ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2015Pflanzenstoffe für die Tumorbehandlung: Amanitin als Krebstherapeutikum

MEDIZINREPORT

Pflanzenstoffe für die Tumorbehandlung: Amanitin als Krebstherapeutikum

Dtsch Arztebl 2015; 112(17): A-782 / B-658 / C-637

Berndt, Siegmar

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Das Knollenblätterpilztoxin kann Antitumoraktivität haben, wenn es an Proteine gekoppelt wird. Die Wirksamkeit homöopathischer Zubereitungen ist nicht belegt.

Grüner Knollenblätterpilz (Amanita phalloides): Das Hauptgift des Pilzes ist α-Amanitin. Foto: Fotolia/awfoto
Grüner Knollenblätterpilz (Amanita phalloides): Das Hauptgift des Pilzes ist α-Amanitin. Foto: Fotolia/awfoto

Von einigen Heilpraktikern wird, auch gegenüber Patienten, die Auffassung vertreten, eine homöopathische Zubereitung aus dem Grünen Knollenblätterpilz (Urtinktur aus Presssaft des Pilzfruchtkörpers) sei eine mögliche Alternative zur Strahlen- und Chemotherapie bei Krebserkrankungen. Die Therapie mit dem Pflanzenstoff geht auf Dr. rer. nat. Isolde Riede aus Überlingen zurück (13). Das Hauptgift des Knollenblätterpilzes, das α-Amanitin, hemmt die DNA-abhängige RNA-Polymerase II, die für die Synthese der mRNA benötigt wird. Da das Leben jeder Zelle von der Neubildung der messengerRNA abhängt, führt die Hemmung der Polymerase II zur Unterbrechung der Proteinsynthese und zum Zelltod (4, 5). Riede nimmt an, dass Tumorzellen aufgrund ihres erhöhten Stoffwechsels deutlich mehr Amanitin aufnehmen als gesunde Zellen. Das Amanitinmolekül ist aber zu polar, um in wirksamer Menge die Zellmembran zu passieren. Eine weitere ihrer unbewiesenen Annahmen geht von einer unterschiedlichen „Nutzung“ der RNA-Polymerase in gesunden beziehungsweise Krebszellen von zehn Prozent versus 100 Prozent aus.

Gewisse Tumorselektivität durch Gewebepenetration

Prof. Dr. rer. nat. Heinz Faulstich, München, konnte zeigen, dass α-Amanitin in allen Säugetierzellen bei einer intrazellulären Konzentration von 1 nM, entsprechend der Dissoziationskonstante des ɑ-Amanitins an der Polymerase II, gleich wirksam ist. Eine unterschiedliche Wirkung, auch auf Tumorzellen, kommt nur durch unterschiedliche Penetrationsraten zustande (Faulstich, persönliche Mitteilung, 2014). Faulstich und Prof. Gerhard Moldenhauer vom Max-Planck-Institut für Medizinische Forschung in München koppelten Amanitin an einen Antikörper, der ein krebstypisches Zielmolekül, das Membranprotein (EpCAM (EpithelialCell Adhesion Molecule) erkennt. Damit gelang es in vitro, das Wachstum von Bauchspeicheldrüsen-, Darm-, Brust- und Gallengangskrebszellen zu hemmen. Bei In-vivo-Versuchen mit Mäusen, denen menschliche Pankreaskarzinomzellen eingepflanzt worden waren, konnten die Forscher bei 90 Prozent der Tiere den Tumor vollständig zum Verschwinden bringen (6). In einer weiteren aktuellen Veröffentlichung wurden vier Zelllinien menschlicher Tumoren (Adenokarzinom der Zervix, Osteosarkom, duktales Mammakarzinom, Adenokarzinom der Brust) eingesetzt. Als Vehikel diente pHLIP („pH low insertion peptide“), das an α-Amanitin gekoppelt war. Damit gelang es, das Toxin in die Krebszellen zu schleusen und den programmierten Zelltod auszulösen. Ungebundenes Amanitin, so die Autoren, könne nicht in Tumorzellen eindringen (7).

Toxin-Protein-Konjugate werden intensiv erforscht

So ist nach heutigem Wissensstand die einzige Möglichkeit, Amanitin für die Krebstherapie zu nutzen, die Koppelung des Toxins an Proteine (Toxin-Protein-Konjugate). Diese Erkenntnis aus der Grundlagen- und präklinischen Forschung haben Biotechnologie- und Pharmafirmen bei ihrer Suche nach neuen Therapien gegen Krebs inzwischen aufgegriffen.

Bedenklich ist der Hinweis, dass ein Therapieerfolg mit Knollenblätterpilzextrakt besonders bei nicht chemo- und/oder strahlentherapeutisch vorbehandelten Patienten Erfolg verspreche, während sich eine schulmedizinische Behandlung, außer der Operation, ungünstig auswirke. Diese Aussage kann dazu führen, dass Krebskranke erst in sehr fortgeschrittenem Stadium zur Schulmedizin finden, die in den vergangenen Jahren gegen mehrere Krebserkrankungen große Fortschritte erzielt hat.

Prof. Dr. med. Siegmar Berndt

Toxikologe, Paderborn

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1715
oder über QR-Code

1.
Riede I: Krebsforum. Naturheilpraxis Spezial 2009; 2–25.
2.
Riede I: Erfahrungen mit der Amanitin-Therapie. Naturheilpraxis 2013; 1070–2.
3.
Riede I: Switch the Tumor Off: From genes to amanita therapie. Am J. Biomed Res 2013; 1: 93–107. CrossRef
4.
Stirpe F, Fiume L: Effect of α-Amanitin on ribonucleic acid synthesis and on ribonucleic acid polymerase in mouse liver. Biochem J 1967; 103: 67–8. PubMed Central
5.
Brodner OG, Wieland T: Identification of the Amatoxin-binding subunit of RNA-Polymerase B affinity labeling experiments. Subunit B3-the true Amatoxin receptor proteins of multiple RNA-Polymerase B. Biochem 1976; 15: 3480–4. CrossRef
6.
Moldenhauer G, Salnikow AV, Lüttgaus S, Herr I, Anderl J, Faulstich H: Therapeutic potentials of amanitin-conjugated anti-epithelial cell adhesion molecule monoclonal antibody against pancreatic carcinoma. JNCI 2012; 104: 1–13. CrossRef MEDLINE
7.
Moshnikova A, Moshnikova V, Andreev OA, Reshetnyak YK: Antiproliverative effekt of pHLIP-Amanitin. Biochem 2013; 52: 1171–8. CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Riede I: Krebsforum. Naturheilpraxis Spezial 2009; 2–25.
2.Riede I: Erfahrungen mit der Amanitin-Therapie. Naturheilpraxis 2013; 1070–2.
3.Riede I: Switch the Tumor Off: From genes to amanita therapie. Am J. Biomed Res 2013; 1: 93–107. CrossRef
4.Stirpe F, Fiume L: Effect of α-Amanitin on ribonucleic acid synthesis and on ribonucleic acid polymerase in mouse liver. Biochem J 1967; 103: 67–8. PubMed Central
5.Brodner OG, Wieland T: Identification of the Amatoxin-binding subunit of RNA-Polymerase B affinity labeling experiments. Subunit B3-the true Amatoxin receptor proteins of multiple RNA-Polymerase B. Biochem 1976; 15: 3480–4. CrossRef
6.Moldenhauer G, Salnikow AV, Lüttgaus S, Herr I, Anderl J, Faulstich H: Therapeutic potentials of amanitin-conjugated anti-epithelial cell adhesion molecule monoclonal antibody against pancreatic carcinoma. JNCI 2012; 104: 1–13. CrossRef MEDLINE
7.Moshnikova A, Moshnikova V, Andreev OA, Reshetnyak YK: Antiproliverative effekt of pHLIP-Amanitin. Biochem 2013; 52: 1171–8. CrossRef MEDLINE PubMed Central

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