systemischer Steroide ist fraglich

Dtsch Arztebl 2015; 112(17): A-783 / B-660 / C-638

Vetter, Christine

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Bei schwer verlaufenden ambulant erworbenen Pneumonien können sich überschießende akute inflammatorische Reaktionen entwickeln – eine Rationale für eine antiinflammatorische Therapie. Ob die kurzzeitige Gabe systemischer Steroide die klinische Stabilisierung von Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie, die in die Klinik eingewiesen werden müssen, beschleunigt, ist in einer doppelblind randomisierten, placebokontrollierte Studie geprüft worden. 392 hospitalisierte Patienten erhielten 7 Tage 50 mg Prednison/die, 393 Patienten bekamen Placebo. Der primäre Endpunkt, die Zeit bis zur klinischen Stabilisierung (stabile Vitalfunktion über 24 Stunden), wurde in der Verumgruppe im Mittel nach 3,0 Tagen und unter Placebo nach 4,4 Tagen erreicht (Hazard Ratio [HR]: 1,33; 95-%-Konfidenzintervall [KI]: 1,15–1,50; p < 0,0001). Die 30-Tage-Häufigkeit pneumonieassoziierter Komplikationen war mit 3 % unter Prednison und 6 % unter Placebo nicht signifikant unterschiedlich (Odds Ratio [OR]: 0,49; 95-%-KI: 0,23–1,02; p = 0,056). Unter Prednison waren aber insulinpflichtige Hyperglykämien häufiger (19 vs. 11 %; OR: 1,96; 95-%-KI: 1,31–2,93; p = 0,0010).

Kaplan-Meier-Kurven für die Zeit bis zur klinischen Stabilisierung
Kaplan-Meier-Kurven für die Zeit bis zur klinischen Stabilisierung
Grafik
Kaplan-Meier-Kurven für die Zeit bis zur klinischen Stabilisierung

Fazit: Neue Daten scheinen die Hypothese zu stärken, dass systemische Steroide bei Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie die Zeit bis zur klinischen Stabilisierung verkürzen, kommentiert Prof. Dr. med. Santiago Ewig, Thoraxzentrum Ruhrgebiet, Herne und Bochum. Bei der Interpretation der Daten sei jedoch große Vorsicht geboten. Denn die Studienpopulation wies eine sehr niedrige Rate schwerer Pneumonien (circa 50 % PSI-Score I-III, entsprechend leichtgradiger Pneumonien; ICU-Pflichtigkeit 4–6 %) und eine geringe Letalität (3–4 %) auf. Somit wurde nur in einer Minderheit der Fälle die relevante Risikogruppe behandelt. Die Reduktion der Zeit bis zur klinischen Stabilisierung allein sei außerdem klinisch wenig relevant. Auch war die antimikrobielle Behandlungsdauer trotz rascher klinischer Stabilisierung in beiden Armen im Durchschnitt länger als in Leitlinien mit 9 Tagen (intravenös: 4–5 Tage) empfohlen, so Ewig. „Die Studie war nicht entsprechend gepowert, einen Unterschied in der Krankenhausletalität zu identifizieren und die Hyperglykämierate war nahezu doppelt so hoch“, kommentiert Ewig. „Das ist nicht trivial, da es Hinweise gibt, dass Hyperglyk-ämien mit einer erhöhten Letalität assoziiert sind.“ Christine Vetter

Blum CA, et al.: Adjunct prednisone therapy for patients with community-acquired pneumonia: a multicentre, double-blind, randomized, placebo-controlled trial. Lancet 2015; DOI: org10.1016/S0140–6736(14)62447–8.

Kaplan-Meier-Kurven für die Zeit bis zur klinischen Stabilisierung
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