ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2015Psychische Gesundheit: Männer weinen heimlich

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Psychische Gesundheit: Männer weinen heimlich

Dtsch Arztebl 2015; 112(17): A-766 / B-646 / C-626

Bühring, Petra

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Bei Männern werden Depressionen nur halb so oft diagnostiziert wie bei Frauen. Suizide und Suchterkrankungen sind dagegen deutlich häufiger. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung will die geschlechtssensible Prävention verstärken.

Herbert Grönemeyer wusste es schon früher: „Männer weinen heimlich, sind außen hart und innen ganz weich, Männer kriegen ’nen Herzinfarkt“, sang er 1984. Psychische Erkrankungen bei Männern werden häufig nicht oder zu spät erkannt. Denn obwohl Männer eine deutlich niedrigere Lebenszeitprävalenz beispielsweise für eine diagnostizierte Depression haben als Frauen (7,8 versus 15,4 Prozent), sind Suizide und Suchterkrankungen bei Männern deutlich häufiger (1). „Männer wählen zudem andere Wege des Suizids, dramatischere und öffentlichkeitswirksamere als Frauen“, betonte Dr. med. Heidrun Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), beim 3. Männergesundheitskongress am 14. April in Berlin, der diesmal die psychische Gesundheit von Männern in den Blickpunkt rückte. Männer ignorierten ihre psychischen, aber auch somatischen, Beschwerden häufiger oder kompensierten sie mit Alkohol, Zigaretten, illegalen Drogen und zunehmend auch mit Glücksspiel. Rollenspezifische Faktoren spielten hier eine große Rolle. „Wir wollen deshalb die geschlechtssensible Prävention verstärkt in den Mittelpunkt rücken und haben spezielle Broschüren und ein Portal im Internet speziell zur Männergesundheit entwickelt“, sagte Thaiss (www.maennergesundheitsportal.de).

Unerkannte Depressionen

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Das Risiko für einen Suizid ist für Menschen mit depressiven Störungen besonders hoch: etwa drei bis vier Prozent und vorwiegend Männer versterben an einem Suizid: so wurden 2012 beispielsweise 7 287 Sterbefälle durch Suizid bei Männern erfasst; bei Frauen waren es 2 603. „Suizid ist vorwiegend männlich, nach dem Motto: handeln, nicht reden“, erklärte Prof. Dr. med.
Harald Gündel, Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Ulm. Die von ihnen gewählten „harten“ Methoden führen zudem häufiger zum Tod als die eher „weichen“ Suizidmethoden von Frauen (Selbstvergiftungen mit Tabletten oder Drogenmissbrauch). Ein Grund für die höheren Suizidraten bei Männern sind also auch unerkannte und damit unbehandelte Depressionen. Dies liegt nach Meinung von Gündel unter anderem daran, dass die Symptome bei Männern häufig nicht dem klassischen Bild einer Depression mit Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Grübeln und Rückzugstendenzen entsprechen. Männer zeigten daneben auch Ärger, Aggressivität, Wut, Hyperaktivität, antisoziales Verhalten und Substanzabusus. „Die psychiatrisch-psychotherapeutische Diagnostik erfasst diese depressiven Symptome häufig nicht“, ergänzt Prof. Dr. med. Anette Kersting, Leipzig, Leiterin des Fachreferats für geschlechtsspezifische Fragen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Zudem versuchten viele Männer ihre psychischen Probleme immer noch eher zu verstecken und schilderten dem Arzt eher körperliche Symptome.

Männer gehen zudem im Durchschnitt seltener zum Arzt als Frauen, weil das Zeigen von Schwäche und das Äußern von Beschwerden mit dem Rollenverständnis vieler Männer nicht vereinbar sei, und sie einen Verlust von Ansehen, Autonomie und Männlichkeit befürchteten. Nach Auffassung der Referenten scheint sich das Rollenverständnis bei jüngeren Männern aber gerade zu verändern.

Einfluss auf das Entstehen von psychischen Erkrankungen hat auch der Umgang mit Stress: „Eine haltgebende partnerschaftliche Beziehung ist ein wichtiger Schutzfaktor und wird von Männern häufig unterschätzt“, erläuterte Gündel. Der Verlust der Bezugsperson sei für Männer deutlich belastender als für Frauen.

Einflussfaktoren erforschen

Aber auch das Arbeitsleben hat Einfluss auf die psychische Gesundheit, wenngleich als größter Risikofaktor besonders für Männer Arbeitslosigkeit gilt. Als besonders belastend gilt ein Ungleichgewicht zwischen Arbeitseinsatz/-aufwand und der Belohnung in Form von Anerkennung durch Vorgesetzte oder entsprechender Vergütung. Komme dann noch eine neue stressige Situation aus dem Privatleben hinzu, reagiere der Organismus: „Es lassen sich mehr Entzündungsparameter im Blut nachweisen“, erläuterte Neurologe Gündel diese Wechselwirkung zwischen Psyche und Körper. Nicht ohne Grund sei bei Männern das Mortalitätsrisiko bei einem Herzinfarkt im Durchschnitt so hoch wie bei einer zehn Jahre älteren Frau.

„Wir brauchen mehr Daten, die die Unterschiede zwischen Frauen und Männern erklären“, forderte schließlich Anne Starker vom Robert Koch-Institut, die mit für den Männergesundheitsbericht verantwortlich ist. Die Einflussfaktoren seien wichtig zu erforschen, um wirkungsvolle Präventionsstrategien entwickeln zu können.

Petra Bühring

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