ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2015Sterben in der Kunst: Mit Stift und Pinsel auf den Spuren des Todes

KULTUR

Sterben in der Kunst: Mit Stift und Pinsel auf den Spuren des Todes

Dtsch Arztebl 2015; 112(17): A-790 / B-666 / C-644

Brath, Klaus

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Ferdinand Hodler dokumentierte Krankheit, Sterben und Tod seiner Geliebten in einem ergreifenden Bilderzyklus. Sein künstlerisches Tagebuch des Sterbens berührt bis heute.

Abb. 1: Ferdinand Hodler: Die kranke Valentine Godé- Darel, 1914, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung,
Abb. 1: Ferdinand Hodler: Die kranke Valentine Godé- Darel, 1914, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung,

Es war eine Art künstlerische Sterbebegleitung: Die krebskranke Valentine Godé-Darel dämmert unentrinnbar dem Tod entgegen, der Maler Ferdinand Hodler sitzt daneben und führt präzise Protokoll – so geschehen vor gut 100 Jahren in der Schweiz. Die Bilder, die dabei entstanden, sind in der abendländischen Kunstgeschichte einzigartig und brachen ein Tabu: Niemals zuvor hat ein Künstler den Übergang vom Leben zum Tod eines Menschen so umfassend wie unerbittlich, so intim wie illusionslos dargestellt. Ferdinand Hodler und Valentine Godé-Darel – ihre Beziehung war hoch ambivalent. Als sie sich 1908 kennenlernten, trafen zwei ausgeprägte Charaktere aufeinander: Hodler, ein aus einfachsten Verhältnissen stammender Schweizer Dickschädel, war 55 und verheiratet. Zielstrebig hatte er den Aufstieg vom verhöhnten zum gefeierten und auch vermögenden Künstler geschafft. Valentine war 20 Jahre jünger und geschieden. Die Französin war kultiviert, launisch und sinnlich, aber finanziell von Hodler abhängig.

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Valentine wurde sein Modell, seine Geliebte und Ende 1913 die Mutter ihrer unehelichen Tochter. Diese wurde vom Ehepaar Hodler aufgenommen – denn Valentine war schon damals krank. Sie litt an Gebärmutterhalskrebs, einst häufigste Krebserkrankung der Frau. Valentine wurde im Februar und Mai 1914 in Lausanne operiert und mit Radiumstrahlen behandelt, die quälenden Schmerzen wurden mit Opiaten und Kokain bekämpft. Doch der körperliche Verfall war unaufhaltsam. Nach einer kurzen Phase der Trennung besuchte Hodler ab Ende 1914 die nun Bettlägerige regelmäßig in Vevey, wo sie von ihrer Haushälterin umsorgt wurde. Dort starb sie am 25. Januar 1915, 41-jährig.

Der aussichtslose Kampf einer geliebten Person gegen den Tod – Hodler war von klein auf damit vertraut. Sein Vater starb, als er sieben war. Mit 14 wurde er Vollwaise: Die überarbeitete Mutter brach inmitten ihrer Kinderschar tot auf dem Feld zusammen. Auch die fünf Geschwister starben in jungen Jahren. Sie alle erlagen der Tuberkulose, der Krankheit der Armen. „In der Familie war es ein allgemeines Sterben. Mir war schließlich, als wäre immer ein Toter im Haus und als müsse es so sein“, erinnert sich Hodler später. Hodler selbst beschwor den Tod, indem er ihm malend begegnete. In mehr als 100 Selbstbildnissen hielt er das eigene Altern fest. Er vergewisserte sich seiner selbst – mal überlegen, mal zornig, mal grinsend oder auch voller Erschrecken. Schon im frühen symbolistischen Hauptwerk „Die Nacht“ malte Hodler, wie eine schwarz vermummte Gestalt eine Person jäh aus dem Schlaf reißt: Hodler, voller Todesangst, inmitten schlafender Liebespaare – es war seine erste monumentale Allegorie des Todes.

Tief verwurzelte Obsession mit dem Tod

1875 hatte Hodler Holbeins „Toten Christus im Grabe“ im Kunstmuseum Basel gesehen. Die drastische Darstellung des verwesenden Leichnams beeindruckte den Maler tief. Schon von da an ließ ihn das Antlitz des Todes künstlerisch nicht mehr los. Fremde Bauern, einen befreundeten Dichter, eine frühere Lebensgefährtin, die Schwiegermutter – sie alle hat Hodler sterbend oder tot porträtiert.

So exzessiv ihn dieses Bildmotiv zeitlebens fesselte, mit der Serie der todkranken Geliebten erreichte die tief verwurzelte Obsession mit dem Tod ihren Höhepunkt – psychologisch, künstlerisch und auch quantitativ: Obwohl Hodler viele Studien vernichtete, weil sie ihm zu wenig wirklichkeitsgetreu erschienen, haben sich mehr als 120 Zeichnungen und Skizzen, 18 Gemälde und eine Büste der Werkfolge erhalten.

Den Tod ergründen und festhalten

Ein Ölgemälde vom November 1913 leitet die Reihe der Krankenbildnisse ein. Es zeigt Valentine, als sie wohl gerade Mutter geworden ist. Bereits hier zeigt sich Hodlers Genius, „durch den Körper die Seele zu gestalten“ (Paul Klee): Hatte er Valentine früher oft stolz und selbstbewusst präsentiert, so sieht sie nun ermattet aus. Der Kopf mit dem herabfließenden, langen Haar ist zur Seite geneigt, der Blick melancholisch, ohne wirkliche Kontaktaufnahme. Spürt Valentine noch die Strapazen der Geburt oder ahnt sie schon die getrennten Schicksale von Mutter und Kind, von ihr und ihrem Geliebten?

Ein gutes halbes Jahr später, kurz nach der zweiten Operation, malt Hodler zwei Porträts. Ein fragender, fast schon flehentlicher Blick sowie die verschränkten Hände – traditionell ein Symbol verhaltenen, stillen Schmerzes – kennzeichnen das erste. Im zweiten hat Valentine ihr würdevolles Gesicht, halb bewusstlos, abgewandt. An der Wand skizziert Hodler eine kleine Uhr und rote Rosen – Symbole verfließenden Lebens und vergänglicher Liebe (Abbildung 1).

Am 25. Dezember 1914 notiert Hodler in seinem Skizzenheft Valentines Frage, ob sie sterben müsse, und noch am 19. Januar 1915 ihren Wunsch: „Ich möchte Dich sehen.“ Auf Hodlers Bildern fehlt dagegen schon seit dem 17. Dezember jeglicher Blickkontakt. Zusehends zeigt sich Valentines Leidensweg. Nur noch im Schlaf erhellen sich die Gesichtszüge. Immer mehr skizziert Hodler aber auch Erschöpfung und Schmerzen, malt, wie die Patientin abmagert und um Atem ringt, wie sich in ihr Gesicht der erschütternde Ausdruck des Leidens gräbt, wie ihre einst so stolze Haltung des Kopfes und des Körpers für immer zerbricht.

Abb. 2: Ferdinand Hodler: Die sterbende Valentine Godé-Darel, 24. Januar 1915, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Basel
Abb. 2: Ferdinand Hodler: Die sterbende Valentine Godé-Darel, 24. Januar 1915, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Basel

Am 24. Januar 1915, einen Tag vor ihrem Tod, malt er dann ihr Antlitz der Agonie (Abbildung 2): Der Mund ist zum Röcheln weit geöffnet, tiefe Furchen haben sich in ihr Gesicht eingekerbt, auch die gespenstische, kahle Wand im Hintergrund gemahnt an das Ende. Zwei Tage danach markiert Hodler in einer Skizze den grundlegenden Übergang vom Leben zum Tod. Sein Biograf Hans Mühlestein schrieb: „Wie in einem erloschenen Krater ist das Auge tief in der Augenhöhle versunken und wie eine Sichel liegt eine schwarze Haarsträhne auf dem weißen Kissen. . . . Wie ein Schlussstrich aber führt unten eine horizontale Linie jetzt quer über das ganze Bild“ (Abbildung 3). Haupt und Arme der Verstorbenen sind in erdigen Farbtönen gemalt, in ihrem Totengewand zerstückeln sich die Linien und zerfließen. Es scheint, als ob der ausgezehrte Leichnam seine irdische Bindung verliere und schwebe, als werde er Teil der „großen Einheit“ (Hodler). Noch am selben Tag malt Hodler drei monumentale Porträts der Toten und symbolisiert angeblich Valentines aufsteigende Seele – was ihrem individuellen Sterben nun erst recht eine universale, spirituelle Dimension verleiht.

Abb. 3: Ferdinand Hodler: Die tote Valentine Godé-Darel, 26. 1. 1915, Bleistift, Öl auf Papier, Kunstmuseum Basel
Abb. 3: Ferdinand Hodler: Die tote Valentine Godé-Darel, 26. 1. 1915, Bleistift, Öl auf Papier, Kunstmuseum Basel

Obwohl Valentines Tod Hodler emotional berührte, behielt er mit Stift und Pinsel objektiv Distanz. Valentines Todesahnung, ihr Verlangen nach Leidenslinderung, ihre zunehmende Abwendung und Vereinsamung – Hodler zeichnete alles auf, als wollte er dem unfassbaren Phänomen Tod auf die Spur kommen, ihn ergründen und festhalten. Dass ein Künstler „wissenschaftlich“ minutiös einen Sterbeprozess beobachtete und dokumentierte und wie tiefgreifend er dieses Sujet auch differenzierte, war beispiellos. Hodler war sich dessen bewusst. Dennoch wurde sein Tabubruch am Totenbett zunächst kaum bemerkt. Erst 1976 zeigte eine Ausstellung des Hodler-Kenners Jura Brüsch-weiler das immense Ausmaß und die Bedeutung der Bilderserie.

Seitdem wird sie in unterschiedlichsten Zusammenhängen interpretiert. Man deutete sie im Sinne psychoanalytischer Kreativitätstheorien und als Medium zur Einfühlung in die Leidensphasen Krebskranker. Sie stand auch im Fokus medizinhistorischer und ethisch-ästhetischer Überlegungen. Die Genderbewegung hinterfragte die Motivation des Künstlers und problematisierte das facettenreiche Verhältnis zwischen Maler, Modell und Publikum.

100 Jahre sind nun seit Abschluss des Bilderzyklus vergangen. Seither entwickelt sich gerade im Umgang mit Sterben und Tod eine ungeheure gesellschaftliche Dynamik. Doch trotz aller Veränderungen bleiben die zeitlosen, multidimensionalen Aspekte am Lebensende: Sterben ist ein Prozess, es hat biologische, psychische, soziale und ethische Seiten, und es hinterlässt die Frage nach dem „Weiterleben“. All dies haben Hodler, der Maler, und Valentine, die ihn ihr Martyrium malen ließ, in feinsten Nuancen sichtbar gemacht: in einem „unsterblichen“ Werkzyklus.

Dr. phil. Klaus Brath, Dipl.-Psych.

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1.
Bätschmann O, Brunner M, Walter B (Hrsg.): Ferdinand Hodler. Catalogue raisonné der Gemälde, Band 2: Die Bildnisse. Zürich, Scheidegger & Spiess 2012.
2.
Brüschweiler J: Ein Maler vor Liebe und Tod. Ferdinand Hodler und Valentine Godé-Darel. Ein Werkzyklus 1908–1915. Ausstellungskatalog Zürich, St. Gallen, München und Bern 1976/1977.
3.
Gronemeyer R: In Ruhe sterben – Was wir uns wünschen und was die moderne Medizin nicht leisten kann. München, Pattloch 2014.
4.
Jansen G: Bilder eines Sterbens. Krankheitsverlauf und Tod im Valentine Godé-Darel-Zyklus von Ferdinand Hodler. Universität Halle, Dissertation 1995.
5.
Kraft H: Objektverlust und Kreativität. Eine Darstellung anhand Ferdinand Hodlers Werkzykus über Valentine Godé-Darel. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse 1981; 27: 390–400. MEDLINE
6.
Küster U: Ferdinand Hodler. Ostfildern, Hatje Cantz 2012.
8.
Mühlestein, H., Schmidt, G.: Ferdinand Hodler 1853–1918. Sein Leben und sein Werk. Zürich, Erlenbach 1942.
9.
Pestalozzi B C: Looking at a Dying Patient. The Ferdinand Hodler Paintings of Valentine Godé- Darel. Journal of Clinical Oncology 2002; 20: 1948–50. MEDLINE
10.
Schmidt K: Ferdinand Hodlers Serie der kranken, sterbenden und toten Valentine Godé-Darel. In: Baán L, Frehner M (Hrsg.): Ferdinand Hodler. Eine symbolistische Vision. Ausstellungskatalog Kunstmuseum Bern und Szépmüvészeti Muzeum Budapest 2008: 275–96.
11.
Schweizer H: The Art of Dying. Hodler’s Cycle of Paintings of Valentine Godé-Darel. In: Twohig P L, Kalitzkus V (Hrsg.): Interdisciplinary Perspectives on Health, Illness and Disease. Amsterdam, Rodopi 2004: 183–95.
12.
Wende W: Künstlerbilder – oder: Über den Umgang mit dem Tod bei Ferdinand Hodler und Erica Pedretti. In: Ester H (Hrsg.): Künstler-Bilder: Zur produktiven Auseinandersetzung mit der schöpferischen Persönlichkeit. Amsterdam; Rodopi 2003: 80–103.
1.Bätschmann O, Brunner M, Walter B (Hrsg.): Ferdinand Hodler. Catalogue raisonné der Gemälde, Band 2: Die Bildnisse. Zürich, Scheidegger & Spiess 2012.
2.Brüschweiler J: Ein Maler vor Liebe und Tod. Ferdinand Hodler und Valentine Godé-Darel. Ein Werkzyklus 1908–1915. Ausstellungskatalog Zürich, St. Gallen, München und Bern 1976/1977.
3.Gronemeyer R: In Ruhe sterben – Was wir uns wünschen und was die moderne Medizin nicht leisten kann. München, Pattloch 2014.
4.Jansen G: Bilder eines Sterbens. Krankheitsverlauf und Tod im Valentine Godé-Darel-Zyklus von Ferdinand Hodler. Universität Halle, Dissertation 1995.
5. Kraft H: Objektverlust und Kreativität. Eine Darstellung anhand Ferdinand Hodlers Werkzykus über Valentine Godé-Darel. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse 1981; 27: 390–400. MEDLINE
6. Küster U: Ferdinand Hodler. Ostfildern, Hatje Cantz 2012.
7. Lloyd J: Valentine Godé-Darel: Zeit und Ewigkeit. In: Lloyd, J., Küster, U. (Hrsg.): Ferdinand Hodler. Fondation Beyeler; Basel 2013: 111–121.
8. Mühlestein, H., Schmidt, G.: Ferdinand Hodler 1853–1918. Sein Leben und sein Werk. Zürich, Erlenbach 1942.
9.Pestalozzi B C: Looking at a Dying Patient. The Ferdinand Hodler Paintings of Valentine Godé- Darel. Journal of Clinical Oncology 2002; 20: 1948–50. MEDLINE
10.Schmidt K: Ferdinand Hodlers Serie der kranken, sterbenden und toten Valentine Godé-Darel. In: Baán L, Frehner M (Hrsg.): Ferdinand Hodler. Eine symbolistische Vision. Ausstellungskatalog Kunstmuseum Bern und Szépmüvészeti Muzeum Budapest 2008: 275–96.
11.Schweizer H: The Art of Dying. Hodler’s Cycle of Paintings of Valentine Godé-Darel. In: Twohig P L, Kalitzkus V (Hrsg.): Interdisciplinary Perspectives on Health, Illness and Disease. Amsterdam, Rodopi 2004: 183–95.
12.Wende W: Künstlerbilder – oder: Über den Umgang mit dem Tod bei Ferdinand Hodler und Erica Pedretti. In: Ester H (Hrsg.): Künstler-Bilder: Zur produktiven Auseinandersetzung mit der schöpferischen Persönlichkeit. Amsterdam; Rodopi 2003: 80–103.

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